Münchens Vergangenheit in Zeilen

Tausende Briefe lassen Münchner Geschichte(n) lebendig werden

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Es sind die kleinen Geschichten, die Sebastian Kuboth faszinieren - seit Jahrzehnten sammelt der Haidhauser bereits Briefe, Post und Tagebücher von Münchnern

Haidhausen - Koffer voller Briefe, Post und Tagebücher: Sebastian Kuboth bündelt Texte aus Münchens Vergangenheit in seiner Wohnung. Hallo sprach mit dem Sammler.

Umgeben von seiner Sammlung - Sebastian Kuboth

Wenn Sebastian Kuboth durch seine Sammlung blättert, taucht er in eine Welt, in der Frauen Fräuleins hießen, das Oktoberfest ein Viehmarkt war und Revolutionen vor der Haustür ausbrachen. Der 33-jährige Haidhauser sammelt seit zehn Jahren Briefe und Tagebücher aus längst vergangenen Zeiten. Inzwischen besitzt er mehr als eine Millionen Schriftstücke – von Soldaten, Hausfrauen, Schauspielern, Grafen, Diplomaten und Heiratsschwindlern.

In dem Sammelsurium findet sich auch Privatpost von Münchner Persönlichkeiten wie Liesl Karlstadt oder Gustl Bayrhammer, dem Meister Eder-Darsteller in Pumuckl. Von Liesl Karlstadt besitzt er zwei Briefe aus dem Jahr 1945, die beide an deren guten Freund Raimund adressiert sind. Sie schreibt darin von Dreharbeiten für einen Film und der Firmung von Raimunds Tochter, die sie absagen muss. Aber Liesl Karlstadt will genau wissen, was sich das Patenkind zur Firmung wünscht, um keinen Fehlgriff zu landen. „Sonst kauf’ ich eine silberne Wärmflasche mit Nylonnetz darüber und das Kind möchte einen goldenen Fußball!“.

Geschichten kleiner Leute sind oft spannender als jeder Geschichtsunterricht

Gustl Bayr­hammer hingegen schreibt Andreas, vermutlich einem Kind, über sein Haustier, nämlich einen Wellensittich namens Bazi, und darüber, dass er entschiedener Gegner von Tierversuchen ist. Es sind nicht nur die Promi-Briefe, die Sebastian Kuboth in ihren Bann ziehen: „Die Geschichten der kleinen Leute sind spannender als jeder Geschichtsunterricht“, findet er. So berichtet etwa ein junger Thüringer, der in München eine Lehre zum Büchsenmacher macht, in schönstem Altdeutsch über die Münchner „Merkwürdigkeiten“ und seinen Besuch beim Oktoberfest: „Auf der ganzen Wiese dahier versammeln sich die vorzüglichsten Produckte der Oekonomie vom ganzen Lande“, schreibt der Lehrling 1828. Allerdings stellte er auch fest: München sei angenehm, „obgleich die angebohrene Grobheit der Baiern einem sehr oft die Freuden verleiden“.

Intime Details längst verstorbener Menschen berühren Kuboth besonders

Manchmal läuft Sebastian Kuboth ein Schauer über den Rücken, wenn er intime Details von Menschen liest, die schon längst gestorben sind. „Besonders gruselig ist es, wenn noch eine Haarlocke dabei liegt“, erzählt er. Doch große Gewissensbisse plagen ihn nicht: „Die meisten Nachfahren verscherbeln die Briefe und Tagebücher auf Ebay.“ Das erklärt sich der 33-Jährige so: „Viele können die altdeutsche Schrift gar nicht mehr lesen. Manchmal kauft er auch in den USA deutsche Briefe – meistens Zeilen von Menschen, die im Krieg auswanderten.Mit seiner Sammlung wird die Geschichte lebendig. „Da fühle ich zum Teil richtig mit“, sagt Sebastian Kuboth und erzählt von den tragischen Briefen der Münchnerin Frau Nußbaumer aus dem Jahr 1919: Gerade ist ihr Geliebter unversehrt aus dem Ersten Weltkrieg zurück, tritt eines Tages vor die Haustür und es trifft ihn ein Kopfschuss.

Liebesbriefe aus dem Jahr 1944: Grete schickte ihrem Gatten, der als Soldat in Russland war, Briefe mit Zeichnungen von sich selbst – wohl, um zu verhindern, dass er fremdgeht.

Intim wird es bei den anzüglichen Zeilen, die Grete aus Kaufbeuren 1944 für ihren Geliebten verfasst, als der als Soldat in Russland stationiert ist. Garniert sind ihre Briefe mit filigranen Zeichnungen (siehe rechts), auf denen Grete selbst zu sehen ist – meist leicht bekleidet oder nackt. „Sie hatte wohl Angst, dass ihr Mann in Russland untreu wird“, sagt Sebastian Kuboth und schmunzelt. „Aber sie hatte wirklich künstlerisches Talent.“ Diese Briefe will er auf jeden Fall behalten – andere verkauft er inzwischen weiter. Von den unzähligen Briefen hat er bislang 25 000 katalogisiert. „Den Rest muss ich ich noch durchackern.“

Weil es in seiner Haidhauser Wohnung langsam eng wird, hat er einen Teil der Sammlung schon ausgelagert und bei seiner Familie untergebracht. Besonders faszinierend findet Kuboth, wie sehr sich die Handschrift verändert hat. „Eine Zeitlang war die Schrift sehr kunstvoll und individuell“, sagt er und zeigt etwa einen schnörkelig geschriebenen Brief von 1828. „Die Menschen haben sich sehr viel Mühe gegeben beim Schreiben.“

Hanni Kinadeter

Ausstellung über das Sammeln

„Sammeln und Ansichten“ lautet der Titel einer Ausstellung, die im H-Team, Plingan­serstraße 19, bis 29. März zu sehen ist (geöffnet: montags bis donnerstags 9 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr, freitags 9 bis 12 Uhr). Passend zum Thema findet dort am Donnerstag, 25. Januar, um 19 Uhr ein Fachvortrag-Künstlergespräch zum Thema „Ich sammle, darum bin ich“ statt.

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