Von Äthiopien nach Vaterstetten

Im Oktober letzten Jahres konnte der Verein Partnerschaft mit Alem Katema die Leiterin der beiden Kindergärten in Alem Katema, Etenesch Debebe, in Vaterstetten begrüßen. Der Einladung zur diesjährigen Jahreshauptversammlung des Vereins lag ein Interview mit ihr bei, das wir im Folgenden auszugsweise abdrucken.

Es ist das erste Mal überhaupt, dass du dein Heimatland verlassen hast und ins Ausland gereist bist. Åls du in Frankfurt gelandet bist, was war dein erster Eindruck von Deutschland? Etenesch: Als ich am Frankfurter Flughafen gelandet bin, habe ich mich erst über die unglaubliche Größe des Flughafens gewundert. Ich hatte etwas Angst mich zu verlaufen und habe mich gewundert, wie die Menschen sich an diesem riesigen Flughafen überhaupt finden und zurechtfinden können. Es hat dann ja auch etwas gedauert bis ich Sepp Klement, der mich dann von dort aus nach München gefahren hat, gefunden habe. Am Abend deiner Ankunft in Deutschland fand in Vaterstetten ein Fest zu Ehren des äthiopischen Neujahrs statt. Neben dem äthiopischen Konsul, Vertretern der Gemeinde und der Presse waren auch rund 230 Gäste, davon viele Mitglieder des Vereins, anwesend. Hättest du damit gerechnet, dass der Verein in Vaterstetten dermaßen verankert ist? Etenesch: Nein, das hätte ich nicht gedacht. Ich war sehr überrascht, wie viele Menschen bei diesem Fest waren. Ich weiß jetzt aber wie sehr die Deutschen uns lieben und ich weiß wie viel Mühe sich der Verein gegeben hat, dieses große Fest zu organisieren. Es war eine sehr schöne Veranstaltung. Wie haben die Menschen in deinem Dorf reagiert, als sie erfahren haben, dass du die Möglichkeit hast, in Deutschland ein mehrwöchiges Praktikum zu machen? Gab es Neid? Etenesch: Ich weiß natürlich nicht, was hinter meinem Rücken gesprochen wurde, aber mir persönlich gegenüber gab es keinerlei Neid. Im Gegenteil! Viele haben sich für mich gefreut, haben mir eine gute Reise gewünscht und haben mir gesagt, ich möge gesund wiederkommen. Du hast während deines Aufenthalts ein Praktikum im AWO-Kindergarten am Jugendzentrum in Vaterstetten absolviert. Kann man die Arbeit in einem Kinderhaus in Deutschland mit der Årbeit in einem äthiopischen Kindergarten vergleichen und wo liegen deiner Meinung nach Unterschiede? Etenesch:Einen Kindergarten in Äthiopien kann man in keiner Weise mit einem Kindergarten in Deutschland vergleichen. In Deutschland ist es so, dass die Kinder im Kindergarten viel mehr Zeit und viel mehr Möglichkeiten zum Spielen haben. In Äthiopien entspricht der Kindergarten eher einer Schule, in der die Kinder bereits Buchstaben und Zahlen lesen und schreiben lernen. So kommt z.B. achtmal am Tag für 30 Minuten ein Lehrer in eine bestimmte Klasse und unterrichtet sie. In einer Klasse sind zwischen 45 und 56 Kinder untergebracht, was ein Unterrichten der Kinder natürlich sehr erschwert. Meiner Beobachtung nach lernen die Kinder hier in Deutschland mehr durch „praktische“ Tätigkeiten wie Malen oder Basteln sich zu verwirklichen. In Äthiopien dagegen steht mehr das theoretische Lernen im Vordergrund – wie von den Eltern der Kinder übrigens auch gefordert. Neben diesen inhaltlichen Unterschieden gibt es auch ganz schlichte: So tragen die Kindergartenkinder in Äthiopien z.B. Schuluniformen – eine hellgrüne oder eine blaue Jacke und Hose. Wie sieht es für die äthiopischen Familien mit der Finanzierung von Kindergarten- und Schulbesuchen aus? Etenesch: Manche Familien können es sich leisten, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken oder die Schuluniform zu bezahlen. Wenn das der Fall ist, müssen die Kinder von den Eltern bzw. Müttern zu Hause unterichtet werden. Was sind deine Aufgaben als Leiterin der beiden Kindergärten in Alem Katema? Etenesch: Meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, die Mitarbeiter zu kontrollieren, ob sie beispielsweise pünktlich zur Arbeit erscheinen und ihre Arbeit ordentlich machen. So etwas wie Eigeninitiative gibt es nicht, das heißt, ich muss jeder Mitarbeiterin immer eine gewisse Aufgabe zuteilen, da sie sonst ihre Arbeit nicht richtig machen. Meistens verbringe ich einen halben Tag in dem einen Kindergarten und die zweite Hälfte des Tages dann in dem anderen Kindergarten. Insgesamt bin ich für 415 Kinder und 16 Mitarbeiter verantwortlich. Das ist sehr anstrengend und viel Arbeit. Du bist ja noch sehr jung. Ist es für deine Angestellten ein Problem, dass du so jung bist und ist es für das Komitee in Alem Katema (eine Art Kommunalrat, die Red.) ein Problem, dass du eine Frau bist? Etenesch: Nein. Die Kommunikation zwischen mir und unseren Angestellten ist sehr gut und wir verstehen uns auch alle gut. Für das Komitee ist es auch kein Problem, dass eine Frau die Leitung inne hat. Anfangs war die Zusammenarbeit allerdings schwierig, weil ich aus einer anderen Stadt komme und man in Alem Katema keine „Hilfe“ aus einer anderen Stadt wollte. Darum war das Komitee anfangs gegen meine Einstellung, aber inzwischen läuft die Zusammenarbeit größtenteils sehr gut. Es ist ja so, dass einige Menschen in Alem Katema direkt vom Verein ihr Gehalt beziehen. Ist das ein Problem für die Menschen in Alem Katema, die nichts vom Verein bekommen? Etenesch: Nein, grundsätzlich nicht. Die Bewohner von Alem Katema finden es in Ordnung, dass der Verein die 19 Mitarbeiter bezahlt. Viele wünschen sich zwar, dass sie auch Arbeit hätten und vom Verein bezahlt würden. Manche denken, dass die beim Verein Angestellen besser bezahlt werden als andere. Dies ist allerdings nicht der Fall. (Die Löhne, die der Verein an verschiedene Angestellte der beiden Kindergärten und der Bücherei bezahlt, entsprechen den in Äthiopien für diese Arbeit durchschnittlichen Gehältern, die Red.). Wo liegt deiner Meinung nach – in Bezug auf die Arbeit des Vereins vor Ort noch dringender Handlungsbedarf? Welche Projekte sollte der Verein als Nächstes in Angriff nehmen? Etenesch: Ein Problem ist, dass der erste Kindergarten in Alem Katema renovierungsbedürftig ist. Es fehlen ein Essensraum sowie ein Sportraum für die Kinder und ein Raum, in dem die Kinder bzw. Erzieherinnen sich Tee oder Kaffee kochen können. Es gibt bei diesem Kindergarten ein grundsätzliches Wasserproblem, ein eigener Brunnen für den Kindergarten wäre sehr schön. Die Bücherei, die vor einigen Jahren eingeweiht wurde, bekommt langsam aber sicher ein Platzproblem. Grundsätzlich sind aber neue Bücher für die Bücherei wichtig. Allgemein sollte man sich auf längere Frist gesehen mit Thema Solarenergie bzw. der eigenen Stromgewinnung vor Ort auseinandersetzen. Was aber am dringendsten wäre, ist die Errichtung eines kleinen Gästehauses für die Besucher, die aus Deutschland nach Alem Katema kommen. Das Interview wurde am 8. Oktober 2008 im Auftrag des Vereins Partnerschaft mit Alem Katema e.V. von Florian Neubauer in Vaterstetten geführt. Es entspricht dem Inhalt nach den Aussagen von Etenesch Debebe bzw. den Übersetzungen von Rahel Mekonen. Mehr Informationen über die Partnerschaft (inkl. Fotos) finden Sie unter www.vaterstetten-alemkatema.de

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