Wenn das Kind keinen Kontakt mehr will

Kontaktabbruch: Giesingerin gründet eine Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern

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Anna Meier hält ein Bild von ihrem Sohn hoch, der keinen Kontakt mehr will. Ulrike Zinsler (links) vom Selbsthilfezentrum München hilft ihr, eine Gruppe für Betroffene in Giesing aufzubauen.

Obergiesing - Anna Meiers Söhne haben den Kontakt zu ihr völlig abgebrochen - Sie leidet sehr darunter - Um Eltern, die das gleiche Schicksal ereilt hat, zu helfen, will sie nun die Selbsthilfegruppe „Verlassene Eltern“ ins Leben rufen

Anna Meier (Name geändert) ist verzweifelt. „Ich schlafe kaum noch“, sagt die 80-Jährige. „Ständig denke ich an meine Söhne.“ Zwei ihrer Kinder haben den Kontakt zu ihr komplett abgebrochen. Sie reagieren nicht auf Anrufe, nicht auf Briefe. 

„Ich habe keine Ahnung von seinem Leben“, sagt Meier über den Ältesten. Sie weiß nicht, wo er lebt, wie er lebt oder wie es ihm geht. Der Schmerz sitzt tief. Deswegen will die Seniorin jetzt eine Selbsthilfegruppe für „Verlassene Eltern“ in Giesing gründen. Erst vor Kurzem wurde die erste Selbsthilfegruppe zum Thema in Haidhausen gegründet, nun folgt die zweite Gründung in Giesing – die Nachfrage ist offensichtlich da. „Die Quote von Kontaktabbrüchen ist immens“, bestätigt Claudia Haarmann, eine Psychotherapeutin, die als Expertin zum Thema gilt und mehrere Bücher dazu veröffentlicht hat. Wie viele Fälle es gibt, dazu existieren jedoch keine belastbaren Zahlen.

Dass der Erstgeborene vor vielen Jahren den Kontakt abgebrochen hat, erklärt sich Anna Meier so: „Er ist mit meinem zweiten Mann nicht zurechtgekommen, das hat er offen gesagt.“ Dass nun aber auch ihr Jüngster nichts mehr mit ihr zu tun haben will, macht sie ratlos. „Wir hatten immer ein super Verhältnis, ich habe ihn unterstützt, wo ich konnte“, steht für sie fest. Doch von einem Tag auf den anderen ist er abgetaucht.

Einen Umstand, den auch Haarmann beobachtet hat: „Für viele Eltern geschieht das aus heiterem Himmel“, sagt sie. „Für die Kinder ist das oft nicht so, sie beschäftigen sich schon Jahre vorher mit dem Entschluss“, sagt sie. Die Gründe für solche Kontaktabbrüche seien vielfältig. „Das Kind kappt damit seine Wurzeln, es ist für beide Seiten sehr schlimm.“ Bis solche Familien wieder zusammen finden, so Haarmann, könnten Jahre vergehen. „Voraussetzung ist, dass man mutig schaut, was die Wahrheit der Familie ist.“ 

Anna Meier hat die Hoffnung nicht aufgegeben: „Ich wünsche mir sehr, dass ich noch miterlebe, dass unsere Söhne untereinander und mit mir wieder Kontakt haben“, sagt sie. hki

Die Gruppe trifft sich alle 14 Tage im Stadtteilladen Giesing, Tegernseer Landstraße 113, Infos beim Selbsthilfezentrum München unter 53 29 56 11.

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