75 Jahre Eisenbahn-Kleingärtner

Stolz auf 75 Jahre Eisenbahner-Kleingärten an der Schnittstelle zwischen Trudering und Berg am Laim: Vorstand Otto Eiblmeier fühlt sich wohl im eigenen, schmucken Gartenidyll. Foto: Hettich

Eine farbenfrohe Blütenpracht, wohin das Auge blickt, liebevoll gestaltete Kleinhäuschen und ebenso liebevoll gestaltete Gartenoasen inmitten pulsierenden großstädtischen Lebens drumherum: die Kleingartenanlage der Eisenbahn-Kleingärtner im Geviert von Truderinger Straße und Haringerweg ist ein Idyll der besonderen Art – und feiert in diesen Tagen ihr 75. Wiegenfest.

Am kommenden Samstag, 2. Juli, ist im sonst so beschaulichen Naturensemble anlässlich des Jubiläums der Anlage einiges geboten – die Ruhe, wenn auch nur kurzzeitig, verbannt. Es wird einiges geboten sein, interessierte Gäste sind seitens der „Gartler“ herzlich eingeladen. Ab 15 Uhr erklingen die Instrumente der Feldkirchner Blasmusik, ab 18 Uhr schicken die Truderinger Böllerschützen ihre lautstarken Geburtstagssalven in den Himmel über Berg am Laim und Trudering. Von 18.30 Uhr bis zum Festende um 22 Uhr sorgt die Kapelle „Herzbluad“ für beste Unterhaltung. Für die Kleinen Auch die Kleinen kommen zu ihrem Recht: neben einer Hüpfburg wartet auf die jungen Gäste auch das beliebte Kinderschminken (15 bis 17 Uhr). Für Labsal in Form schmackhafter Speisen und Getränke sorgt das Vereinsheim der Anlage. Besonderer Höhepunkt: nach Einbruch der Dunkelheit wird ein Brillantfeuerwerk gezündet – nach 75 Jahren emsigen Wirkens in und um die Anlage herum haben sich die Kleingartenfreunde diese Feierfreuden auch redlich verdient. Wenig Sorgen Zum Feiern ist den Gartenfreunden auch anderweitig zumute: Zwar hat das Bundeseisenbahnvermögen als Alteigentümer die Gärten im Jubiläumsjahr an die Firma Ferstl-Holz verkauft. „Die Bahn ist ja seit dem Eisenbahnüberleitungsgesetz Mitte der 90er Jahre verpflichtet, alle Grundstücke zu verkaufen, die nicht zum Betrieb nötig sind“, erklärt Vereinsvorstand Otto Eiblmeier beim Ortstermin. „Das betraf auch unsere Anlage – trotz gegenteiliger Hoffnungen unsererseits.“ Doch was die Kleingärtner beruhigt, sind vor allem zwei Details: zum einen habe der Neueigentümer auch im direkten Gespräch mit dem Vorstand versichert, er wolle nichts an den bestehenden Strukturen ändern. „Vor allem aber ist die Anlage seitens der Stadt als Kleingartenanlage ausgewiesen – auch die Stadt hat uns versichert, nichts daran ändern zu wollen“, freut sich der Vorsitzende. „Wachsam werden wir dennoch bleiben“, versichert er. Trotz aller aktuellen Feierfreuden. „Es soll einfach alles so bleiben wie es ist, das ist unser einziger Wunsch zum Jubiläum.“ Einblicke Vögel zwitschern und kreisen friedlich über den Gärten, Maikäfer und Schmetterlinge drehen ihre Runden, in den Gärten wird gewerkelt oder bei den heißen Temperaturen an diesem Montag auch einfach in der Liege ausgespannt. Man könnte Lust bekommen auf das Leben als Kleingartler in diesen Tagen. Die Anlage der Eisenbahner hat ihren ganz eigenen Charme – fernab von den normiert-stereotypen Einheitsbauten und Gärten städtischer Anlagen hat hier jeder Parzellenpächter sein individuelles Traumkleinod geschaffen. Auf rund 6000 Quadratmetern zwischen Trudering und Berg am Laim sind 85 Parzellen beheimatet. Tolle Gemeinschaft „Eine tolle Gemeinschaft“, lobt Otto Eiblmeier stolz. Er steht den Pächtern und den rund 330 Vereinsmitgliedern seit 1985 vor und hat einiges erlebt. „Nur keine Probleme untereinander“, freut er sich über das harmonische Sein vor Ort. „Hier sind alle alteingesessen und zum größten Teil ehemalige oder noch aktive Eisenbahner“, plaudert Eiblmeier als Insider aus dem Bahner-Nähkästchen. Er selbst war lange Jahre als Leiter der Borddienste für die Zugbegleiter Münchens zuständig. Heute lebt der Pensionär vorrangig für und in seinem prächtigen, liebevoll gepflegten Kleingarten und erfreut sich am örtlich umfangreichen Fundus an Flora und Fauna. Hauptsignal „In den 80er und 90ern haben wir dreimal einen Maibaum hier aufgestellt“, erzählt Eiblmeier. Heute ragt stattdessen ein ehemaliges Hauptsignal in die Kleingartenlüfte und verweist auf die Provenienz seiner Bewohner. Hoher Erholungswert Bereits seit 1976 hat Eiblmeier seinen Garten – und möchte ihn wie die anderen hier nicht missen. „Es ist schon bezeichnend: wenn ältere Menschen aus den Reihen unserer Mitglieder bisweilen nach Jahrzehnten aus Altersgründen ihren Garten nicht mehr bestellen können und aufgeben müssen, dann fließen viele Tränen!“ Den hohen Erholungswert inmitten und doch abseits des Großstadttrubels und die gewachsenen Gemeinschaftsbeziehungen und Freundschaften nennt Eiblmeier als Hauptgründe für seine Art der Freizeitgestaltung. „Der Alltagsstress fällt völlig ab, du fährst kaum noch Auto und sparst dir den Urlaub in der Ferne“, zählt er lachend auf. Ein Leben ohne den Garten, der am 24. August 1936 offiziell eingeweiht wurde – „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen!“ Historie Stattdessen erzählt der Vorstand noch ein bisschen aus der Historie: „Die Gründer hatten klein angefangen – zur Anlage gehörte damals ein Vereinsheim, das aus einem Tisch und zwei Bänken bestand“, schmunzelt Eiblmeier. Mehrmals habe man das Vereinsheim im Laufe der Jahrzehnte in gemeinsamer Eigenleistung ausgebaut – heute präsentiert sich das Anwesen als schmucke Gaststätte mit Biergarten. Im Aufwind „Insgesamt ist die Szene wieder im Aufwind“, bilanziert Eiblmeier nach Jahren des Abschwungs in der Kleingartenszene. „Derzeit sind unsere Parzellen wieder sehr begehrt“, weiß er. 40 Namen finden sich aktuell auf der Warteliste. „Einige Jahre Geduld sind da gefragt“. Wer dann das Glück hat, einen schmucken Kleingarten zu bekommen, der hat überschaubare Kosten: 40 Cent pro Quadratmeter beträgt derzeit der jährliche Pachtzins – dazu kommen 23 Euro Mitgliedsgebühr für den Verein. „Dafür gibt es nicht nur die Gartler-Zeitung obendrauf, sondern auch jede Menge Gemeinschaft, Unterstützung und Hilfe“, so der Vorstand. Vereinsabende Regelmäßig trifft man sich auch zu Vereinsabenden, macht eintägige Ausflüge in die bayerische Region oder unternimmt Mehrtagesfahrten wie zuletzt in die oberitalienische Piemontregion. Im Juli fahren die Mitglieder zudem nach Bamberg. „Aber nicht zum Vergnügen“, versichert Eiblmeier. Vielmehr sei der Trip eine Studienfahrt zum Thema Gemüseanbau. Schließlich muss der Kleingartler auch immer auf dem neuesten Stand der Wissenschaft bleiben in Sachen Flora und Fauna. Damit die Genusslandschaft am Haringerweg auch in den kommenden 75 Jahren eine solche bleibt. Zu wünschen wäre dies inmitten des großstädtischen Trubels allemal. Harald Hettich

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