Demenz-Hund Leni zu Besuch im Seniorenheim

Die beste Freundin auf vier Pfoten

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Der 91-jährigen Annemarie Hinze ist die Freude anzusehen, wenn sie gemeinsam mit Leni und Renate Gautsch durch den Garten des Seniorenheims fährt.

Hunde lösen bei Menschen Emotionen aus: Liebe, Freude, Vertrauen. Auch auf demenzkranke Menschen können Tiere — speziell Hunde — eine positive Wirkung haben. So auch auf die 91-jährige Annemarie Hinze, die im Altenheim in Giesing lebt. Einmal wöchentlich bekommt die betagte Dame Besuch von Demenz-Hündin Leni und ihrem Frauchen Renate Gautsch.

Schon als sie den Gang des Altenheims in München- Giesing entlang gehen, zieht Mischlingshündin Leni an der Leine. Sofort hat sie den Geruch von Annemarie Hinze (Name von der Redaktion geändert) wahrgenommen, die sie einmal in der Woche mit ihrem Frauchen Renate Gautsch besucht. Als die beiden das Zimmer der 91-Jährigen betreten, wedelt Leni mit ihrem Schwanz und wird immer schneller, während sie auf Hinze zusteuert, die in ihrem Rollstuhl sitzt. Bei ihr angekommen, legt Leni die Vorderpfoten auf ihren Schoß und beschnuppert sie von oben bis unten. Ganz sanft und zärtlich. Leni weiß genau, dass sie bei älteren Leuten wie Hinze vorsichtig sein muss. Das ist ihr Job. Denn Leni ist kein normaler Hund. Leni ist ein Demenz-Hund. Seit einem Jahr schon besucht die fünfjährige Hündin gemeinsam mit Renate Gautsch die demenzkranke Dame. „Wir haben extra eine Ausbildung zum Besuchs-Team für an Demenz erkrankte Menschen gemacht“, berichtet Gautsch. Als sie Leni aus dem Tierschutz holte, sei ihr sofort klar gewesen, „dass dieser Hund einen außergewöhnlich freundlichen Charakter hatte und sehr menschenbezogen war“. Über Angela Tang, die bei den Johannitern das Projekt der Hunde im Besuchsdienst leitet, erfuhr Gautsch von der Ausbildung. „Das war genau das Richtige für Leni“, sagt ihr Frauchen. Und auch Hinze tut der Kontakt zu der quirligen Hündin ausgesprochen gut. „Meine Mutter hatte schon immer Probleme mit den Schultern“, erinnert sich ihre Tochter Helga Hinze. Die ältere Dame hatte Probleme, sich zu bewegen und zu beugen. Zahlreiche Therapien und Reha nutzten nichts. „Erst seit Leni kann sie sich wieder viel besser bewegen und schmeißt dem Hund sogar Bälle zu“, freut sich ihre Tochter. Und die Bälle holt Leni mit größter Freude. Inzwischen sind Gautsch und Leni mit Annemarie Hinze auf die Wiese im Garten des Heims gegangen. Die Augen der Seniorin — die erst seit Kurzem nach einem Sturz im Rollstuhl sitzt — leuchten, als Leni unermüdlich das orangefarbe Spielzeug wieder bringt, das Hinze ihr wirft. „Leni hat einen ganz lieben Charakter, ganz toll“, freut sich die 91-Jährige. Zwischendurch gibt es dann noch kleine Kuscheleinheiten. Das ist nicht selbstverständlich: „Ein Hund darf näherkommen, sogar kuscheln, auch wenn viele Demente das mit Menschen nicht mehr möchten“, sagt Angela Tang von den Johannitern. Helga Hinze stimmt ihr zu: „Meine Mutter ist in einer Zeit aufgewachsen, in der man sich nicht wie heute ständig umarmt und berührt hat. Der Kontakt mit Leni tut ihr unheimlich gut!“ 28 Teams aus Mensch und Hund besuchen Seniorenheime, Kindergärten oder Demenzkranke. Wobei es für Letzteres eine Ausbildung bei den Johannitern braucht, bei der die Hundebesitzer in 45 Stunden theoretisch und praktisch lernen, wie so ein Besuch bestmöglich verläuft. „Es ist ja nicht nur für Frau Hinze schön“, sagt Gautsch, „auch ich gehe hier jeden Donnerstag mit einem richtig guten Gefühl raus“. Damit das gute Gefühl bei allen Beteiligten entsteht, ist es wichtig, den passenden Hund für den jeweiligen Senioren auszuwählen. „Die Sympathie entscheidet“, weiß Tang. 20 Jahre Erfahrung hat sie bereits im Besuchsdienst mit Hunden. Außerdem sucht sie aktivere Hunde für aktivere Senioren aus und ruhigere Hunde für ruhige ältere Menschen. „In Leni und Frau Hinze haben sich zwei Partymädels gefunden“, sagt Tang und lacht. „Sie passen hervorragend zusammen!“ Gautsch erinnert sich: „Neulich ist ein Virus im Haus St. Martin herumgegangen, Frau Hinze wollte gar nicht aus ihrem Zimmer.“ Nicht einmal ihre Tochter habe sie motivieren können. „Doch als Leni und ich am Donnerstag um 16 Uhr kamen, hat sie sofort ihre Mütze und Handschuhe rausgesucht“, berichtet Gautsch. Lenis Besuch an diesem Donnerstag neigt sich inzwischen dem Ende zu. „Jetzt gibt‘s noch a paar Wienerle, dann muss Leni heimgehen“, sagt Annemarie Hinze nicht ohne etwas Wehmut in der Stimme. „Aber Leni kommt ja nächste Woche schon wieder“, tröstet Gautsch und lässt ein Spielzeug in Hinzes Tasche zurück. So kann sich die 91-Jährige auch dessen sicher sein, dass ihre vierbeinige Freundin bald wiederkommt.

Tanja Buchka

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