OB-Kandidatin Kristina Frank (CSU) im Interview wird ganz privat – und sehr politisch

"Wir muten den Münchnern gerade viel zu!"

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Kristina Frank geht im März 2020 als CSU-Kandidatin ins Münchner OB-Rennen, Im großen Interview mit HALLO-Chefredakteur Marco Heinrich erzählt sie von prägenden Erlebnissen aus ihrem Elternhaus und der weiten Welt.

Am 15. März 2020 will Kristina Frank (38, CSU) Münchens erste Oberbürgermeisterin werden. Dann tritt sie gegen Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) und Katrin Habenschaden (Grüne) an. Im HALLO-Interview blickt sie auf ein bewegtes Leben zurück – und auf große Aufgaben voraus.

HALLO: Oberbürgermeisterin von München – noch ist das nur eine Idee. Wer war davon schwieriger zu überzeugen: Ihre Partei oder Ihre junge Familie?

Frank: Die Partei musste ich zum Glück nicht überzeugen. Es wurden viele Bitten an mich herangetragen. Ich habe dann tatsächlich einige Zeit überlegt, denn natürlich bringt eine solche Aufgabe familiäre Einschnitte mit sich. Für mich war die Landtagswahl ausschlaggebend. Die CSU tut einiges für Frauen – aber ich glaube, wir müssen da weiter zulegen. Da kann ich mich selbst nicht aus der Verantwortung stehlen.

Ihre Homepage startet mit einem Imagefilm, in dem gleich zu Beginn auch Ihr Sohn und Ihr Ehemann zu sehen ist. Haben Sie nichts dagegen, dass das Politische mit dem Privaten so verschwimmt? 

Der Film soll zeigen, welche Herausforderungen mir jeden Tag begegnen. Und das sind die eines ganz normalen Münchners: Das Kind rechtzeitig zur Kita bringen oder mich durch den Verkehr kämpfen. Ich bin ein normales Münchner Kindl.

So normal wirkt Ihr Lebenslauf allerdings auf den ersten Blick nicht...

Mein Elternhaus könnte normaler nicht sein. Mein Vater war selbständig. Und ich weiß, was es bedeutet hat, als er am Ende seine Rente mit Hilfe des Staates aufstocken musste. Meine Mutter war Sachbearbeiterin in einer Krankenkasse. Ich selbst bin meinem Beruf immer mit großer Leidenschaft nachgegangen. Daraus ergaben sich viele Chancen.

Wer hat Sie in der Familie mehr geprägt: Vater oder Mutter? 

Beide. Sie sind aber auch sehr unterschiedlich. Meine Mutter ist sehr organisiert und pünktlich. Mein Vater dagegen verkörperte echtes bayerisches Lebensgefühl. Gesellschaft war ihm immer sehr wichtig. Geprägt hat mich auch, wie sie miteinander umgegangen sind. [Pause] Meine Mutter war da, als mein Vater starb, obwohl sie zu dem Zeitpunkt nicht mehr zusammen waren. Sie sind direkt nach dem Abitur ausgezogen. Und im Rahmen des Referendariats gingen Sie nach Jakarta und Sydney. Warum ausgerechnet Indonesien? Ich habe schon lange ein Faible für Asien. Und ich fand es spannend, als Frau im größten muslimischen Land der Welt Erfahrungen zu sammeln. Außerdem ist Indonesisch viel leichter zu lernen als zum Beispiel Nepali.

Und welche Erfahrungen haben Sie dann in Indonesien gemacht?

Zum Beispiel, dass Taxifahrer keine Frau mitnehmen, die alleine und ohne Kopftuch am Flughafen steht [lacht]. Aber wenn man die Sprache spricht, geht es dann doch. Insgesamt gibt es dort einen ganz anderen Lebensrhythmus – allein schon durch das fünfmalige Beten am Tag. Ich bin grundsätzlich unglaublich neugierig, auch deshalb liebe ich das Reisen. Und in Diskussionen vertrete ich meinen Standpunkt. Auch wenn es Folgen hat: In meinem indonesischen Zeugnis stand am Ende, dass ich sehr selbstbewusst aufgetreten bin. Das waren die von einer Frau wahrscheinlich nicht gewohnt.

Zurück in München waren Sie erst Rechtsanwältin, dann Staatsanwältin und schließlich Richterin. Welche Rolle entsprach Ihrem Charakter am meisten? 

Das kann ich so gar nicht beantworten. Als Rechtsanwältin musste ich manchmal Meinungen vertreten, die nicht meine waren, für die der Mandant aber bezahlt hat. Als Staatsanwältin war ich für Kapitalverbrechen zuständig. Ich habe in die Abgründe des menschlichen Daseins geblickt. Nicht alles, was man am Tatort sieht oder riecht, wird man gleich wieder los. Und als Richterin fragte ich mich oft, ob nicht ein Kompromiss ohne Richterspruch für alle besser gewesen wäre.

Warum dann der Wechsel in die Politik?

Ich bin in der CSU, seit ich 18 Jahre alt bin – also mehr als mein halbes Leben. Eine politische Karriere war aber nie geplant. Doch dann wurde ich 2014 Stadträtin und vor knapp einem Jahr Kommunalreferentin. Ich habe es nicht bereut, dass es so gekommen ist.

Vermissen Sie das Leben in der Juristerei manchmal?

Ja, manchmal schon. Als Richterin hatte ich die Dinge selbst in der Hand. In der Münchner Verwaltung dagegen gibt es fast 40.000 Mitarbeiter– und wir brauchen jeden davon. Außerdem dauern Prozesse in der Politik oft länger. Deswegen ist es wichtig, Prioritäten zu setzen. Seit ich im Kommunalreferat bin, konnten wir große Themen wie die Großmarkthalle oder die Griechische Schule endlich abschließen. Das sind dann echte Erfolgserlebnisse.

Die Politik liefert derzeit viele weibliche Erfolgsgeschichten: Angela Merkel. Annegret Kramp-Karrenbauer. Ursula von der Leyen. Christine Lagarde. Warum ändert sich die Politik trotzdem nicht fundamental im Vergleich zu den Zeiten männlicher Alleinherrschaft?

Ich denke, Angela Merkel regiert mit weiblichen Attributen, ohne das an ihrem Geschlecht festzumachen. International steht sie für den Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen. Sie hat immer beide Seiten einer Medaille im Auge.

Sie teilen nicht die Einschätzung, dass Angela Merkel in Krisen sehr gut Zeit gewinnt – und dann nicht weiß, was sie mit der Zeit anfangen soll?

Ich empfinde sie in Krisen als sehr entscheidungsfreudig – unabhängig davon, ob ich diese Entscheidungen begrüße. Sie erfasst komplexe Situationen in sehr kurzer Zeit.

Ist Angela Merkel für sie ein politisches Vorbild? 
Also, wenn Sie mich direkt nach Vorbildern gefragt hätten, wäre mir ihr Name nicht als Erstes eingefallen. Als Bundeskanzlerin macht sie aber in den allermeisten Bereichen eine gute Figur.

Kommen wir nach München. Sie wollen eine neue „City-Life-Balance“. Was meinen Sie damit genau?

Ich glaube, wie muten den Münchnern momentan zu viel zu. Weil wir zu viele Probleme auf ihre Schultern laden, die wir eigentlich selbst lösen müssten. Wartezeiten beim KVR, Verkehrschaos auf dem Weg in die Arbeit, Sorgen um Kitaplätze. Wir müssen es den Leuten so einfach wie möglich machen, Dinge zu tun, die sie am liebsten gar nicht machen würden.

Gibt es für München natürliche Grenzen in Bezug auf die Anzahl der Einwohner? 

Das hängt davon ab, wie schnell man Wachstum realisieren kann. Wie schnell können wir Platz machen? Und zwar nicht nur in Bezug auf Wohnungen, sondern auch was Kita- oder Sportplätze angeht. Und im Gegensatz zur SPD ist Wohnungen bauen für die CSU kein Allheilmittel. München darf seinen Charakter nicht verlieren. Das steht über jedem Bauvorhaben. Sie erleben Oberbürgermeister Dieter Reiter in der täglichen Arbeit. Was würden Sie sofort anders machen? Ich würde dem Zusammenspiel der Referate deutlich mehr Zeit widmen. Momentan sind das 15 Minuten in der Woche. Das ist einfach nicht ausreichend. Ich denke, dass Markus Söder oder Angela Merkel mit ihrem Kabinett mehr Zeit verbringen.

Reiters Beliebtheitswerte sind weiterhin hoch. Glauben Sie wirklich, dass die Stimmung in München auf Wechsel steht? 

2014 oder 2015 war das noch nicht so. Heute sehe ich, dass es den meisten Münchnern einfach zu viel geworden ist. Wir stehen an einem Scheidepunkt – vielleicht ist die Stimmung sogar schon gekippt.

Ein Thema, das im Münchner Osten für Ärger sorgt, ist die ewige Hängepartie um den Kopfbau am alten Riemer Flughafen... 

Es stimmt, da ist seit Jahrzehnten nichts vorangegangen. Als Kommunalreferentin habe ich kurz nach meinem Amtsantritt verfügt, dass wir den Bau so schnell wie möglich nutzbar machen wollen. Ich habe sogar jemanden hingeschickt, der jeden Tag gelüftet hat, um dem Schimmel Herr zu werden. Leider sagte das Referat für Umwelt und Gesundheit dann: „Es reicht nicht.“ Darum habe ich nun eine städtische Eigensanierung in Kooperation mit der MRG auf den Weg gebracht. Das ist genau der Einsatz, der leider vorher gefehlt hat. Und wenn solche Entscheidungen den Bürgern klar und transparent dargelegt werden, fruchten auch keine Verschwörungstheorien. Dann kommt man dahin, Dinge gemeinsam anzupacken – auch mit Bürger- initiativen wie bei der Fauststraße 90 in Trudering.

Wie sehen Sie das Stadtviertel insgesamt? Dieter Reiter will ja den Willy-Brandt-Platz neu gestalten. Allerdings ist er mit seinem Plan noch nicht konkret geworden.
Ich meine, wir müssen uns den Platz plus einen gewissen Radius drumherum anschauen. Bislang ist das eine Steinwüste ohne Willkommensgefühl. Das ganze Stadtviertel ist noch nicht so charmant, wie es sein könnte und sein sollte.

Interview: Marco Heinrich

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