Berufungsverfahren nach dem Unfall mit drei Toten auf der Wasserburger Landstraße

„Das Urteil hat uns nicht überrascht“

Am Unfallort an der Wasserburger Landstraße wird der Opfer des Autounfalls gedacht.
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Am Unfallort an der Wasserburger Landstraße wird der Opfer des Autounfalls gedacht.
  • VonVerena Rudolf
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Drei junge Menschen starben im September 2017 in Trudering, als ein damals 60-Jähriger mit seinem SUV ihren Kleinwagen mit knapp 130 Stundenkilometern rammte. Im Berufungsverfahren wurde vergangenen Mittwoch das Urteil aus erster Instanz bestätigt: Der Unfallverursacher wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. 

Drei Jahre und neun Monate Haft lautet das Urteil für den heute 64-jährigen Nestor P. Im September 2017 raste der damals 60-Jährige mit knapp 130 Kilometer pro Stunde auf der Wasserburger Landstraße und fuhr auf Höhe der Jagdfeldstraße in Trudering ungebremst in das Heck eines Kleinwagens. Die 68-jährige Beifahrerin überlebte schwerverletzt. Für ihren Sohn, ihre Tochter und deren Verlobten ging der Unfall tödlich aus. In dem Berufungsverfahren wurde der Unfallverursacher nun wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Der Führerschein bleibt ihm lebenslang entzogen.

2019 wurde Nestor P. bereits wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Brandstiftung und fahrlässiger Körperverletzung zu vier Jahren Haft verurteilt. Doch er legte Berufung ein. Nun wurde dieses Urteil zwei Jahre später bestätigt. „Und vermutlich wird er wieder Revision einlegen“, davon geht die Angehörige Katharina R. aus. Nestor P. und sein Anwalt hätten und würden weiter mit der Zeit spielen: „Eine Verzögerungstaktik, so lange, bis sein Vorstrafenregister leer war.“ In der ersten Instanz waren es vier Jahre Haft, nun wurden drei Monate abgezogen, da eine frühere Vorstrafe inzwischen verjährt ist.

„Das Urteil hat uns nicht überrascht“, sagt Katharina R. zwei Tage nach der Verhandlung am Münchner Landgericht. Groß sei die Hoffnung ihrer Familie auf eine „faire Behandlung“ gewesen. Und auch die Hoffnung, dass der Mann, der das Leben von Baptiste, Anne-Sophie und Julien auf dem Gewissen hat, zeitnah ins Gefängnis müsse. „Für uns ist das Urteil schwer zu akzeptieren“, sagt die Schwägerin der Getöteten. „Wir hofften auf mehr Mut seitens der Justiz, nachdem ja geprüft war, dass sowohl gesundheitliche Probleme oder ein technisches Versagen auszuschließen sind.“ Doch das ungebremste Auffahren innerorts mit knapp 130 Kilometern pro Stunde wurde als „Verkehrsunfall“ eingestuft. „Und das ist es für uns einfach nicht“, betont die Angehörige.

Nach wie vor treibt die Familie um, dass der Fall im ersten Jahr nach dem Unfall nur am Amtsgericht angesiedelt war. „Das zunächst so lässige Umgehen mit so einem schweren Fall verwundert uns“, sagt R. Der „schale Beigeschmack“ bleibe, auch nachdem das Urteil nun bestätigt wurde. „Wir vermissen, dass der bedingte Vorsatz nie wirklich geprüft wurde.“

Nestor P., dessen Auftritt vor Gericht die Angehörige als kühl beschreibt, habe sich nun jedoch bei ihnen entschuldigt. „Doch wie können wir diese Entschuldigung für voll nehmen, wenn er das Urteil nicht akzeptiert und vor dem Staat seine Schuld nicht eingesteht?“, fragt sich R. Auch die Familie müsse sich nun gemeinsam mit ihrer Anwältin überlegen, ob sie Revision einlege. Doch R. erwähnt auch, dass sie als Angehörige abwägen, ob sie sich noch einmal ein Gerichtsverfahren und die erneute Begegnung mit dem Unfallverursacher, der sich in ihren Augen selbst wie ein Opfer darstelle, antun wollen. Zudem seien sie wieder mit den fürchterlichen Bildern des komplett zerstörten Autos konfrontiert. Jedes Mal wieder kämen die Fragen hoch, warum viele Begleitumstände und Zeugen von der Staatsanwaltschaft nicht berücksichtigt wurden. „Wie lange fuhr der Angeklagte bereits mit dieser Geschwindigkeit durch die Stadt? Dazu hätte man auch einen Zeugenaufruf machen können“, bedauert R.

Helfen würde es ihnen in ihrer unendlichen Trauer, wenn sie den Unfallverursacher im Gefängnis wüssten. Dort müsste er seine Rolle als Täter annehmen und könnte nicht länger die Opferrolle übernehmen.

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