Er will doch nur spielen

Zu alt? Zu wenig Talent? Zehnjähriger wird in keinem Verein aufgenommen

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Seit über einem Jahr sucht der zehnjährige Felix einen Fußballverein – doch für mehr als ein Probetraining reicht es nie.

Bogenhausen: Es ist kaum zu glauben: Weil die Fußballvereine in seiner Umgebung zu viele Bewerber haben, wird ein Zehnjähriger nirgendwo aufgenommen. Er sei zu alt und habe schlicht zu wenig Talent.

Von seinem Taschengeld hatte sich Felix (Name geändert) eine Trainingsjacke seines Nachbarvereins gekauft. Das Probespielen dort fand er super. „Ich bin gut mitgekommen“, erzählt er. Doch dann die große Enttäuschung: Der Trainer sagte ihm ab. Felix sei zu alt – und das, obwohl er gerade mal zehn Jahre alt ist. Ohne Vorkenntnisse störe er im Training! Und außerdem wolle man Kinder, die den Verein in der Tabelle voranbringen. So schildert es die Mutter von Felix.

Auch beim zweiten und dritten Verein hat der Zehnjährige kein Glück. Seit mehr als einem Jahr versucht seine Mutter schon, einen Fußballverein für ihn zu finden – vergeblich. „Es heißt: Er ist zu schlecht, dabei ist er ein ganz normaler Junge, der unbedingt Kicken will“, sagt Sonja C. empört. „Es geht nur noch um Leistung“, schimpft auch Vater Thorsten C. „Früher sollte das auch einfach mal Spaß machen.“ Im eigenen Viertel haben die Eltern alle Vereine angefragt. „Durch ganz München kann ich ihn nicht fahren“, sagt Sonja C.

Felix ist laut Jürgen Stickdorn, der beim FC Rot Weiß die Jugendfußballmannschaft trainiert, kein Einzelfall. „Wir weisen jedes Jahr 40 bis 50 Kinder ab“, sagt er. Die Mannschaften sind überfüllt und um weitere zu gründen, mangelt es offenbar an allen Ecken: „Wir bräuchten Umkleiden, Duschen und vor allem ehrenamtliche Trainer – das ist das Hauptproblem.“

Wenn dann einer komme, der vorher noch nie im Verein gespielt hat – keine Chance. „Die Kinder im Verein wollen Erfolg – und die Eltern auch“, sagt Stickdorn. Da störe einer, der vorher noch nie im Verein gekickt hat. Für die Mannschaften gibt es Wartelisten – wer kein besonderes Talent hat, kommt einfach nicht rein. „Am besten wäre es, wenn sich der Vater als Trainer bereitstellt“, schlägt Stickdorn vor.

Anders hingegen schildert Sylvia Reisinger, Jugendleiterin beim SV Zamdorf, die Situation: „Wir suchen keinen Messi oder Ronaldo, sondern Kinder, die Spaß am Fußballspielen haben.“ Trotzdem weist auch dieser Verein jährlich zwischen 30 und 40 Kindern ab. „Wir haben nicht genug Trainer“, sagt Reisinger.

Das Referat für Bildung und Sport erhebe zwar keine umfassenden Zahlen über abgewiesene Mitglieder, aber: „Es ist uns bekannt, dass diverse Vereine Vormerklisten führen“, sagt Referatssprecherin Christina Warta. Die Gründe lägen im enormen Bevölkerungswachstum der Stadt. So sei die Zahl der Jugendlichen in Sportvereinen innerhalb der letzten zehn Jahre von gut 103 000 auf über 145 000 gestiegen. Die finanzielle Förderung der Sportvereine sei zwar an das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ geknüpft, es stehe den Vereinen aber frei, nach „sportfachlichen Kriterien“ vorzugehen.

Ähnlich sieht es der Bayerische Landes-Sportverband: Der BLSV teilte auf Hallo-Nachfrage mit: „Grundsätzlich erscheint eine Aufnahmebestimmung, die auf bestimmte sportliche Voraussetzungen abstellt, möglich.“
hki/lit

Kommentar: „Öffentliche Zuschüsse abdrehen“

Der Arbeit von ehrenamtlichen Trainern, Übungsleitern und Helfern in Vereinen kann kaum genug Wertschätzung entgegengebracht werden – gerade im Kinder- und Jugendbereich. Integration durch Sport, Sport statt Computerspiele und Sport gegen Übergewicht sind nur einige Stichworte. Angesichts dessen genießen Vereine zu Recht eine Reihe Vorteile. Dazu gehören in bestimmten Umsatzgrenzen massive steuerliche Erleichterungen sowie Fördermittel, Zuschüsse und Zuwendungen aus öffentlicher Hand. Wo aber ist der öffentliche Mehrwert – der Gemeinnutzen – wenn Normalbegabten der Zugang zu einem solchen Angebot verwehrt wird? Das Signal, das hier an ein zehnjähriges Kind gesendet wird, ist mit Nichts zu rechtfertigen. Ich war selbst 14 Jahre Jugendwart. Selbst ehrgeizigen Eltern kann man den Fokus auf Zusammenhalt, Toleranz Schwachen gegenüber und schlicht Spaß an der Freude meist gut näherbringen. Dass ein schlechter Kicker nicht in der ersten Mannschaft spielen wird, ist klar. Dass es gerade in Ballungsräumen wie München auch mal Wartelisten gibt, ist traurig – aber Realität. Dass aber schon bei Kindern nüchtern und erfolgsorientiert aussortiert wird, sollte mit nichts weniger als dem Entzug von öffentlichen Zuschüssen quittiert werden. Marco Litzlbauer

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