Mehr als nur ein Mahnmal

Haar „Restlicht“ von Werner Mally am Bestimmungsort angekommen

Auf der Wiese zwischen dem Kleinen Theater und der Kindertagesstätte an der Casinostraße hat „Restlicht“ seinen engültigen Standort gefunden.
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Auf der Wiese zwischen dem Kleinen Theater und der Kindertagesstätte an der Casinostraße hat „Restlicht“ seinen engültigen Standort gefunden.
  • VonThomas Fischer
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„Restlicht“ lautet der Titel eines Kunstwerks von Werner Mally. Es soll an die Deportation und damit an die Ermordung Schutzbefohlener im T4-Programm des Naziregimes erinnern. Jetzt hat der stählerne Baldachin seinen endgültigen Standort in Haar erreicht.

Eine Gedenkskulptur dieser Art dauerhaft in einer Gemeinde zu installieren ist auch eine klare Aussage. Zumal Haar direkt betroffen ist: In der Gemeinde wurden während des dritten Reiches Menschen aus der Klinik in Vernichtungslager deportiert oder sogar in der Nervenheilanstalt vor Ort umgebracht. Die „lesbaren Schatten der Geschichte“, wie der Künstler beschreibt, soll sichtbares Zeichen für die Historie des Areals sein. Bürgermeister Andreas Bukowski präsentierte das Kunstwerk jetzt gemeinsam mit dem kbo-Klinik-Direktorium, dem Künstler Werner Mally und Bezirkstagspräsident Josef Mederer an seinem endgültigen Standort: der Wiese zwischen Kleinem Theater und der Gemeindlichen Kindertageseinrichtung Casinostraße.

Die Skulptur wurde in der Amtszeit von Altbürgermeister Helmut Dworzak gemeinsam mit dem damaligen Direktorium des kbo-Klinikum Haar gekauft. Bürgermeisterin Gabriele Müller hatte das Objekt, in Abstimmung mit dem jetzigen Direktorium, zunächst vor dem Rathaus platzieren lassen.

Das Mahnmal mit seinem Baldachin misst vier mal vier Meter und steht auf vier 2,70 Meter hohen Beinen. Dabei bildet die Skulptur quasi ein Dach. Doch ein poröses. Denn durch die etwa 400 Bohrungen, die zusammen die Jahreszahlen der Deportationen von 1938 bis 1945 darstellen, kann es durchregnen. Das ist Mallys Symbolik dafür, dass während der Deportationen Ärzte ihre Schutzbefohlenen in den Tod geschickt haben. Aber auch an sonnigen Tagen, wird diese Symbolik deutlich: Dann wirft das Kunstwerk „den Schatten der Geschichte“ auf den Boden, ja sogar auf die Haut der Leute, die sich darunter versammelt haben. „Restlicht“ ist also Mahnmal, Skulptur und potentieller Veranstaltungsort zugleich.

„Wenn auch nur in kleiner Runde, so dürfen wir heute einem bedeutungsvollen Moment unserer Gemeindegeschichte beiwohnen: Zum Gedenken an die Opfer der systematischen Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen durch das Nazi-Regime, weihen wir heute einen Ort ein, der sich einem nur allzu bekannten menschlichen Gebrechen entgegenstellt: dem Vergessen“, erklärte Haars Bürgermeister Andreas Bukowski bei der Vorstellung des Kunstwerks an seinem endgültigen Standort. „Dem Vergessen dessen, was auch hier in unserer Gemeinde stattgefunden hat: Selektion oder auch die direkte Tötung von Menschen, die für lebensunwert befunden worden sind. Verurteilt von jenen, die eigentlich zu Ihrem Schutz bestimmt, ja, sich durch einen Eid zu ihrem Schutz verpflichtet hatten.“

Erst bei näherer Betrachtung und vor allem im Tageslauf entfalte das Werk es seine volle Wucht. Früh am Morgen seien die Zahlen unscharf und kaum zu erkennen. Der Beginn des Grauens deute sich erst an, liege aber noch ferne und sei schwer zu erkennen. Dennoch erfasse dieses diffuse Licht bereits einen der geschichtlichen Ausgangspunkte des Verbrechens. Je weiter der Stand der Sonne steige, desto deutlicher würden die Konturen des eigentlich Unfassbaren und auch der Verlauf der Geschichte markiere die traurige Richtung: mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses im Jahre 1933 werde eine Entwicklung eingeleitet deren scheußliche Fratze im Jahre 1939 in einem Schreiben Hitlers deutlich zu Tage trete. Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht habe, brenne sie die Konturen des Grauens unmissverständlich in den steinernen Boden. Das was selbst das Nazi-Regime im Verborgenen halten wollte, trete deutlich vor Augen und entreisse das feige Töten von wehrlosen Tausenden dem Schatten der Geschichte. Freilich wandere das Licht weiter und je mehr Zeit vergehe, desto unschärfer würden die Ziffern wieder. „Eine Mahnung wird spürbar“, so Bukowski, „die Mahnung nicht zu vergessen. Und sie wiederholt sich, Tag für Tag.“

Die Haarer Skulptur ist übrigens die zweite ihrer Art – die erste, sozusagen der Prototyp, ist ein wanderndes Mahnmal, das seit 2012 bis heute in den sonnigsten Monaten des Jahres von Mai bis Oktober quer durch die Lande „reist“ und immer nur für ein paar Wochen fest an einem Ort steht.

Aber auch in Haar bleibt „Restlicht“ mit Sicherheit eine Besonderheit. „Es ist kein Grabstein der im Boden liegt und über den einmal Gras wächst“, sagt auch Künstler Werner Mally.

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