Stefinger: „Die ‚Zwiesprache mit oben‘ ist mir wichtig“

Bundestagsabgeordneter Wolfgang Stefinger im HALLO-Interview

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Wolfgang Stefinger in seinem Wahlkreis-Büro.

Die Sommerpause des Bundestags endet für Wolfgang Stefinger mit einer Dienstreise nach Südafrika und Namibia. Vorher empfing er HALLO-Chefredakteur Marco Heinrich zum Sommer-Interview. Der 33-Jährige sprach über Gott und die Welt – im wahrsten Sinne.

HALLO: Wie ruhig ist die Sommerpause für einen Bundestags- abgeordneten wirklich? 

Stefinger: Es ist schon etwas ruhiger, da kein Sitzungsbetrieb in Berlin ist und damit das ewige Pendeln zwischen Berlin und München weg fällt. Das ist natürlich schon anstrengend und kostet Zeit, die mir für Termine im Wahlkreis teilweise fehlt. Dennoch versuche ich, viel vor Ort zu sein. Aber ich beschwere mich nicht.

Sie sitzen seit 2013 im Bundestrag. Ist Berlin mittlerweile eine zweite Heimat? 

Nein, mein Lebensmittelpunkt bleibt München. Ich bin nur zum Arbeiten in Berlin. Aber natürlich finde ich mich dort mittlerweile auch ganz gut zurecht.

Je mehr Sie Berlin kennenlernen, wird es München dann immer ähnlicher oder immer fremder? 

Ich entdecke immer mehr die Unterschiede. München ist das Millionendorf. Es geht gemütlicher zu. Alles ist kleiner, das fängt schon bei den Häusern an. Und in Berlin wird wirklich überall gebaut. Trotzdem ist Berlin nicht nur spannend, sondern auch schön. Wie dort zum Beispiel die Spree genutzt wird, das ist schon sehr lässig. Ich bin jetzt nicht dafür, die Isar zu kommerzialisieren, aber ein paar Anregungen aus Berlin könnte man sich schon holen. Wie wäre es denn beispielsweise mit einem Isarbad oder einem Isar-Stadtstrand für die Münchner? Auf der anderen Seite bin ich froh, dass die Dinge in München besser und koordinierter funktionieren. Ich lebte in Berlin mal in einer Straße, an der es eine ewige Baustelle gab. Zwei Jahre lang passierte dort gar nichts. Aber die Berliner zucken über so etwas nur mit den Schultern.

Vor ein paar Monaten waren Sie im Irak. Jetzt geht es nach Südafrika und nach Namibia. Worum geht es bei dieser Reise? 

Ich bin auch Mitglied im Ausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Deshalb geht es bei den Reisen in erster Linie darum, bestehende Entwicklungsprojekte zu analysieren und neue Möglichkeiten zu prüfen. Diese Reise nach Südafrika und Namibia wird aber auch für mich persönlich etwas Besonderes.

Warum? 

In Südafrika besuche ich auch ein Projekt, zu dem ich persönlich eine lange Bindung habe. In meiner aktiven Zeit in der Pfarrjugend habe ich einige Jahre die Sternsinger-Aktion organisiert. Wir haben über mehrere Jahre für ein Projekt in den Townships in Kapstadt gesammelt. Mit den Spenden haben wir alte Schiffscontainer gekauft und zu Schul- und Kindergartencontaintern umbauen lassen. Jetzt bekomme ich die Chance zu sehen, was daraus vor Ort geworden ist. Und auch Namibia wird eine besondere Reise. Deutschland übergibt die sterblichen Überreste von Afrikanern aus der Kolonialzeit. In Namibia gibt es deswegen einen Staatstrauerakt mit Totenwache. Hier werde ich den Bundestag vertreten.

Innerhalb von einer Woche sammeln Sie bei solchen Reisen unzählige Eindrücke. Ändert das nur Ihre politischen Ansichten oder auch Sie ganz persönlich als Mensch? 

Das Reisen ist sehr arbeitsintensiv. Mit Tourismus hat das nichts zu tun. Die Irak-Reise zum Beispiel beschäftigt mich nach wie vor. Ich stand in Mossul, das zu zwei Dritteln zerstört ist und durfte mich nur mit Sicherheitsweste bewegen, weil überall noch Sprengfallen versteckt sind. Mit Minister Gerd Müller traf ich Menschen, die vom IS verschleppt wurden. Viele sind verstümmelt. Ich habe mit Kindern gesprochen, die Arme oder Beine verloren haben, weil Wasserflaschen mit Sprengfallen neben Schulen platziert wurden. [Macht eine Pause]. Das hat mich sehr berührt. Die Reisen zeigen mir die Wichtigkeit von Entwicklungspolitik und machen mir deutlich, wie dankbar ich sein kann, dass ich hier in Bayern aufwachsen durfte und leben darf.

Sie sitzen als Bundestagsabgeordneter am Hebel, können Dinge verändern. Überkommt Sie nach solchen Erlebnissen nicht trotzdem ein Gefühl der Hilflosigkeit? 

Nein, das Gefühl habe ich nicht. Ich muss mir aber verdeutlichen, dass wir nicht die ganze Welt retten können. Aber gerade auf den Reisen gibt es auch immer wieder Erlebnisse, die beweisen, dass wir gute Dinge bewirken können, Hilfe zur Selbsthilfe geben und damit vielen Menschen helfen und eine Chance auf eine gute Zukunft geben können.

Sie haben Ihre Vergangenheit in der Pfarrjugend angesprochen. Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben. Neben Ihrem Schreibtisch steht ja auch ein Bild von einer Papstaudienz. 

Der Glaube spielt für mich schon eine große Rolle. Nicht nur, weil im Rahmen der Kirche mein politisches Engagement begann. Für mich ist der Glaube ein großer Rückhalt – auch wenn ich mit der Amtskirche manchmal hadere. Die „Zwiesprache mit oben“ ist mir wichtig.

Trotzdem haben Sie für die „Ehe für Alle“ gestimmt – als einer von nur sieben CSU-Abgeordneten. 

Das Thema wurde schon viele Jahre diskutiert und es war offensichtlich, dass es bald auf die Agenda kommen würde. Daher hatte ich mich schon länger mit den Argumenten auseinandergesetzt. Wir hatten im Bundestag eine Entscheidung zu treffen, wie wir das rechtlich regeln wollen. Das Recht der Religionsgemeinschaften anders zu verfahren, bleibt davon unberührt. Die evangelische Kirche hat die Öffnung der Ehe übrigens mehrheitlich begrüßt. Die Angst von vielen Bürgern, Familien könnten durch diese Entscheidung Nachteile haben, ist unbegründet. Familien erhalten weiterhin große Unterstützung. Bayern hat hierfür auch erst das zusätzliche Familiengeld eingeführt.

Wolfgang Stefinger mit Bundesminister Gerhard Müller im Irak.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Entscheidung? 

Das kann ich genau sagen. Ich bekam rund 150 positive Nachrichten und etwa 30 negative – die allerdings teils unverschämt und manchmal persönlich verletzend waren.

Wandern solche E-Mails dann gleich in den Papierkorb? 

Nein, ich habe allen geantwortet. In besonderen Fällen rufe ich an – da sind die Absender dann meistens sehr überrascht. Eine generelle Verrohung des Dialogs ist in der Gesellschaft zu spüren. Kann sich die Politik da von Verantwortung freisprechen? Im bayerischen Wahlkampf greifen sich die Spitzenkandidaten auch auf einer persönlichen Ebene an. Naja, Strauß und Wehner haben sich einst auch nichts geschenkt. Aber es stimmt, Politiker tragen Verantwortung für die Art der Auseinandersetzung. Ich finde, man darf nicht die Grenze überschreiten, dass es verletzend wird. Mir ist wichtig, dass man nach einer sachlichen Diskussion anschließend miteinander wieder einen Kaffee oder ein Bier trinken kann.

Wie fanden Sie den Vorstoß von CDU-Ministerpräsident Daniel Günther, der über eine Zusammenarbeit von Union und Linke nachdachte? 

In der konkreten Frage habe ich Daniel Günther nicht verstanden. Die Linke ist die SED-Nachfolgepartei. Fragen zum SED-Parteivermögen sind bis heute nicht geklärt und mancher von damals trägt immer noch Verantwortung in der Partei. Daher halte ich eine Zusammenarbeit von Union und Linken für ausgeschlossen.

Einige Analysten meinen, das Spiel um die Posten nach der Wahl hat längst begonnen. Wo sehen Sie sich im Laufe Ihrer Karriere noch? 

[Lacht] Ich bin glücklich, wo ich momentan bin. Ich möchte für München und die Menschen Verantwortung übernehmen. Dafür bietet der Bundestag hervorragende Möglichkeiten, Chancen und Aufgaben. Aber ein Mandat erteilt der Wähler immer auf Zeit, deshalb ist in der Politik nichts planbar, weder das Mandat selbst, noch Positionen oder Aufgaben. Bei allem ist aber das Wichtigste, sich selber treu zu bleiben.

Interview: Marco Heinrich 

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