10 Jahre Messestadt Riem

Vor zehn Jahren sah es noch völlig anders aus auf dem Gelände in Riem, auf dem jetzt die Messestadt steht. Riesige Kiesbrachen, Schuttberge und Abbruchflächen beherrschten das Bild. Als erster Bau wurde die neue Lehrer-Wirth-Schule ganz im Süden fertig gestellt, daneben ein paar Reihenhäuser, in die im Dezember 1998 die ersten Pioniere einzogen. Inzwischen hat das Projekt Messestadt die Halbzeit längst hinter sich, fast 10.000 Menschen leben dort, bis 2014 sollen es 16.000 sein, dazu noch 13.000 Arbeitsplätze, vorwiegend in den Gewerbegebieten Nordost und Nordwest. HALLO wird aus diesem Anlass in lockerer Folge über das Werden der Messestadt, ihre Vorzüge, Besonderheiten und Schwächen, sowie über die Menschen und Netzwerke im neuen Stadtteil berichten.

Neu ist sie eigentlich nicht mehr, die Messestadt, die erst durch die Umsiedlung des Flughafens München-Riem nach Erding im Jahre 1992 möglich wurde. Die Pioniere, die seit den Anfängen dort leben, könnten den später Hinzugekommenen erzählen von den ehrgeizigen Plänen der Stadt, hier nicht nur alles gut, sondern alles besser zu machen. Ein Wunsch, der in Zeiten fetter Jahre nicht durch finanzielle Enge ausgebremst wurde. Zahlreiche innovative und manchmal auch ein wenig weltfremde Konzepte prägten das Werden des neuen Viertels: Dem ökologischen Rahmenkonzept folgten Freimachungs- sowie Altlasten- und Sanierungskonzept, Erschließungskonzept, soziales Nutzungs- und Versorgungskonzept, Energiekonzept, Parkraumkonzept, Gestaltungskonzept, Abfallkonzept, Spielraumkonzept, Kunstkonzept, Nutzerbeteiligungskonzept und Leitbaumkonzept. Manches dieser Konzepte erwies sich als alltagsuntauglich und musste geändert werden, wie das Parkraum- und das Abfallentsorgungskonzept beispielsweise. Vorzeitig beendet wurde das Kunstkonzept, obwohl es über die Grenzen der Republik hinaus Beachtung fand. Chancen Die Überplanung des 560 Hektar großen Flughafenareals bot für Stadt- und Grünplaner die Chance, alles von Null auf neu zu denken, gradliniger, schnörkelloser zu gestalten und dabei auch ein wenig sich selbst zu verewigen. Ökologische Ansätze, wohin man blickt – autofreie Wohnprojekte, begrünte Dächer, extensives Grün im 200 Hektar-Landschaftspark, breite Grünzüge von der Wohnbebauung im Norden zum südlich gelegenen Park. Und selbst die anfangs von den ersten Bewohnern so heftig kritisierten kilometerlangen Betonmauern vor den Wohnhäusern sind inzwischen von Grün überwuchert. Wer einen Blick durch die Eingangsportale ins Innere der Wohnhöfe wagt, kann durchaus mal von einem mediterran anmutenden Idyll entlohnt werden. Der Rodelhügel Wo heute der Rodelhügel Mountainbiker, Spaziergänger und Schlittenfahrer lockt, wurde peu à peu das Abbruchmaterial des ehemaligen Flughafens aufgeschichtet, verdichtet und begrünt. Die Kiesausbeute aus dem Riemer See verursachte eine Talfahrt der örtlichen Kiespreise, so dass die Vermarktung erst mal auf Eis gelegt wurde. Erst nach der BUGA 2005 konnten die Messestädter den Landschaftspark eintrittspreisfrei genießen und den Badesee zu ihrem Rimini machen. Wohnungen mit „Alpenblick und Badesee“ preisen die Bauträger in der Messestadt an, anfangs beäugten sie die riesige Kiesbrache eher skeptisch. Wo aber sonst konnten sie ihren Käufern eine fertige Schule, U-Bahnanschluss in Bälde und Aussicht auf Park und See versprechen? Erst die Infrastruktur Ein Credo der Messestadtplaner lautete: Infrastruktur erstellen, ehe die Bewohner kommen! Fehler, die bei der Planung der Trabantenstädte Neuperlach und Hasenbergl gemacht wurden, sollten in Riem nicht passieren. Bei Schulen und Kitas ist das gelungen, Einkaufsmöglichkeiten und U-Bahnanschluss (wegen des Busunglücks in Trudering) ließen länger auf sich warten. Grün ist die Messestadt inzwischen, kompakt auch, das hat eine Untersuchung ergeben. Die Urbanität allerdings findet man nur am Willy-Brandt-Platz mit seinem Einkaufszentrum. Liebe und Ablehnung Die Messestadt polarisiert. Die einen sind leidenschaftliche Messestädter, möchten nirgends sonst mehr wohnen, kosten die Vorzüge des Standorts voll aus und bringen sich im Stadtteilleben ein. Die anderen möchten im Viertel nicht abgemalt sein, stoßen sich an den schnurgeraden Straßenschluchten, der langweiligen Architektur, den vielen bunt gemischten Kulturen, die in der Messestadt leben. Und natürlich gibt es auch die dazwischen, die Park und Grünzüge lieben, die Urbanität des Zentrums schätzen, Verkehrs-, Parkdruck, Lärm und Gestank in den engen Straßen kritisieren und die soziale Mischung der Bewohnerschaft als nicht allzu gelungen empfinden. Doch noch ist alles offen – die Messestadt ist jung und kann sich zum Guten oder Schlechten entwickeln. Wie es sich in 20 Jahren dort lebt, das haben die Bewohner auch selbst in der Hand. Gabriele Mühlthaler

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