„Da müssten wir alle Engel sein, wenn‘s nicht so wäre“

HALLO-Interview mit der Haarer Bürgermeisterin Gabriele Müller

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Auch dieses Jahr geht die Haarer Bürgermeisterin Gabriele Müller ohne feste Vorsätze ins neue Jahr. Daran liegt es aber nicht, dass sie nicht an eine dauerhafte Harmonie im Gemeinderat glauben mag.

Die stade Zeit ist zu Ende. Oder ist es für eine Bürgermeisterin nie wirklich ruhig? 

Es ist tatsächlich kaum Zeit, das abgelaufene Jahr in Ruhe Revue passieren zu lassen. Gerade vor Weihnachten stehen sehr viele Termine an. Ab Mitte November zieht es noch einmal richtig an. Aber ich beschwere mich nicht, denn es handelt sich immer um Menschen, die das Leben in Haar bereichern und mit ihrem Einsatz verbessern.

Zum Jahresende wurde der Haushalt für 2019 im Gemeinderat verabschiedet. Sogar einstimmig. Hat Sie das überrascht? 

Es gab wieder einen großen Gesprächsbedarf über das Budget. Wir haben uns lang und intensiv Zeit dafür genommen. Ich empfinde die Einstimmigkeit am Ende der Diskussion als ein schönes Zeichen.

Die Stimmung im Gemeinderat ist insgesamt harmonischer geworden oder trügt der Eindruck? 

Ich glaube auch, dass es ein bisschen ruhiger geworden ist (lacht). Vielleicht haben sich jetzt alle aneinander gewöhnt.

Die neu zu benennenden Straßen in Haar sind dafür ein weiteres Beispiel. 

Da gab es durchaus kontroverse Positionen und Diskussionen Es gibt ja so viele Möglichkeiten, wenn es um Straßennamen geht. Aber wir hatten uns vorgenommen, erst in die Öffentlichkeit zu gehen, wenn wir uns einig sind. Und das ist uns auch gelungen.

Sie selbst haben lange mit sich gekämpft, eine Straße nach Edith Hecht zu benennen, die 1944 als 13-Jährige in der Haarer Klinik starb. 

Ich habe mir Gedanken gemacht, was es für die Anwohner bedeutet, in einer Straße zu leben, die so benannt ist. Ob das nicht eine Schwere in den Alltag bringt. Ich selbst bin Mutter eines behinderten Sohnes, der hätte in der Zeit des Nationalsozialismus nicht leben dürfen! Und genau dort fing mein Umdenken an. Genau an dieser Straße entsteht eine Kindertagesstätte, die inklusiv arbeiten wird. Das heißt, sie wird für alle Kinder offen sein. Kinder, wie Edith Hecht.

Kommen wir noch einmal zurück zum Budget. Haben sich eigentlich viele schwäbische Hausfrauen bei Ihnen beschwert? Immerhin sagten Sie, man könne eine Gemeinde wie Haar nicht führen wie eben eine schwäbische Hausfrau? (lacht) Nein, mir ist nichts zu Ohren gekommen. Ich meinte damit, dass wir in Haar strukturell nach vorne denken müssen. Und da können wir eben nicht nur das ausgeben, was wir vorher eingenommen haben. In unserem Fall machen Schulden Sinn. Ich bedauere nur, dass wir nicht genauer differenzieren können, wie viel dieses Geldes in den Bau neuer Wohnungen fließt. Denn das sind Investitionen, die sich auszahlen. Und den Bau einer Schule für 40 Millionen können wir uns leisten.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in das neue Jahr? 

Ich bin nach wie vor sehr gerne Bürgermeisterin. Wir haben 2018 viel vorwärts gebracht. Es ist schön zu sehen, wie die ganze Planungsarbeit jetzt umgesetzt wird. Dass die Bagger anfangen zu arbeiten.

Das Verhältnis zu den Nachbarn in Trudering hat allerdings gelitten. 

Ich habe vor Weihnachten noch jemanden aus dem Truderinger Bezirksausschuss getroffen. Und ich möchte auch hier noch einmal klarstellen: Wir haben keine Pläne für eine Nordspange! Das scheint sich bei unseren Nachbarn aber nicht zu verfestigen. Es gab einmal eine Studie. Aber das war 1989 und ist mittlerweile tief in der Schublade verschwunden. Ich kann die Wünsche aus Trudering gut verstehen. Die Belastungen, die vom Kieswerk ausgehen, kenne ich. Auch wir sind davon betroffen.

Der Verkehr wird 2019 ein bestimmendes Thema bleiben. Und wir wollen die Bürger dabei intensiv einbinden. Das Mobilitätskonzept wird im neuen Jahr ein großes Thema sein. Mit Workshops, die ohne fertige Lösungen starten.

Ein Teil der Diskussion wird die Leibstraße sein. Wie hätten Sie sie denn am liebsten – wirklich als Einbahnstraße? 

Ich habe noch keine feste Meinung zur Leibstraße. Die Konzepte werden uns nicht davon befreien, am Ende eine politische Entscheidung treffen zu müssen. Das wird 2019/20 passieren. Ich glaube aber momentan, dass eine Einbahnstraßen-Lösung schwierig sein wird. Der Verkehr ist ja da – die Frage ist, ob wir ihn verlegen können.

2020 wird auch in Haar gewählt. Haben Sie Sorge, dass die bessere Stimmung im Gemeinderat bald wieder Geschichte ist? 

Da müssten wir ja alle Engel sein, wenn es nicht so wäre. Wahlkampf ist legitim und genau die richtige Zeit, um sich auseinander zu setzen. Ich glaube aber, dass wir das in aller Fairness tun werden. Denn das Leben geht weiter, auch nach einer Wahl.

Wie haben Sie sich persönlich verändert im vergangenen Jahr – als Bürgermeisterin und privat? 

(überlegt) Ich glaube, dass ich als Bürgermeisterin meine Geduld und Toleranz deutlich ausgeweitet habe. Wie es privat aussieht, das müssten Sie vielleicht meinen Mann fragen. Ich habe jedenfalls auch dieses Jahr wieder auf Vorsätze verzichtet. Das mache ich seit nun schon 59 Jahren so. 

Interview: Marco Heinrich

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