Zur Premiere von "Faschingsdienstag 1945" in der Kultur-Etage Messestadt

Die Zeiten ändern sich, die Gefühle nicht

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Auf der Bühne zu sehen: Lena Scholle (von links), Angelika Plötz und Sophie Wendt.

Die Abiturientinnen sollen einen Aufsatz schreiben. Das Thema lautet: „Beschreibe dein Leben“. Mitte der 1950er-Jahre sind die Erfahrungen, die die junge Frauen zu Papier bringen, geprägt vom Zweiten Weltkrieg. Ebenso erwähnen sie Gefühle und Themen, die auch heutige Jugendliche nur zu gut kennen: Unsicherheit, Freundschaften, Verlust oder Entwurzelung. In der Kultur-Etage Messestadt ist am Dienstag, 19. November, die Theaterperformance „Faschingsdienstag 1945“ zu sehen.

13 Mädchen wollten im Jahr 1956 in Bad Harzburg in Niedersachsen Abitur machen. Um für das Abitur zugelassen zu werden, mussten die Schülerinnen einen Aufsatz schreiben. Über ihre Kindheit und Erlebnisse, die sie bisher geprägt haben. So entstanden persönliche Texte über eine Kindheit im Krieg, Nächte in Luftschutzkellern und das Erleben von Flucht und Vertreibung. 2017 fiel der Münchner Regisseurin und Choreografin Caroline Tajib-Schmeer dieser Aufsatz, den ihre Mutter damals schreiben musste, in die Hände. „Meine Mutter und ihre Klassenkameradinnen treffen sich alle paar Jahre. 2017 hatte der Konrektor der Schule diese Arbeiten aus dem Archiv hervorgekramt“, erzählt Tajib-Schmeer. Die Regisseurin wusste schnell, dass sie aus diesen Texten, die ihre Mutter in ihrer Jugend verfasst hatte, ein Theaterstück machen wollte. „Es sind Zeitdokumente, die wir entdeckten“, sagt sie. Zeugnisse des Schreckens der Jahre 1933 bis 1945. „Faschingsdienstag 1945“ heißt das Stück, das am Dienstag, 19. November, in der Kultur-Etage Messestadt an der Erika-Cremer-Straße 8 Premiere feiert. „Als meine Schwestern und ich diesen Aufsatz meiner heute 82-jährigen Mutter lesen durften, wusste ich, dass ihre Zeilen nicht einfach wieder in der Schublade verschwinden dürfen“, sagt Tajib-Schmeer. „Wir erfuhren zwar nichts Neues über unsere Mutter, sie hatte uns nichts verschwiegen. Aber das, was sie da zu Papier brachte, berührte uns sehr“, erzählt sie. „Denn ganz gleich wie dramatisch die Ereignisse waren, meine Mutter und auch ihre Klassenkameradinnen erzählten alles ganz unprätentiös — und zudem in einer sehr gewählten, guten Sprache.“

Die Münchner Regisseurin Caroline Tajib-Schmeer entwickelte aus dem Aufsatz ihrer Mutter eine Theaterperformance.

Drei Schauspielerinnen sollen nun das Publikum mit in die Gefühlswelt der Mädchen von damals nehmen. Theater, Gesang, Tanz und Filmsequenzen lassen die Kriegs- und Nachkriegsjahre in Deutschland auf der Bühne lebendig werden. „Jeder dieser Aufsätze war ein sogenanntes Gesuch, um zum Abitur zugelassen zu werden, ein wichtiger Schritt zur Reife“, so die Regisseurin. Der Anlass, den Stift in die Hand zu nehmen, war offiziell, aber die Aufsätze sind sehr persönlich. Sowohl tief-traurige als auch heiter-ausgelassene Eindrücke sind in die Texte eingeflossen. Was die Mädchen in diesen Jahren prägte, schrieben sie nieder. Themen wie Angst, Entwurzelung, Freundschaft und Unsicherheit werden so auch auf der Bühne behandelt. „Mit den Gefühlen, die junge Frauen damals hatten, schaffen wir aber Verbindungen zu Jugendproblemen von heute“, so Tajib-Schmeer. Ebenso kennt jeder die verschiedenen Typen in einer Klassengemeinschaft. Eine ist rebellisch, die andere ist die Naive, das dritte Mädchen ist eher die Streberin. „Das ist ja bis heute so, dass eine mehr auf Krawall gebürstet ist als die andere“, sagt die Regisseurin.

Die Generationen sollen sich begegnen

Als Kulturpädagogin hat Tajib-Schmeer viele Kontakte zu jungen Menschen. In Filmsequenzen sind während der Theaterperformance daher auch die Fragen von Schülern einer Münchner Realschule zu sehen, die diese an die 82-jähren Mutter von Caroline Tajib-Schmeer gerichtet haben. Ebenso hat die Tochter selbst ihre Mutter zu den Ereignissen im Dritten Reich befragt. Doch wie in der Pressemitteilung zu lesen ist, richtet sich das Stück an „Schüler ab der achten Jahrgangsstufe, Senioren und alle überhaupt“. Nicht nur die jungen Menschen sollen sich mit der Vergangenheit befassen. Ebenso möchte das Theaterteam um Tajib-Schmeer Senioren einladen, sich wieder zu erinnern und andere an den eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Das Publikum wird daher aufgefordert, in einem Heft, das jeder auf seinen Platz findet, sich aktiv zu beteiligen und Notizen zu hinterlassen. „Unser großes Anliegen ist es, dass sich die Generationen begegnen“, so die Regisseurin. „Es ist so wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen, wie die Jahre 1933 bis 1945 abgelaufen sind. Das zeigen uns die aktuellen Ereignisse.“ Doch ebenso ginge es darum, sich generell mit Geschichte zu beschäftigen. „Wir wollen dazu ermuntern, sich die eigenen Wurzeln anzuschauen.“
Verena Rudolf
"Faschingsdienstag 1945“ ist am Dienstag, 19. November,  um 19 Uhr in der Kultur-Etage Messestadt zu sehen. Der Eintritt kostet 12 Euro, ermäßigt 8 Euro. Das Stück wird empfohlen für Jugendliche ab der achten Jahrgangsstufe.

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