Vom Glasscherben- zum Szeneviertel

Privatbilder zeigen spektakuläre Entwicklung Haidhausens

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Das letzte Herbergshäuschen vorm Klinikum rechts der Isar.

Haidhausen: Der vom Krieg zerbombte Hofbräukeller – nur eines der Beispiele, wie sich Haidhausen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Hermann Wilhelm (Foto unten) kann sich noch ganz genau daran erinnern. Dort, wo heute das Krankenhaus rechts der Isar steht, ist er als Bub über die Wiese gerannt und hat Bälle gekickt. „Wir haben uns dort immer zum Fußballspielen getroffen“, erzählt er. Das Gros der meisten kleinen Herbergshäuser, die dort standen, wurde im Krieg zerbombt. Was übrig blieb, wurde später abgerissen, um das Klinikum zu erweitern. Betrachtet man die vergilbten schwarz-weiß Fotos aus der Nachkriegszeit, ist das heutige Haidhausen kaum zu erkennen. „Das Viertel hat sich stark verändert“, sagt Wilhelm, der am Sonntag, 17. Dezember eine Ausstellung mit Fotografien und Geschichten aus den vergangenen 50 Jahren des Viertels im Gasteig eröffnet. Dafür hat Hermann Wilhelm, Chef des Museums Haidhausen, sein Privatarchiv geplündert. „Ich habe bestimmt ein paar tausend Fotos daheim“, sagt er. „Aber die sind nicht alle von mir – viele haben mir auch Nachbarn und Menschen aus dem Viertel gegeben.“ Diese Bilder dokumentieren die Geschichte des Viertels – vor allem die Alltagsgeschichte und jene der kleinen Leute.

Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg, der Nachkriegszeit und dem Banküberfall 1971 in der Prinzregentenstraße. „Das war der erste Banküberfall mit Geiselnahme in Deutschland“, erinnert sich Wilhelm. Die ganze Republik verfolgte das Verbrechen damals. „Zum ersten Mal berichteten die Fernsehsender live von dem Überfall“, erzählt der 68-Jährige. Das Verbrechen, aber auch Geschichten über die Kommunarden des Viertels, über Musiker und Kabarettisten wie Karl Valentin, aber auch die Entwicklung des Wohnungsmarktes sind in dem Buch zur Ausstellung zu finden. Denn bevor Haidhausen zum hochpreisigen Szeneviertel wurde, war es lange Zeit ein heruntergekommenes Glasscherbenviertel, in dem Tagelöhner, Gastarbeiter und Angestellte lebten. 

Wilhelm kramt ein altes Büchlein hervor, sein Mietbuch, das er damals führen musste, weil jeder die Miete noch bar bezahlte. Bis 1977 zahlte er für den Quadratmeter 2,50 Mark – dann wurde die Mietpreisbindung aufgehoben, das Viertel Teil der Modellsanierung und die Preise schossen in die Höhe. „Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht“, sagt Wilhelm, der als dritter Vorsitzender für die SPD im Bezirksausschuss sitzt.

Die günstigen Altbauwohnungen sind genauso von der Bildfläche verschwunden wie der einstige Vorstadt-Charakter des Viertels, die vielen kleinen Kinos und Werkstätten und das große Brauerei-Gebäude – längst braut der Hofbräukeller sein Bier in Riem. „Schade“, findet Wilhelm das. „Sehr schade.“
Hanni Kinadeter

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Der vielleicht spannendste Stadtteil Münchens!“ ist von Sonntag, 17. Dezember, bis Donnerstag, 18. Januar, im Gasteig, Rosenheimer Straße 5 zu sehen. Die Eröffnung war am 17. Dezember um 11 Uhr, zur Ausstellung gibt es außerdem ein umfangreiches Begleitprogramm sowie ein Buch für 29,80 Euro mit etlichen Abbildungen aus dem Viertel. Mehr Infos im Internet unter: haidhausen-museum.mux.de.

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