„Große Koalition hat keine Antworten – und der Oberbürgermeister schaut nur zu“

Oberbürgermeister-Kandidatin Katrin Habenschaden über ihre Familie, die Politik und ihren Plan für München

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Katrin Habenschaden im Gespräch mit HALLO-Chefredakteur Marco Heinrich

Jünger und weiblicher will die CSU werden, Katrin Habenschaden ist das schon. Am 15. März 2020 will die Stadträtin der Grünen außerdem Münchens Oberbürgermeisterin werden. Im großen HALLO-Interview spricht sie über ihre Wurzeln, ihre Familie und ihren Plan für die Stadt.

HALLO: Am Sonntag wurde gewählt. Verfolgen Sie solche Abende jetzt anders – seit Sie wissen, dass es auch für Sie in wenigen Monaten ernst wird?

Habenschaden: Natürlich. Ich war immer schon ein politischer Mensch, Wahlabend finde ich spannend. Seit ich Oberbürgermeisterin werden will umso mehr, weil ich jetzt auch Überlegungen für meinen eigenen Wahlkampf anstelle.

Für Sie war es wohl ein emotional bewegter Abend...

Das kann man wohl sagen. Ich habe mich sehr gefreut, dass Belit Onay in Hannover in die Stichwahl ums Bürgermeisteramt einziehen konnte. Er lag ja sogar minimal vorne. Das Ergebnis aus Thüringen macht mich dagegen sehr betroffen. Die AfD ist alles, aber keine Alternative, sondern in großen Teilen rechtsextremistisch.. Und die Sorge vor der AfD schwebt auch über München. Das wird auch in meinem Wahlkampf eine große Rolle spielen.

Können Sie denn tatsächlich etwas Neues über die AfD sagen, was ihre Kollegen in anderen Bundesländern oder im Bund noch nicht vorgebracht haben? Und genutzt hat es dort ja auch nichts...

[überlegt] Doch, in Bayern schon. Hier funktioniert diese Allianz. Es gibt einen großen Hebel, wenn die demokratischen Parteien in dieser Frage verein sind. Das zeigen auch die Wahlergebnisse bei der Landtags- und Europawahl.

In Hannover muss die SPD nach 73 Jahren den Bürgermeistersessel räumen. Ähnliches wollen Sie in München erreichen. Aber es heißt, sie würden trotzdem ab und zu gerne mit Dieter Reiter eine Pizza essen...

Wir kommen gut miteinander aus. Das gilt aber auch für viele aus der CSU. Das ist auch notwendig, wenn man Lokalpolitik macht. Meine Pläne für den Wahlkampf und darüber hinaus verändert das nicht.

Was werfen Sie Dieter Reiter konkret vor? Was würden Sie anders und besser machen?

Die Große Koalition aus CSU und SPD hat die großen Fragen in München nicht beantwortet. Vor allem in Bezug auf den Verkehr und das Wohnen. Das liegt an den handelnden Personen und am Konstrukt GroKo. Es gibt keine gemeinsame Vision für die Stadt. Seit der Landtagswahl werden jetzt noch hastig Anstrengungen unternommen. Aber das ist zu spät. Jahrelang hat sich die GroKo nicht an die entscheidenden Probleme getraut. Und der Oberbürgermeister hat zugesehen.

Dieter Reiter füllt sein Amt sehr unprätentiös aus. Wäre das auch Ihr Stil?

Gegen „unprätentiös“ ist nichts zu sagen, aber ich will an der Spitze schon jemanden, der gestaltet und nicht nur verwaltet.

Was haben Sie mit München ganz konkret vor?

Es gibt keinen Grund, nicht positiv in die Zukunft zu schauen. München ist eine prosperierende Stadt. Wirtschaft, Universität, Schulen – das sind echte Stärken. Aber wir müssen den Verkehr neu denken. Tun wir das nicht, dann wird München in den kommenden Jahren im Stau versinken, so lautet die klare Prognose der Stadtverwaltung. Das Verkehrsproblem müssen wir dringend lösen, denn wir bewegen uns auf eine Dauer-Rush-Hour zu. Das müssen wir kurzfristig lösen. Wir brauchen eine gewaltige Ausbau-Offensive des öffentlichen Verkehrs und der Radwege. Und in der Stadtplanung muss das Ziel lauten, kurze Wege zwischen Wohnen, Arbeiten und Erholung zu realisieren. Auch deshalb habe ich beispielsweise für Freiham einen Badesee beantragt.

München hat auf viele Unternehmen eine Sogwirkung. Ist das in Zeiten der Nachverdichtung überhaupt gut für die Stadt?

Wir haben eine große Verantwortung, denn jedes globale Problem hat eine lokale Ursache. Das gilt auch für München. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer machen Münchens Stärke aus, aber leider wird gerade bei konservativen Politikern noch immer stark in kommunalen Grenzen gedacht. Die überkommunale Zusammenarbeit ist schlecht. Das sieht man auch am Beispiel der Bahnstraße, die jetzt für Lkw gesperrt wird – zum Leidwesen der Haarer. Da hätte mehr geredet werden müssen.

Wie lange mussten Sie denn zu Hause reden, bis Ehemann und Kinder von der Idee überzeugt waren, dass Mama Oberbürgermeisterin werden soll?

Da haben wir viele Gespräche geführt. Aber die Kinder haben mich immer grundsätzlich bestärkt und meinten, dass sie stolz auf mich sind. Sonst ginge so eine Kandidatur auch nicht. Jetzt ist es langsam keine theoretische Frage mehr. Mein Mann sitzt mit den Kindern häufiger alleine am Abendbrottisch. Aber das einzige, was die beiden uncool finden, ist mein Gesicht auf so vielen Plakaten zu sehen. Das ist für Kinder zwischen zehn und 13 Jahren eben „peinlich“. Für uns als Eltern ist wichtig, dass mindestens einer immer da ist. Das haben wir auch früher schon gelebt, mein Mann hatte genau so wie ich Phasen, in denen er nur Teilzeit gearbeitet hat. Trotzdem bin ich ihm sehr dankbar, mit welcher Selbstverständlichkeit er jetzt viele Aufgaben zu Hause übernimmt.

Was haben Sie von Ihren Eltern mit auf den Lebensweg mitbekommen?

Mein Vater ist Sportlehrer, meine Mutter Erzieherin. Von ihnen habe ich früh die Liebe zur Natur erfahren. Und die Einstellung, dass wir auf unsere Welt und Umwelt aufpassen müssen. Ich war neun Jahre alt, als Tschernobyl passierte. Dass Erwachsene in dieser Situation Angst bekamen, hat mich sicher geprägt.

Und doch haben Sie dann BWL studiert und sind anschließend zu einer Bank gegangen, um Karriere zu machen. Für eine Grüne eher ungewöhnlich...

Es stimmt, ich bin nicht in der Politik sozialisiert worden, war lange Jahre ganz normal berufstätig. Und das Studium hat bei mir bestimmt mehr Fragen aufgerufen als beantwortet. Wie kann eine Wirtschaftspolitik funktionieren, die nicht auf Kosten der Umwelt geht. Diese Frage ist ja heute aktueller denn je.

Und? Wir kann es gehen?

Ein ständiges Wachstum kann es nicht geben. Aber gerade in München haben wir so viele Unternehmen, die in Sachen Nachhaltigkeit schon viel weiter sind als wir in der Politik. Die will ich fördern. Wir brauchen Wachstum dort, wo es in die richtige Richtung geht. Das macht München zukunftsfest.

Kommen wir noch kurz zu zwei Themen, die den Münchner Osten bewegen. Wie sehen Sie die Situation in der Messestadt?

In der Sommerpause kam auf einmal die Idee mit dieser Hochhaus-Reihe an der Willy-Brandt-Allee auf. Das ist für uns zu kurz gesprungen, wir müssen uns das komplette Gebiet ansehen. Und eine solch große Maßnahme ohne Bürgerbeteiligung geht gar nicht. So darf kein Prozess ablaufen.

Und die Fauststraße?

Wir müssen genau schauen, wo wir bauen. Und das ist nicht im Landschaftsschutzgebiet. Wir Grüne haben den Ankauf der Fläche angeregt, denn eine Investor-getriebene Bebauung ist dort falsch.

Jetzt ist das Interview zu Ende, und wir haben gar nicht über Ihren Namen gesprochen. Hat es lange gedauert, bis Sie Ihren Frieden damit gemacht haben?

Ach, ich habe es mir ja selbst so ausgesucht, als ich ihn angenommen habe. Das meiste, was die Leute damit machen, ist doch wirklich lustig. Mal schauen, was da im Wahlkampf noch kommt.

Interview: Marco Heinrich

Info: Wer sich persönlich ein Bild von Katrin Habenschaden machen will, hat am Dienstag, 5. November, dazu Gelegenheit. Die Stadträtin und Oberbürgermeister-Kandidatin ist ab 19 Uhr im Kulturzentrum Trudering an der Wasserburger Landstraße 32. Thema des Abends sind „Grüne Ideen für den Münchner Osten“. Stadtrat und Bezirksausschuss-Mitglied Herbert Danner moderiert. Auch Stadträtin/Architektin Anna Hanusch ist zu Gast.

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