Bezirksausschuss-Vorsitzende Stephanie Hentschel zu ihrem Partei-Austritt

„Das Vertrauen zur CSU ist dahin“

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BA-Vorsitzende Stephanie Hentschel begründet im Gespräch mit HALLO ihren Austritt aus der CSU.

Truderings Bezirksausschuss-Vorsitzende Stephanie Hentschel hat der CSU den Rücken gekehrt und sich den Freien Wählern angeschlossen (HALLO berichtete). Ihre Gründe für diese Entscheidung hat Stephanie Hentschel im Gespräch mit der HALLO-Redaktion dargelegt.

HALLO: Frau Dr. Hentschel, vor gut einer Woche sind Sie aus der CSU aus- und bei den Freien Wählern eingetreten. Sie hatten sich für die Kandidatur zum Bundestag beworben, unterlagen im CSU-Kreisverband München Ost (KV Ost) aber mit 28 zu 79 Stimmen Wolfgang Stefinger von der Jungen Union. War das der Auslöser für Ihren Parteiwechsel?

Hentschel: Das allein wäre kein Grund für den Austritt aus der CSU gewesen, hat aber dazu beigetragen. 14 Jahre lang fragte ich, was die Partei braucht und nicht, was sie für mich tun kann. Wenn ich überzeugt bin, dass jemand der richtige Kandidat ist, stelle ich mich hinter ihn. Vor sechs Jahren hätte ich gerne für den Stadtrat kandidiert. Weil Georg Kronawitter auch Interesse hatte, stellte ich meine Ambitionen hintan. Damit hatte ich überhaupt kein Problem. In Fällen, wo junge CSU-Mitglieder bessere Entwicklungsmöglichkeiten für sich reklamierten, hieß es, sie sollten sich erst in der Kommunalpolitik bewähren. Das sollte für alle gelten, in meinem Fall fragt aber keiner mehr danach.

HALLO: Aus dem Kreisverband hört man, es sei Ihnen ein guter Platz auf der Stadtratsliste versprochen worden. Haben Sie dem nicht geglaubt?

Hentschel: Es gab einige Leute, die sich ehrlich um mich bemühten und mir anboten, mich bei einer Stadtratskandidatur zu unterstützen. Ein gut geführter BA-Vorsitz reicht aber nicht für eine aussichtsreiche oder gute Platzierung auf der Stadtratsliste. Das zeigt die Nichtaufstellung des ehemaligen BA-Vorsitzenden Günther Deppisch zur Stadtratswahl 2002. Die politische Arbeit im Bezirksausschuss kann zwar im Stadtrat Anerkennung finden, strahlt aber sonst kaum über den Stadtteil hinaus. Für einen guten Platz auf der Stadtratsliste braucht man die Unterstützung mehrerer Ortsvorsitzender im Kreisverband. Der Proporz in einer Partei spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das heißt, zuvorderst steht das Bestreben, möglichst jedem Ortsverband ein Mandat zukommen zu lassen.

HALLO: Ist also nicht die ausgewiesene Kompetenz eines Bewerbers die wichtigste Messlatte? 

Hentschel: Die Frage, was wir politisch für den Wähler verwirklichen wollen und mit wem das am besten erreicht werden kann, tritt hierbei durchaus mal in den Hintergrund. Es gab, wie gesagt, ein ehrliches Bemühen um meine Person, aber auch das Gerücht, dass man mich nur bis zur Wahl bei der Stange halten wolle. Nach allem, was ich in diesem Kreisverband erlebt habe, zweifle ich nicht daran, dass diese Aussage getroffen wurde. Dies ist für mich ein Symptom für ein absolut zerrüttetes Vertrauensverhältnis. Innerhalb der CSU könnte ich mich nicht mehr leidenschaftlich den anstehenden Themen widmen. Ich habe aber meine Überzeugungen und meine Leidenschaft für die Politik behalten, weshalb ich den Übertritt in eine andere bürgerliche Partei gewagt habe.

HALLO: Der Vertrauensverlust war also Grund für Ihren Parteiaustritt?

Hentschel: Das gab den Ausschlag. Seit längerem aber komme ich mit Widersinnigkeiten, wie beispielsweise dem Frauenbild der CSU, nicht wirklich klar. Ich selbst bin gegen die Frauenquote, die ist nur ein Alibi. Wenn aber in der Partei Äußerungen laut werden wie „nur Frauen, die in den Beruf zurück wollen, fordern diese Quote“, dann frage ich mich, welches Frauenbild diese Partei hat. Welche Werte vertritt sie? Frauen können sich auch mit Familie für Karriere oder für ihre klassische Rolle innerhalb der Familie entscheiden, das sollte eine gleichwertige Wahl sein. Ist es aber nicht. Vor allem sollten die Frauen diese Rollen ihren Lebensabschnitten ohne Benachteiligung anpassen können. Die Partei trägt das Familienbild wie ein Mantra vor sich her und setzt sich nicht für den Karriere-Wiedereinstieg von Frauen ein. Ideen fehlen, die Lebenswirklichkeit wird nicht wahrgenommen. Die Politik springt auf den nächsten PR-Gag auf, die Umsetzung ist dann meist dilettantisch. Politik darf nicht nach dem Motto handeln: „Was wollen die Leute hören?“ Man sollte sich lieber zusammensetzen und die Probleme diskutieren. Als Politiker muss man Trends setzen und nicht diesen nachlaufen!

HALLO: Warum sind sie bei den Freien Wählern eingetreten?

Hentschel: Das ist eine bürgerliche Partei ohne sichere Wahlkreismandate. Deshalb wird man Karrieristen da nicht so antreffen. Ich schaute mir das Wahlprogramm an, das passt. Auch das Treffen mit den Verantwortlichen lief unkompliziert ab.

HALLO: Was bedeutet ihr Parteiwechsel für die Bezirksausschuss-Arbeit?

Hentschel: Zur BA-Arbeit möchte ich sagen, dass dieser BA im Rahmen seiner Möglichkeiten so erfolgreich ist, weil er die Parteipolitik weitgehend außen vor lässt und, wie vom Wähler gewünscht, sich sachlich mit den vorliegenden Aufgaben auseinandersetzt. Er ist auch erfolgreich, weil wir in diesem BA nicht nur Probleme ansprechen, sondern auch, wo es möglich ist, Lösungswege aufzeigen. Die letzten vier Jahre haben gezeigt, dass hierbei die ehrliche Auseinandersetzung im Gremium essentiell ist, da die verschiedenen Parteien durchaus unterschiedliche Ansätze und Ideen bei der Lösungsfindung einbringen. Ich verspreche, dass ich nach wie vor mein Möglichstes tun werde, dass dies auch in Zukunft so bleibt.

Das Interview führte Gabriele Mühlthaler.


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