Denn auf dem Platz geht es nur um den Ball

Dokumentarfilm über Haarer Psychiatriepatienten feiert im Mai Premiere

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Fußballtrainer Stefan Holzer (rechts) versucht Spieler Alex zu motivieren.

Fußball mag fast jeder. Psychische Krankheiten hingegen sind etwas, über das man lieber schweigt. Was passiert, wenn man diese beiden Themen miteinander kombiniert, zeigt der Dokumentarfilm „Fußballverrückt“. In diesem geht es um eine Haarer Fußballmannschaft, die aus Psychiatriepatienten besteht. Im Mai 2019 ist die Weltpremiere.

Der Torwart – schizophren, der Außenstürmer – psychotisch, der Abwehrspieler – depressiv. Woche für Woche trainiert Stefan Holzer ehrenamtlich eine Mannschaft psychisch erkrankter Menschen auf dem Gelände des Isar-Amper-Klinikums Haar. Dabei sieht er nicht Psychiatrie-Patienten, sondern Spieler, die er ernst nimmt und mit denen er sportlich etwas erreichen möchte. An manchen Samstagen kommt allerdings nur Denis zum Training. Dann hat es wieder keiner der vierzehn anderen geschafft, gegen die lähmende Wirkung seiner Krankheit oder der Medikamente anzukämpfen. Und das gerade jetzt, da Stefan fünfzehn Psychiatrie-Teams aus ganz Europa zum 20. internationalen Turnier der Psychiatrien nach Haar eingeladen hat. Darum geht es in dem Dokumentarfilm „Fußballverrückt“, der am Freitag, 17. Mai, Premiere feiert. „Ich fand es spannend, dass da schon seit 20 Jahren ein internationales Turnier in Haar stattfindet, an dem Mannschaften aus vielen Ländern — von Schottland bis Slowenien — teilnehmen. Und kein Mensch weiß davon“, sagt Regisseur Manuele Deho.

Aber warum ist das eigentlich so? „Ein Grund ist mit Sicherheit, dass psychische Erkrankungen ein Tabuthema sind“, glaubt Deho. Das sollte nicht so sein, findet er. Denn es sind mehr Menschen von psychischen Krankheiten betroffen, als man auf den ersten Blick sieht. „Wenn ich in meinem Bekanntenkreis von dem Projekt sprach, erzählten mir die Leute plötzlich von einem Bekannten oder Verwandten, der auch betroffen ist. Da kamen intime Gespräche zustande, die so vorher nicht möglich gewesen wären“, erzählt Deho. Mit dem Film will er psychische Krankheiten aus der Tabuzone holen. „Im öffentlichen Raum sieht man ja manchmal jemanden, der sich vielleicht komisch benimmt, das Gesicht verzieht oder ein seltsames Geräusch von sich gibt. Viele Menschen können das nicht zuordnen, oft reagieren sie dann ängstlich. Wenn die Leute allerdings aufgeklärter sind, ist es leichter, einen natürlichen Umgang und mehr Verständnis für Menschen mit psychischen Krankheiten aufzubringen.“ So die Meinung des Regisseurs. Ein Jahr lang begleitete er Trainer Stefan Holzer und seine Spieler – im Alltag zu Hause, beim Fußball-Training, bei Turnieren im In- und Ausland. 

Die Kamera ist mit dabei, wenn Stürmer Alex sein wöchentliches Wortgefecht mit seiner Betreuerin in der forensischen Ambulanz austrägt. Sie zeigt Peyman, der erst wieder lernen muss, wie man Socken zusammenlegt, und der doch so gerne beim Turnier dabei wäre. Und sie fängt ein, wie Manfred und Denis darüber diskutieren, was man seinem Psychiater erzählt und was besser nicht. Für solche intimen Einblicke war eine lange Vorarbeit nötig. Um das Vertrauen der Spieler zu gewinnen, spielte Deho zunächst selbst mit der Mannschaft mit — ein Eisbrecher in jeder Hinsicht. Erst später legte er die Karten auf den Tisch und erzählte, dass er einen Film drehen will. Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Einige haben sich gefreut, dass es da jemanden gibt, der sich für sie interessiert. Andere waren skeptisch. „Es hat einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht, bis ich drehen durfte“, sagt er. Deho ist im wahrsten Sinne des Wortes am Ball geblieben und konnte die Mannschaft für sein Vorhaben gewinnen. „Irgendwann haben mich die Fußballer mit meiner Kamera als Teil der Mannschaft akzeptiert.“ So bekam er auch die vielen Probleme mit, die bei so einem Projekt auftreten. Die Spieler müssen meist viele Medikamente nehmen, die ihren Antrieb dämpfen und müde machen. Das ist kontraproduktiv, wenn man auf ein wichtiges Turnier hin trainiert. Oft kommen Spieler zu spät oder gar nicht zum Training. Da muss der Trainer schon mal klare Ansagen machen. „Leute, ihr könnt mich hier nicht hängen lassen!“, appelliert er dann an seine Spieler. Auch wenn er weiß, dass es schwer ist für sie. Und eigentlich wünschen sich die meisten doch nur ein ganz normales Leben — Arbeit, eine Freundin, Spaß haben. Was andere gratis bekommen, ist für die Psychiatrie-Fußballer ein Wunschtraum.

Ein normales Leben kann Holzer ihnen vielleicht nicht ermöglichen, aber er kann mit ihnen Fußball spielen. Seit 20 Jahren trainiert er die Mannschaft ehrenamtlich. Dabei will er bewusst keine Sporttherapie machen. Er will gewinnen. Und mit dieser Motivation seine Spieler anstecken. Denn auf dem Fußballfeld rückt die Krankheit in den Hintergrund, hier sind sie einfach nur Menschen, die Fußball spielen. Ein Sport mit klaren Regeln. 90 Minuten lang geht es dann nicht um Medikamente, Ängste oder den Alltag in einer psychiatrischen Einrichtung. Sondern es gibt nur ein Ziel. Der Ball muss ins Tor. Klingt eigentlich so einfach. 

Lydia Wünsch

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