Fahrradhaus statt Gemeindewohnungen?

Grundsatzdiskussion im Haarer Gemeinderat

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Das Fahrrad soll künftig im Nahverkehr eine zentrale Rolle übernehmen.

Was wird aus dem gemeindlichen Haus in der Johann-Strauß-Straße, dass in naher Zukunft abgerissen und neu gebaut werden soll? Ein Gedankenspiel der Haarer SPD zu diesem Thema führte zu einer emotional geführten Grundsatzdebatte bei der jüngsten Sitzung des Gemeinderates.

Die Sozialdemokraten denken darüber nach, nicht einfach nur ein neues Gebäude mit Wohnungen zu errichten, sondern ein beispielhaftes Vorhaben im Zeichen des Fahrrads. So wäre denkbar, eine Genossenschaft als Bauträger einzusetzen und nur Bewohner einziehen zu lassen, die sich verpflichten, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Statt den sonst vorgeschriebenen Parkplätzen könnte es dann eine eigene Fahrrad-Werkstatt, Leih-Lastenfahrräder und Carsharing-Angebote geben. Der SPD-Antrag ist bewusst vage. Zwar lehnt er sich an das 2017 in Malmö errichtete „Oh boy“-Fahrradhaus an, doch in der ersten Diskussion im Gemeinderat sollte es nur darum gehen, dass die Verwaltung prüfen soll, ob und wie ein ähnliches Vorhaben in Haar zu realisieren ist. Was die Vertreter der CSU freilich nicht davon abhielt, kräftig Gegenwind zu entfachen.

„Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht! Für mich ist das ein Antrag für reine Symbolpolitik. Niemand wird zum reinen Fahrradfahrer mutieren, nur weil er in dieses Objekt einzieht“, sagte CSU-Fraktionssprecher Dietrich Keymer. Dabei ist genau das eine der Kernfragen: Gibt es genug Menschen, für die ein Auto nicht zum eigenen Lebensstil gehört? Kann eine Gemeinde wie Haar eine solche Bewegung im Rahmen der eigenen Möglichkeiten unterstützen? Und schließlich: Ist die Strahlkraft eines solchen Projektes Motiv genug, um sich dafür von einigen der eigenen Gemeindewohnungen zu trennen? Spannende Fragen, es geht um nicht weniger als die Abwägung zwischen den beiden wahrscheinlich größten Problemen unserer Zeit: Verkehr/Klima auf der einen Seite, Wohnkosten auf der anderen. Einfache Antworten gibt es in diesen Fragen nicht.

„Es geht um eine Veränderung der Alltags- und Lebenskultur. Die Gemeinde subventioniert nichts, sie stellt lediglich eine Fläche für einen normalen Preis zu Verfügung. Die CSU glaubt offensichtlich nicht an eine Veränderung unseres Verhaltens, um die aktuellen Probleme zu lösen“, sagte Mike Seckinger (GRÜNE).

„Das Projekt wirft viele Fragen auf, und es benötigt einen offenen Geist“, fasste Bürgermeisterin Gabriele Müller die Diskussion am Ende zusammen. In der Abstimmung votierten dann sogar zwei der zehn CSU-Gemeinderäte dafür, dem Projekt eine Chance zu geben. Die Haarer Verwaltung wird sich nun des Themas genauer annehmen und in den kommenden Wochen ein erstes Konzept dafür entwerfen, was an der Johann-Strauß-Straße möglich und wünschenswert ist. Ob das dann ausreicht, um ein solches Fahrrad-statt-Auto-Projekt wirklich zu realisieren, wird sich dann zeigen.

Haar ist schon heute stolz darauf, dass das Fahrrad im Leben der Bürger eine größere Rolle spielt als in anderen, vergleichbaren Gemeinden. Auch im Rahmen des eigenen Gewerbekonzeptes wird darauf hingearbeitet, dass die Wege für Haarer Bürger so kurz sind, dass der Alltag so weit wie möglich ohne Auto zu bewältigen ist. 

Marco Heinrich

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