Anker beim Alleinsein

Seit 30 Jahren betreuen Ehrenamtliche Behinderte – jetzt wird der Verein geehrt

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Für Mutter Ariane Magg eine Erleichterung: Linus Zirnbauer (l.) kümmert sich seit Jahren um Nici.

Haidhausen - Nicht bloß Unterstützer und Betreuer, sondern ein echtes Familienmitglied: Für ihre Arbeit mit Herz und Seele werden Mitglieder des Vereins Bib geehrt

Nici (14) liebt Wasser. Wenn seine Betreuer mit ihm ins Schwimmbad gehen und er das Wasser auf seiner Haut spürt, juchzt er vor Freude. „Nici ist ein fröhliches Kind und lacht viel“, sagt Mutter Ariane Magg. Dabei haben Schicksalsschläge der Familie das Leben schwer gemacht. Als Nici und sein Zwillingsbruder Dominic 2004 als Frühchen auf die Welt kommen, sind sie kerngesund. Bis wenige Wochen später ein Virus die Säuglinge im Krankenhaus infiziert. Der Virus greift das Gehirn an. Dominic stirbt als Vierjähriger. Nici überlebt. Doch die Schäden bleiben. Nici kann heute nicht sprechen oder laufen, er hat sein Augenlicht verloren. Niemand weiß, wie viel er versteht. Für Ariane Magg ein schwerer Schicksalsschlag. 

Es kommt noch schlimmer: 2012 stirbt ihr Ehemann an Krebs. „Allein würde ich das nicht schaffen“, sagt die 47-Jährige heute. „Ohne den Verein wäre ich verloren.“ Nici benötigt für alles Hilfe – essen, anziehen, waschen – und auch Ansprache. „Er versteht auf jeden Fall Langeweile“, erzählt Magg und lächelt. „Eine halbe Stunde lang kann er sich allein beschäftigen – aber dann quengelt er.“ Deswegen kommen regelmäßig Betreuer vom BiB, dem „Verein zur Betreuung und Integration behinderter Kinder und Jugendliche“, dem in dieser Woche ein Präventionspreis verliehen wird. 

Ein Betreuer ist Linus Zirnbauer, der sich schon seit sechs Jahren um Nici kümmert – und mit Familie Magg sogar schon im Urlaub war. „Ohne Babysitter könnte ich nicht verreisen“, sagt Magg. Im Laufe der Jahre ist Linus Zirnbauer zu einem echten Familienmitglied geworden. Das ist es auch, was Magg an dem Verein so schätzt: „Es ist ein kleines Team, die Atmosphäre sehr familiär.“ Die Betreuer, betont Magg, bringen das nötige Feingefühl und Einfühlungsvermögen mit. „Nici kann nicht sagen, was ihm gefällt – sie müssen sich in ihn hineinversetzen, um herauszufinden, was er mag.“ 

Was Nici definitiv mag: mit Del­finen schwimmen. Das konnte der 14-Jährige im vergangenen Sommer in Curacao bei einer eine speziellen Form der Therapie. Um diese zu ermöglichen, hat BiB die Familie stark unterstützt – auch mit Spenden, die der Verein für die Reise sammelte. Darüber hinaus bietet der Verein Infoveranstaltungen und Treffen für betroffene Geschwister – ein Angebot, „das in der nächsten Zeit interessant werden könnte“, sagt Magg. Nici hat einen siebenjährigen Bruder – der kerngesund ist. hki

Preis für BiB

Am Donnerstag, 17. Mai, zeichnet die Organisation Amyna aus Haidhausen den „Verein zur Betreuung und Integration behinderter Kinder und Jugendliche“ (BiB) mit dem Präventionspreis aus, den die 1989 gegründete Organisation Amyna seit 2005 verleiht. Mit dem Preis soll vor allem die Präventionsarbeit von BiB, um sexuellen Missbrauch Behinderter zu verhindern, gewürdigt werden. 

Das ist aber nicht die Schwerpunktarbeit des Münchner Vereins BiB, sondern die Betreuung. Insgesamt 300 bis 350 Ehrenamtliche von BiB betreuen behinderte Kinder und Jugendliche, zehn Hauptamtliche koordinieren die Einsätze und schulen die Mitarbeiter. Der Verein finanziert sich über Spenden, öffentliche Zuschüsse und Beiträge aus der Pflegekasse. Seit knapp 30 Jahren gibt es den BiB in München, der außerdem auch eine Schulbegleitung für Kinder mit Behinderung anbietet. Etwa 150 Münchner Familien nehmen die BiB-Angebote in Anspruch.

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