Zur Digitalisierung von Klassenzimmern in Schulen

„Die Schüler dort abholen, wo sie sind“

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Hefte, Stifte, Bücher und Tablets. Die digitale Welt verändert sich. Und so sollten auch Schülern digitale Lehr- und Lernmittel im Klassenzimmer zur Verfügung stehen.

Kindern und Jugendlichen mehr Kompetenz im Umgang mit Medien zu vermitteln, soll nicht länger nur in der Hand der Eltern liegen. Die bayerischen Schulen sollen in den kommenden Jahren nach und nach so ausgerüstet sein, dass Schüler in der Schule nicht nur Rechnen, Schreiben und Lesen lernen. Zur Allgemeinbildung gehört mittlerweile auch die Medienkompetenz. Um Schüler aber medienpädagogisch zu begleiten, sollten die Klassenzimmer endlich digital ausgestattet sein.

Der Drittklässler soll ein Referat über ein Tier, das im Wald lebt, vorbereiten. Zuhause am elterlichen Tablet sucht der Achtjährige nach Informationen. Später druckt er am PC Bilder aus. Weiteres Wissen erlangt er aus einem Buch aus der Bibliothek. Und von einem Urlaub im Bayerischen Wald hat er einen Prospekt mit vielen Informationen aufgehoben. Bereits ein Kind im Grundschulalter weiß, diverse Medien für seine Hausaufgaben zu nutzen. Die Recherche im Internet gehört wie selbstverständlich mit dazu. Doch wie sieht es mit der Nutzung von digitalen Medien in der Schule aus? Pro Klassenraum gibt es meist zwei PCs, wobei einer davon vom Lehrer genutzt wird. WLAN gibt es oft nur im Sekretariat und Lehrerzimmer. An die Tafel schreibt die Lehrkraft nach wie vor mit Kreide. Doch die Zahl der sogenannten digitalen Klassenzimmer soll sich in den kommenden Jahren enorm erhöhen. Der Bund will den Ländern in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro überweisen. Ursprünglich sollte die Schuldigitalisierung zum 1. Januar 2019 starten. Verzögerungen könnten sich nun durch einen Streit um eine kurzfristig in die Gesetzesvorlage eingefügte Vorgabe ergeben, dass bei allen Bund- Länder-Programmen die Länder 50 Prozent der Kosten tragen müssen. Der Bundesrat lehnte am 5. Dezember nun aber ab, das Grundgesetz zu ändern. Es ist also weiter ungeklärt, wie sich der Bund an der Digitalisierung der Schulen beteiligt. Die Landeshauptstadt München hat sich bereits auf den Weg gemacht und stattet seit 2013 die Klassenzimmer Schritt für Schritt digital aus. „Unsere Vorstellung ist, dass sich die Digitalisierung bis 2025 etabliert hat“, sagt Kathrin Schneider, IT-Bedarfsmanagerin und Medienpädagogin beim Münchner Referat für Bildung und Sport. Von der digitalen Aufrüstung sollen Grund-, Mittel- und Förderschulen ebenso wie Realschulen, Gymnasien und Berufliche Schulen profitieren. Und da die Medienbildung auch im Kindergarten und Hort eine Rolle spielt, werden auch die städtischen Kindertageseinrichtungen miteinbezogen.

Ein Tafelbild kann abgespeichert werden „Bewährt haben sich im digitalen Klassenzimmer die interaktiven Whiteboards“, erklärt Medienpädagogin Schneider. Bildschirminhalte werden an einer großen weißen Tafel dargestellt. Diese digitale Tafel ist als inter- aktiver Beamer mit einem Computer verbunden, den Lehrer oder Schüler mit einem Finger oder einem Stift direkt am Whiteboard bedienen. Auch mobile Endgeräte könnten angeschlossen werden. Alle möglichen Dateien können nun an die Tafel projiziert werden, ebenso kann ein während des Unterrichts entwickeltes Tafelbild gespeichert werden. Ergänzend sollen Dokumentenkameras die herkömmlichen Tageslichtprojektoren ersetzen. Denn diese können viel mehr: „Die Dokumentenkamera ist die Brücke zwischen analogen und digitalen Medien. Die Lehrkraft kann ein Bild aus einem Buch extrem stark heranzoomen und an der Wand präsentieren, sie kann damit Filme drehen, Texte einsprechen, Tutorials drehen“, erklärt die Medienpädagogin. Selbst wenn ein Klassenzimmer also (noch) nicht über eine WLAN-Verbindung verfügt, ermöglicht die Dokumentenkamera dem Lehrer zahlreiche Möglichkeiten. Während neugebaute Schulen über eine Ausstattung wie ein interaktives Whiteboard pro Klassenzimmer verfügen, werden bestehende Schulen nach und nach damit ausgestattet. Derzeit werden die Schulen von der Stadt informiert, damit sie ihren Bedarf an das RBS melden. Das bedeutet, dass sich an jeder Schule in einem ersten Schritt zunächst ein Medienteam bilden muss, das ein Konzept für die eigene Schule erarbeitet. „Pro städtische Schule soll ab nächsten Schuljahr eine Lehrkraft bereitstehen, die das Medienteam dabei unterstützt, das Medienkonzept zu erstellen“, erklärt Schneider. Im Schneeballsystem könnte der Beauftrage dafür sorgen, dass die Medienpädagogik das ganze Schulkollegium erreiche. Den Medienkompetenz bedeutet ja nicht nur, dass Lehrer ein Gerät bedienen und didaktisch sinnvoll einsetzen können. Ethische Fragen gilt es genauso mit Schülern — und zwar bereits in der Grundschule — zu erörtern. Was ist Cybermobbing? Was ist ein gläserner Mensch? Warum muss ich vorsichtig mit der Veröffentlichung von Daten und Bildern umgehen? Als Medienpädagogin betont Schneider, dass man das Elternhaus nicht länger mit diesen Themen allein lassen könne. „Es geht weniger um den Zugang, als viel mehr um die Nutzung“, weiß die Expertin. „Studien zeigen ja auf, dass die Ausstattung in einer Familie eine vollumfängliche Sättigung erfahren hat. Laut der Kim-Studie haben bereits 51 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen ein Mobiltelefon, jeder Dritte hat ein Smart- phone.“ Daher müsse man Kinder und Jugendliche auch in der Schule dort abholen, wo sie sind, und sich am medialen Verhalten dieser Generation orientieren. Die Grundschule mit ihrer heterogen zusammengesetzten Schülerschaft erscheint Schneider da als besonders geeigneter Ort, um Medienkompetenz zu vermitteln. In den ersten vier Schuljahren kann die Medienpädagogik alle Kinder, unabhängig vom jeweiligen Bemühen der Eltern und deren eigenem Nutzungsverhalten, erreichen. „Und warum sollten wir darauf verzichten, Kinder auf ihre künftige Lebensaufgaben besser vorzubereiten?“ Der Einsatz von digitalen Medien ist in der Ausbildung, im Studium und im Beruf längst unverzichtbar. Zudem kann der Einsatz von Medien im Unterricht Lehrern die Inklusion und Integration von Schülern erleichtern. „Für Kinder mit Migrationshintergrund gibt es zum Beispiel Lernprogramme in ihrer Muttersprache. Eine Lehrkraft spricht nur in seltenen Fällen Arabisch oder Polnisch“, so Schneider. Die Software mit Lernfilmen, Unterrichtsmaterialien oder Bilderbuchkinos gibt es längst, nun geht es darum, dass Medienpädagogik-Beauftragte ihre Kollegen für digitale Lehr- und Lernmittel sensibilisieren. Doch das kann eben nur gelingen, wenn die Klassenzimmer auch entsprechend digital ausgestattet sind.

Verena Rudolf

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