Eine außergewöhnliche Frau an der Spitze der HFF

Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen, Bettina Reitz (54), von A bis Z

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Bettina Reitz (54) ist eine Kämpfernatur, eine Ermöglicherin und die amtierende Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen. Weitere Antworten gibt es im A-Z

Bogenhausen: Sie wohnt in der Nähe des Friedensengels. „Das passt zu mir“, sagt Bettina Reitz mit einem Augenzwinkern. Denn eigentlich ist die Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen eine Kämpfernatur.

Durch die komplette Glasfront entlang der Gabelsbergerstraße hat die Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) einen atemberaubenden Blick auf die Alte Pinakothek und das künstlerische Treiben der Maxvorstadt. „Das ist das schönste Büro, das ich je hatte“, schwärmt Bettina Reitz.

Von der BR-Programmbereichsleiterin bis zur ersten Präsidentin der HFF

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen sind die Fenster allerdings beklebt mit großformatigen Fotografien ehemaliger Studenten. Zu ihnen zählen Roland Emmerich, Caroline Link, Bernd Eichinger und Florian Henckel von Donners­marck. An dessen 2007 Oscar-prämierten HFF-Abschlussfilm „Das Leben der Anderen“ war Reitz maßgeblich beteiligt, damals noch als BR-Programmbereichsleiterin. Von 2012 bis 2015 arbeitete die Bogenhauserin als Fernsehdirektorin beim BR, bis sie zur ersten hauptamtlichen Präsidentin in der Geschichte der HFF gewählt wurde. Diese Historie wird ein großer Teil der Feierlichkeiten sein, die vom 12. bis zum 16. Juli gehen und auch allerhand für die Münchner bieten: beispielsweise eine Retrospektive, in der das Frühwerk von Studenten wie Roland Emmerich gezeigt wird, oder eine Open-Air-Schau mit den aktuellsten Filmen der derzeitigen Studenten. Und wer weiß? Vielleicht schlägt dann wieder der Oscar-Riecher der Präsidentin an...

Maren Kowitz



Das A-Z mit Bettina Reitz


Alumni: Wir haben ein Füllhorn an erfolgreichen Absolventen von A wie Maren Ade über Caroline Link und Wim Wenders bis Z wie Marcus Zimmer. Sie sind Vorbilder, aber auch Mentoren und Ratgeber für unsere Studenten, unterstützen die HFF immer noch.

Bernd-Eichinger-Platz: Ich bin froh, dass der Platz vor der HFF so benannt wurde. Ich habe Bernd Eichingers Kraft und Energie sehr geschätzt. Für ihn gab es den Satz „Das geht nicht“ nicht. Wenn er von einer Idee beflügelt war, konnte er andere begeistern.

Chancen in der Zukunft hat das deutsche Kino nur, wenn wir neue Partner und neue Förderstrukturen finden. Sonst überlassen wir das Kino und den großen Spielfilm den internationalen Produktionen, und das kann der Präsidentin einer Filmhochschule nicht gefallen.

Digitalisierung: Die Zukunft liegt im Digitalen. Das lineare Fernsehen hat große Probleme, junge Menschen anzusprechen. Ihnen steht eine inhaltliche Welt offen, in der sie alles anzapfen, was sie bekommen können.

Filme bleiben für Bettina Reitz ein Gemeinschaftserlebnis

Empfehlungen: Die aktuelle BR-Serie „Hindafing“ und der Mehrteiler „Das Verschwinden“, der im Herbst in der ARD zu sehen sein wird. Und wir freuen uns alle auf „Babylon Berlin“ – die Co-Produktion von ARD und Sky soll mit einem Budget von knapp 40 Millionen Euro die bislang teuerste deutsche Fernsehproduktion werden.

Freiraum: Ich bin gerne im Management und die Ermöglicherin. Allerdings brauche ich dann gewisse Spielräume und Vertrauen, einen gewissen Freiraum. In zu eng abgesteckten Feldern fühle ich mich nicht mehr wohl.

Gemeinschaftserlebnis: Es macht weniger Freude, einen Film alleine zu sehen, ohne danach in eine Bar zu gehen oder spazieren zu gehen und sich gemeinsam über den Film auszutauschen. Außerdem schenkt man den Filmen im Kino doch eine andere Aufmerksamkeit als alleine zuhause.

Hollywood wurde eigentlich aus Deutschland heraus begründet. Karl Lämmle, der aus Laupheim ausgewandert war, gründete 1912 eines der ersten Studios, Universal.

Investitionen im Kino sind relativ: Wenn man ein Drama erzählt, das im besten Fall 500 000 Zuschauer in Deutschland erreichen kann, braucht man eine Strategie für eine internationale Sichtbarkeit. Festivals, vielleicht sogar Preise sind die einzige Chance auf Refinanzierung.

Die Präsidentin der HFF ist multifunktional einsetzbar

Jugend: Ich bin im Taunus in einen kleinen Ort groß geworden, der bis heute ein kleines Familienkino hat. Das war für meine Prägung ganz entscheidend. Gerade die kleineren Städte oder Gemeinden müssen sehen, dass sie ihre Kinos erhalten – mit Begegnungen, Diskussionsrunden oder interessanten Gästen.

Kunstareal: Wir sind die Nachtaktiven hier im Kunstareal. Mit drei internen Kinos haben wir die meisten Abendveranstaltungen. Wir leben das gut vor, wenn andere nachziehen, kommt mehr Leben ins Kunstareal und das tut dieser wunderbaren Ecke gut.

Lieblingsfilm: Es wäre vermessen, einen zu nennen. Aber „Paris, Texas“ von Wim Wenders hat mich sehr beschäftigt. Aktuell mag ich „Manchester by the sea“, einen Film, der einen nicht loslässt. Jedes Jahrzehnt haben mich andere Filme geprägt, die trage ich in mir.

Multifunktional einsetzbar hat mich meine Mutter immer genannt. Ich konnte vieles relativ gut, Klavier spielen, basteln, aber auch mein Mofa reparieren. Ich entwickle auch immer noch gerne eigene kreative Ideen.

Reitz' Studenten beschäftigen sich aktuell mit Flüchtlingen, Fremdsein, Überwachung oder der Möglichkeit, zum Mars zu fliegen

Nachwuchs: Die Themen, mit denen sich unsere Studierenden gerade beschäftigen, sind: Flüchtlinge, Fremdsein, Wurzeln, aber auch die digitale Welt, Überwachung oder die Möglichkeit zum Mars zu fliegen. Sie decken eine große Vielfalt ab.

Oscars: Noch ist der Oscar die höchste Auszeichnung für einen Kinofilm, weil die ganze Welt zuschaut. Sie waren der HFF immer hold und auch ich habe bei drei Filmen mitgewinnen dürfen: für „Das Leben der Anderen“, „Amour“ und „Citizen Four“.

Programmdirektorin: Die Fernsehdirektion, die ich von 2012 bis 2015 beim BR innehatte, ist ein Privileg, aber bringt viele Management-Aufgaben mit sich und viele Sitzungen. Man hat immer zu wenig Zeit, um über das Programm zu sprechen.

Quote: Früher waren acht bis zehn Millionen Zuschauer Standard. Heute freut man sich über vier. Außer bei sportlichen Großereignissen und so genannten Events versammeln sich nicht mehr so viele Menschen um ein Programmangebot.

Roland Emmerich: Bei unseren Feierlichkeiten zeigen wir das Frühwerk von HFF-Alumni wie Roland Emmerich. Er war schon damals ein spielerischer, mit Visionen gesegneter Regisseur, der aus dem Rahmen fiel. Dass er eine solche Blockbuster-Karriere hinlegt, hat keiner gedacht.

Träumen ist eine wichtige Grundvoraussetzung für die HFF

Serie: Der Serien-Hype ist seit einigen Jahren ausgebrochen. Wir in Bayern feiern – auch dank Helmut Dietl – die Serie schon seit Jahrzehnten.

Traum: Wer an eine Filmhochschule geht, muss auch träumen können. Kreativität und Phantasie sind Voraussetzungen!

Ursprung: Gegründet wurde die Hochschule für Fernsehen und Film am 19. Juli 1966 vom Freistaat Bayern. In Betrieb ging sie 1967 in einer alten Villa an der Kaulbachstraße.

Veranstaltungen: Gefeiert wird das Jubiläum mit einem Festakt und einer Party. Für alle Münchner zugänglich und kostenlos ist dann zum Beispiel die Open-Air-Jahresschau Samstag- und Sonntagnacht. Aktuelle Arbeiten unserer Studenten werden im Innenhof gezeigt.

Bettina Reitz hat einen großen Wunsch

Wunsch: Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft eine größere Anerkennung und Dankbarkeit zeigen für Menschen, die in diese künstlerischen Risikoberufe gehen. Die oftmals auf eine Anstellung und Sicherheit verzichten, sondern das Leben filmisch reflektieren.

XX-Chromosom: Gerade wurde die „Audiovisuelle Diversität Studie“ vorgestellt, die von Maria Furtwängler initiiert wurde. Da geht es um Rollenbilder von Frauen im Kino und im Fernsehen. Wie kommen wir vor? Wie oft kommen wir vor? Spannend!

Youtube: Neben Serien, die mittlerweile ein Millionen-Budget haben, gibt es auch Webserien, die mit minimalem Aufwand gedreht werden und das Erzählen aufmischen. Das tut uns gut.

Zielgruppe: Heutzutage muss jeder, der einen Film oder eine Serie produziert, sich genau überlegen, für wen er es macht und wie er dieses Publikum erreicht. Ich muss mit einer tollen Kampagne die Inhalte sichtbar machen, sonst werde ich in der Fülle der Angebote nicht mehr gefunden.

50 Jahre HFF München – das Jubiläumsprogramm

Alle Veranstaltungen finden in der HFF München statt, deren Fensterfront für die Zeit der Feierlichkeiten mit großformatigen Fotografien von Alumni beklebt ist, die von Prof. Heiner Stadler während seiner eigenen Studienzeit an der Filmhochschule gemacht wurden.

Der Eintritt ist frei; keine Anmeldung erforderlich.

Weitere Programmangebote und Informationen rund um 50 JAHRE HFF MÜNCHEN gibt es unter www.hff-muc.de sowie auf Facebook, Twitter & Instagram.

Donnerstag, 13. Juli 2017 | 18 Uhr
ZUR GRÜNDUNGSGESCHICHTE DER HFF MÜNCHEN
Podiumsgespräch mit den Professoren Peter C. Slansky und Claus Richter.

Donnerstag, 13. Juli 2017 | 19.30 Uhr
Double-Feature EINMAL BITTE ALLES und DER HUND BEGRABEN
Zwei aktuelle Kino-Filme unserer Alumni Helena Hufnagel und Sebastian Stern, deren Protagonisten tragisch und komisch zugleich ihre Quarter- und Midlifecrisis durchleben.

Samstag, 15. Juli & Sonntag, 16. Juli 2017 | 11-19 Uhr
RETROSPEKTIVE
Die Frühwerke von HFF-Alumni wie u.a. Maren Ade, Roland Emmerich, Florian Henckel von Donnersmarck und Marcus H. Rosenmüller.

Samstag, 15. Juli & Sonntag, 16. Juli 2017 | ab 21.30 Uhr
OPEN-AIR-JAHRESSCHAU
Spiel- und Dokumentarfilme, Spots und Reportagen: Die aktuellsten Arbeiten von HFF-Studierenden als großes Kino-Open-Air im HFF-Innenhof. Picknickdecke mitnehmen! Bei schlechtem Wetter in unseren Kinos – die Vorstellungen fallen nicht aus.

Donnerstag, 13. Juli – Sonntag, 16. Juli 2017 | jeweils 11-18 Uhr
MY LONESOME HOLOGRAM – VIRTUELLE INSTALLATION
Welche Existenzberechtigung haben wir, wenn uns niemand wahrnehmen kann? Besucher der Installation von HFF-Studentin Nina Wesemann in unserem Drehaußengelände „Graues Haus“ im Innenhof können im Selbstversuch als Hologramme aufgenommen werden.

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