Mit allem Drum und Tram

So fährt München auf die Tram ab

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München: Zehn Jahre MVG-Museum: Wie die Stadt das feiert, wo neue Gleiseentstehen, warum bald sogar das Umland erschlossen wird und welche Schätze Münchens größter Tram-Fan sein Eigen nennt, erfahrt ihr hier.

Mützen, Schilder und mehr: Museums-Flair bei Günther Starabin. Der MVG-Fahrer sammelt alles rund um die Münchner Tram.

Günther Starabin ist ein unermüdlicher Tram-Nostalgiker. Betritt man seinen Keller in Milbertshofen, begibt man sich auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Straßenbahn. Dort befindet sich eine der größten Privat-Sammlungen von Erinnerungstücken aus Münchens Tram-Geschichte. Inmitten von Schaffner-Mützen, Schildern, Bildern und Straßenbahn-Glocken prangt eine komplette Schaffner-Uniform aus den 50er-Jahren – inklusive vollbepackter Schaffner-Tasche mit Dienstbuch, Fahrkarten und Wechselgeld. Auf die ist der Milbertshofener besonders stolz. 

Besonders wertvoll: ein handgebautes Straßenbahn-Modell im Maßstab von 1:20.

Seine Begeisterung für die Straßenbahn wurde bereits im Kindesalter geweckt. Und damit auch der Berufswunsch: Seit 25 Jahren ist er Tram- und Busfahrer der Münchner Verkehrsgesellschaft. Seine Augen leuchten, wenn er die Geschichten hinter seinen Ausstellungsstücken erzählt. Wenn er von Zeiten schwärmt, in denen Technik, Materialien und das Tramfahren an sich noch so ganz anders waren. „Die Straßenbahn hat München geprägt. Sie ist nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken“, sagt Starabin. „Aber die Bahnen sind nicht vergleichbar mit den älteren. Sie fahren eher wie ein Auto!“ 

Heute freut er sich über die Größe seiner Sammlung. Ein Umfang wie im Museum ist zwar nicht möglich. Aber für Starabin geht es ohnehin eher um Qualität als um Quantität. „Ich muss nicht jedes einzelne Schild haben. Mein Ziel ist es, einen Querschnitt durch die Münchner-Straßenbahngeschichte zu haben.“ Und dieses Ziel versucht Starabin hauptsächlich über Zeitungsinserate zu erreichen. Obwohl sein Keller schon fast aus allen Nähten platzt und selbst das Wohnzimmer Tram-Museums-Flair besitzt, ist er stets auf der Suche nach weiteren Erinnerungsstücken. Sie zu finden wird jedoch immer schwieriger. „Den Markt hier in München habe ich leider schon etwas abgegrast.“ Und Plattformen wie Ebay finde ich zu unpersönlich.“ Der Austausch mit anderen Tram-Fans beim Sammeln, Kaufen und Tauschen ist ihm wichtig. „Selbstverständlich“ ist er also bei Veranstaltungen wie dem MVG-Museums-Jubiläum dabei. Und wer ihm etwas anbieten möchte, das sich vielleicht noch nicht in seiner Sammlung besitzt, wird Günther Starabin leicht erkennen: „Die historische Uniform ziehe ich bestimmt an!“ so

Zeitreise-Express: Zehn Jahre MVG-Museum

Alles zur Jubiläumsfeier

Am 21. und 22. Oktober feiert das MVG-Museum sein zehnjähriges Bestehen. Von jeweils 11 bis 17 Uhr können Tram- und Bus-Fans in der Ständlerstraße 20 ein vielfältiges Programm erleben. Die MVG zeigt Ausstellungen zur Zukunft des Nahverkehrs und Sonderausstellungen mit historischen Bussen und Straßenbahnen und zeigt mit dem weltweit ersten autonom fahrenden Bus ein Stück der Zukunft. Im Rahmen der Jubiläumsfeier wird außerdem Münchens erster Elektro-Bus präsentiert. Darüber hinaus ernennt die MVG den Sonntag zum Tag der Tram: Der sogenannte P-Wagen fuhr vor 50 Jahren erstmals durch die Stadt. Die MVG hat ein Jubiläums-Shuttle mit historischen Bussen und Tramwägen vom Max-Weber-Platz und ab dem Giesinger Bahnhof eingerichtet. Außerdem Teil des Programms: Fahrten mit der Pferdetram, Torwandschießen, Fotobude, Kinderschminken, Puppentheater der Polizei, Luftballon-Verkauf.

Die Geschichte der Tram

Am 21. Oktober 1876 wurde die erste Trambahnlinie Münchens vom Promenadeplatz zur Nymphenburger- Ecke Maillingerstraße eröffnet. Die Straßenbahn wurde damals noch von Pferden gezogen – 1883 eröffnete die erste Dampfstraßenbahn Münchens, 1886 folgte die erste elektrische Trambahn, die sogenannte „Ungererbahn“. 

Die letzte Pferdebahnlinie wurde am 15. August 1900 elektrifiziert. Bis zum ersten Weltkrieg baute die Stadt weitere Linien. Die größte Ausdehnung erfuhr das Tramnetz in den Ausbauphasen von 1945 bis 1970. Mit Einführung der U-Bahn stand die Tram ab den 70ern vor dem Aus, wie Klaus Onnich, Archiv-Leiter des Vereins „Freunde des Münchner Trambahnmuseums“, erklärt. „Bürgerinitiativen erreichten hier ein Umdenken.“ Deshalb stimmte der Stadtrat 1986 für den Erhalt der Tram. Seither gab es wichtige Entwicklungen im Tramnetz sowie bei den Fahrzeugen: So wurden etwa neue Strecken erschlossen und alte wieder eröffnet oder niederflurige Bahnen eingeführt, die das Einsteigen erleichtern sollen.

MVG-Sprecher Matthias Korte im Gespräch mit Hallo München: Die Straßenbahn als münchnerischstes Verkehrsmittel

Matthias­ ­Korte­ ist Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft und Spezialist bei Themen rund um die U-Bahn, Bus und die Straßenbahn.

In anderen Städten wie Hamburg fehlt sie gänzlich, in München ist sie nicht aus dem Stadtbild wegzudenken. Der öffentliche Nahverkehr wäre ohne die Straßenbahn ein anderer, weiß Matthias Korte, Pressereferent der MVG. 

Welche Herausforderungen die Stadt im öffentlichen Verkehr zu meistern hat und welche Tram-Pläne sie in der Zukunft umsetzen möchte, erklärt der Experte im Interview. Sebastian Obermeir

Herr Korte, in den 1970er-Jahren gab es Diskussionen zur Stilllegung der Tram. Wie ist ihr Stellenwert heute?

Es hat in München, wie in vielen anderen Metropolen weltweit, eine Renaissance der Tram-Bahn gegeben. Die Politik und die Verkehrsunternehmen haben die Tram revitalisiert. Wir haben in München das Glück, zwischen Straßenbahn, Bus und U-Bahn wählen zu können. Hinzu kommt die S-Bahn. Aus Sicht der Verkehrsplanung ist die Entscheidung zwischen den drei Verkehrsmitteln eine ideologiefreie Frage. Denn letztlich unterscheiden sie sich vor allem durch ihre Kapazität.

Und bei den Fahrgästen?

Die Tram ist das münchnerischste Verkehrsmittel. Das zeigt sich auch in Umfragen. Dort ist die Straßenbahn seit jeher das Verkehrsmittel, bei dem die Kunden sagen: „Ich muss nicht nur mit der Tram fahren, sondern da macht es mir auch noch Spaß.“ Das erklärt sich durch die attraktiven Strecken, die großen Fenster, die ruhige Fahrweise auf Schienen und das Fahren an der Oberfläche.

Bietet die Tram Umwelt-Vorteile?

Ja, wobei man anmerken muss: Jeder, der ÖPNV fährt, egal ob U-Bahn, Bus oder Tram, tut der Umwelt etwas Gutes – weil er sein Auto stehen lässt. Wir fahren mit der Tram seit über 100 Jahren elektrisch. Was im Auto- und im Busverkehr als Mega-Thema diskutiert wird, hat sich bei der U-Bahn und der Tram schon längst bewährt. Allerdings ist es so: Selbst wenn man von heute auf morgen den Schalter umlegen könnte, um alle Busse zu elektrifizieren, wäre der umwelttechnische Effekt wenig messbar. Weil der Busverkehr nur einen geringen Anteil am Gesamtverkehr ausmacht. Ich plädiere also für einen attraktiven öffentlichen Personennahverkehr. Das Ziel muss sein, Autofahrer zu Bus- und Bahnfahrern zu machen. Damit ist der Umwelt am meisten geholfen.

Welche Pläne zum weiteren Ausbau des Tramnetzes gibt es in München?

Was Tram-Neubau-Strecken angeht, sind die wichtigsten Projekte die West- und die Nordtangente. Zum einen schließen wir damit Lücken im bestehenden Netz. Zum anderen sollen sie helfen, das Schienennetz und die Bahnhöfe in der Innenstadt zu entlasten.

Die Westtangente soll vom Romanplatz bis zur Aidenbachstraße führen. Wie ist der derzeitige Projektstand?

Bei der Westtangente geht es jetzt in die vertiefte Planung. Aus heutiger Sicht möchten wir Mitte des nächsten Jahrzehnts diese neun Kilometer lange Neubau-Strecke in Betrieb nehmen.

Und bei der Nordtangente, die Bogenhausen, Schwabing und Neuhausen verbinden soll?

Bei der Tram-Nordtangente haben wir das politische Signal, diese Strecke weiter zu planen. Da brauchen wir jetzt den Beschluss des Stadtrats, die Planung entsprechend fortzusetzen. Auch hier ist es das Ziel, dass wir diese Neubau-Strecke bis Mitte des nächsten Jahrzehnts finalisiert haben.

Das Projekt stockte zuletzt wegen der Tram durch den Englischen Garten.

Wir haben zwischenzeitlich die Planung soweit überarbeitet, dass die Straßenbahn dort ohne Oberleitung, sondern mit Batteriebetrieb fahren soll. Seitens des Freistaats wurde einer weiteren Planung zugestimmt.

Welche Vorteile bietet die Tram durch den Englischen Garten?

Derzeit gibt es eine Straße, die im Wesentlichen nur vom Bus benutzt wird. Wenn die Straßenbahn im Englischen Garten kommt, können wir diese vorhandene Schneise verkleinern und reduzieren – und zwar durch ein Rasengleis. Das heißt, es gibt keine graue Piste mehr und mehr Grün als heute.

Gibt es noch weitere Projekte?

Ein weiteres Projekt ist die Tram in den Münchner Norden. Das ist letztlich eine Verlängerung der Tram 23 in das Neubau-Quartier im Bereich Bayernkaserne. Das Projekt befindet sich zur Zeit noch in einer relativ frühen Stufe, ist aber Bestandteil des städtischen Nahverkehrsplans.

Wie sieht es bezüglich der Erschließung von Freiham aus?

Dort liegt bisher die Priorität auf einer Tram, die von Pasing aus weiter nach Freiham führen soll. Allerdings gibt es aktuell die Diskussion, ob unter bestimmten Prämissen die Verlängerung der U-Bahn in dieses Quartier die sinnvollere Alternative wäre. Das ist noch nicht entschieden.

Kann die Straßenbahn bei der Vernetzung des Münchner Umlandes beitragen?

Die MVG ist der Auffassung, dass es durchaus Potenzial für Straßenbahn-Strecken oder Stadtbahn-ähnliche Strecken über die Stadtgrenzen hinaus gibt. Das prüfen wir derzeit. Eine Straßenbahn in Form einer Stadtbahn – mit größeren Haltestellen-Abständen, an der ein oder anderen Stelle vielleicht auch unterirdisch, auf jeden Fall auf eigenem Gleiskörper – soll helfen, den Pendlerverkehr auf der Straße zu reduzieren. Auch da, wenn man vom Umland her denkt, schlummert noch viel Potenzial im Thema Straßenbahn oder weiter gedacht, Stadtbahn.

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