„Es war doch nur Bier“

Ex-Alkoholiker gründete vor 30 Jahren Selbsthilfegruppe

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Über eine Flasche Bier zum Essen wurde Alfred Schober schleichend zum Alkoholiker - dieses Jahr feiert die von ihm gegründete Selbsthilfegruppe 30-jähriges Bestehen.

Bogenhausen: Wenn Alfred Schober an die Vergangenheit denkt, dann schüttelt es ihn.

„Ich war ganz unten“, sagt der 81-Jährige leise. Gleich nach dem Aufstehen kippte er erst mal zwei halbe Bier runter, damit das Zittern aufhörte. „Ich war Pegeltrinker“, sagt er, wenngleich er sich das lange selbst nicht eingestand. „Es war doch nur Bier – das ist in Bayern ein Nahrungsmittel.“ 23 Bier pro Tag – für den Münchner Alltag. Bis er eines Tages zusammenbrach.

Erst Krankenhaus, dann Entzug

Schober kam ins Krankenhaus, machte einen Entzug, später eine Therapie. Und rührte nie wieder eine Flasche Bier an. Das ist inzwischen 34 Jahre her. Geholfen hat ihm vor allem eines: „Die Selbsthilfegruppe – ohne sie würde ich heute nicht mehr leben.“ Denn nach der Klinik stand für ihn fest: „Ich muss dran bleiben.“ Um seine Erfahrungen zu teilen, gründete Schober eine Selbsthilfegruppe in Bogenhausen. 14 Jahre lang leitete er die Gruppe, heute ist er aktives Mitglied und nun feiert sie 30-jähriges Bestehen.

Die Selbsthilfegruppe hat Alfred Schober das Leben gerettet

„Für mich war die Selbsthilfegruppe wichtiger als die Therapie, weil ich jahrelang jede Woche hinging“, erzählt der gelernte Zimmerer. Mit seiner Lehrstelle hat überhaupt alles angefangen. Schober erinnert sich noch ganz genau an seinen ersten Tag als Lehrling: „Meine Mutter hatte mir eine Flasche Milch und ein Marmeladenbrot eingepackt.“ Als er um 9 Uhr mit dem Zimmermeister Brotzeit machte, nahm der die Milchflasche, schmiss sie gegen die Wand und reichte dem jungen Mann ein Bier. „So ging es damals zu.“ Je älter Schober wurde, desto schneller Griff er zum Alkohol. Gab es Probleme in der Firma, in der Ehe oder mit dem Geld – die Lösung lautete immer Alkohol für ihn. „Das ist das Schlimme an einer Alkoholerkrankung: Es geht schleichend, aber stetig.“ Weil oft die Angehörigen jene sind, denen etwas auffällt, lange bevor die Betroffenen sich selbst eine Sucht eingestehen, wendet sich die Selbsthilfegruppe ausdrücklich auch an Angehörige.

Hanni Kinadeter

Die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes trifft sich jeden Donnerstag um 19.30 Uhr in der Nazarethkirche, Barbarossastraße 3. Dort findet am Samstag, 14. Oktober die Feier zum 30-jährigen Bestehen statt: Um 11 Uhr findet ein Gottesdienst statt, anschließend gibt es einen Imbiss.

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