Die Radlfahrer Stefan Ballis und Stephan Schultze sind aus Istanbul zurück

2800 Kilometer reinstes Radl-Abenteuer

Stefan Ballis und Stephan Schultze radelten von Trudering nach Istanbul.
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Stefan Ballis und Stephan Schultze radelten von Trudering nach Istanbul.
  • VonThomas Fischer
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„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen“, schrieb schon Matthias Claudius (1740-1815). Stefan Ballis und Stephan Schultze nahmen zwar nicht Stock und Hut, aber ihre E-Bikes und radelten von Trudering nach Istanbul. Und nach über 2800 Kilometern mit dem Drahtesel haben sie wirklich viel zu erzählen. 

Stefan Ballis und Stephan Schultze sind glücklich. Ohne größere Zwischenfälle und vor allem ohne Unfälle haben sie ihr Radlabenteuer hinter sich gebracht. „Wir haben nur ein Pflaster gebraucht“, erzählt Stefan Ballis – vom schmerzenden Hinterteil einmal abgesehen. Und das war eine Leistung. Denn gefahrlos war die Radltour des Truderingers und des Unterhachingers nicht. „Hinter Bratislawa war von dem angepriesenen Radweg Euro Velo 6, auf dem wir eigentlich fahren wollten, außer ab zu einem Hinweisschild nichts mehr da“, so Ballis. Statt dessen mussten sie oft auf Schotter, Sand- und Rasenpisten ihr tägliches Pensum vor rund 100 Kilometern abstrampeln. „Da war volle Konzentration gefragt“, ergänzt Schultze. Jede Unachtsamkeit hätte zum Sturz führen und dann sogar das Aus bedeuten können. Zumal auf den engen Landstraßen auch die Lastwagen zum großen Problem wurden. Sicherheitsabstand zu den Radlern: Fehlanzeige.

Doch zum Glück verlief die Tour – abgesehen von ein paar kleineren Pannen – fast ohne größere Zwischenfälle. Wäre da nicht das „Friendly Fire“ gewesen. „Zwei wilde Hunde waren hinter uns her“, erzählt Schultze. Aggressiv drängten sie sich zwischen die beiden Radler. Der Unterhachinger wollte sie mit seinem Pfefferspray verjagen. Doch er drückte zu früh ab, Ballis bekam die Ladung Pfeffer in seine Augen. Sein Aufschrei „Du Depp“ leitete eine einstündige Zwangspause ein, ehe der Truderinger nach viel Augenspülen wieder in der Lage war, die Fahrt fortzusetzen.

Doch selbst dieser Unfall konnte die gute Laune und die Freude an der Reise nicht lange trüben. Ballis und Schultze konnten dabei vielfältige Eindrücke sammeln. Beeindruckende Landschaften, Tiere aller Art und natürlich Menschen, die den beiden Radlern aus dem „fernen München“ oft mit ungläubigen Staunen begegneten – aber auch einer unglaublichen Herzlichkeit. „Die Menschen unterwegs sind alle sehr freundlich gewesen und haben uns im Vorbeirollen zugewunken. Einmal hat uns ein Auto überholt und vor uns angehalten. Zwei Männer stiegen aus und haben uns Wasserflaschen geschenkt“, erzählt Schultze. Mehr als eine Geste, schließlich zeigte das Thermometer – während es in München in Strömen regnete – über 40 Grad. „Da ist jeder Schluck Wasser wichtig“, so die beiden Radler. Oder auch eine Wassermelone. Ein Sechs-Kilo-Exemplar gab es deshalb auch schon mal zum Mittagessen.

Nur eine Episode von einer an Eindrücken überreichen Radltour. Doch wie haben die beiden die lange Strecke verkraftet? „Körperlich gut, wir sind nie an unsere Grenzen gekommen“, versichern die beiden übereinstimmend. Und auch der Kopf habe immer mitgemacht. „Wenn wir ins Bett gegangen sind, wussten wir ja schon, wie es morgen weitergeht“, so Schultze. „Zimmer bezogen, etliche  Kilo Staub von uns und aus dem Radl-

gwand rausgewaschen. Jetzt gibt es noch ein feines Abendessen. Morgen geht‘s weiter und dann weiter, weiter, weiter“, schildern sie ihre täglich Routine. „Aufstehen, Frühstücken und dann aufs Rad.“ Fünf Stunden im Sattel war das normale Tagespensum. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern konnte so die angestrebte Etappe bewältigt werden.

Wobei durchaus Improvisation gefragt war. So haben Bedenken zur weiteren Strecke sie dazu bewogen, umzuplanen. „So wie bisher – zuhause in der kühlen Stube geplant – die Strecke weiterzufahren, ist gesundheitlich nicht mehr zu verantworten. Mehr als 45 Grad in der Mittagszeit bei täglich mindestens 100 Kilometern schmeißen dich irgendwann vom Radl“, erinnern sie sich an den 20. Tag ihrer Tour. Da es zudem hügeliger wurde und noch über 1000 Höhenmeter dazukamen, änderten sie ihre Route und verzichteten auf die „Black Sea“. Anders als sonst „der Weg ist das Ziel“ habe für sie gegolten „das Ziel auf dem richtigen Weg“.

Zweifel, dass sie es schaffen würden, hatten sie allerdings nie. Motivation brachten zudem auch bestimmte Wegmarken. „Als wir die ersten 1000 Kilometer hinter uns hatten, hat uns das einen mächtigen Schub gegeben. ,Nur noch 2000‘ haben wir uns gesagt“, erinnern sich Ballis und Schultze. Und: „Nach insgesamt 2574 Kilometern haben wir das erste Schild entdeckt auf dem Istanbul angeschrieben stand. Nochmal ein Adrenalinschub für uns.“

Der sie bis zu ihrem Ziel begleitete. Wobei die Schlussetappe zu einer ganz besonderen wurde. „Der letzte Fahrtag war als Genuss- und Triumphfahrt geplant. Wir starteten ganz gemütlich und wollten auf dem Fahrradweg – der wunderbar separat und geteert ist – zum Ziel einrollen“, beschreiben sie ihre Pläne. Doch es kam anders. Der Weg war aufgrund einer Baustelle nach ein paar Kilometern gesperrt und die beiden Radler mussten wieder auf die Schnellstraße. Diese konnten sie aber zum Glück schnell wieder verlassen und auf Luftlinie zum Brunnen zwischen Sultan Ahmet Moschee und Hagia Sophia radeln. Nach fast 3000 Kilometer auf dem Drahtesel endlich glücklich am Ziel.

In der türkischen Hauptstadt war nach den Radlstrapazen Zeit, zu entspannen und die Metropole zu genießen. Mit Sightseeing, Einkaufsbummel auf dem Basar und einer Bootsfahrt auf dem Bosporus, ehe es mit den Flugzeug zurück nach München ging. Auf dem Flughafen in Erding wurden Ballis und Schultze von ihren Familien herzlich empfangen. Ihre treuen Wegbegleiter, die beiden Räder, waren da noch im Bus auf dem Rücktransport nach Deutschland.

Würden sie die Tour noch einmal machen? Auf diese Frage antworten beide mit einem klaren Nein. Rückblickend sei vor allem der Verkehr sehr gefährlich gewesen. Außerdem hätten sie diese Herausforderung nun hinter sich. Wenn, dann müsse es eine neue sein. Und für alle potenziellen Nachahmer haben sie einen guten Rat: „sehr gut überlegen ehe man sich in ein solches Abenteuer stürzt“.

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