Die Kirchheimerin Manuela Thoma-Adofo über Sterbebegleitung

„Auch dieser Teil des Lebens kann schön sein“

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Bei einer Geburt steht die Hebamme einer Frau, die in den Wehen liegt, unterstützend zur Seite. Als Sterbebegleiterin sei sie wie eine Hebamme, sagt Hospizhelferin Manuela Thoma-Adofo, nur eben am anderen Ende des Lebens.

„Auf dem Weg, den niemand kennt“ — so lautet der Titel des neuen Buches der Kirchheimer Autorin Manuela Thoma-Adofo. Jeder Mensch geht individuell einen letzten Weg, mit eigenen Empfindungen und Bedürfnissen. So ist auch jede Sterbebegleitung anders. In mehr als 20 Jahren als ehrenamtliche Hospizhelferin hat Thoma-Adodo erfahren, dass „das Sterben eines Menschen und die Auswirkungen auf sein Umfeld fast so vielfältig sind wie sein Leben“.

Ein Besuch, eine Blume, eine Berührung oder auch nur ein Blick. Alles lohne sich, sagt Manuela Thoma-Adofo, um einen Menschen, der im Sterben liegt, eine Freude zu machen. Die 51-jährige Kirchheimerin ist an der Seite von Menschen, wenn diese nur noch wenige Tage, Wochen oder Monate zu leben haben. Sie hält eine Hand, sie bringt Pralinen mit, sie schiebt den Rollstuhl durch den Park, sie versucht für einen Patienten da zu sein, so wie es diesem jeweils gut tut auf dessen letzten Weg im Leben. Seit mehr als 20 Jahren verschenkt Thoma-Adofo ihre Zeit an Sterbende. Denn auch dieser Teil des Lebens, das Sterben, könne schön sein, sagt sie. Seitdem sie in Kirchheim lebt, ist sie ehrenamtlich für den Hospizverein Kirchheim tätig. Im April ist ihr Buch „Auf dem Weg, den niemand kennt. Eine Sterbebegleiterin mit Herz und Humor erzählt“ erschienen. Thoma-Adofo erzählt darin von Begegnungen mit Menschen, die sie an deren Lebensende kennengelernt und begleitet hat. „Entweder ich schreibe offen und ehrlich oder ich lass es sein“, betont die Autorin. So fließt in die Geschichten ihrer Patienten auch Persönliches mit ein. Dabei entsteht Nähe zum Leser, der nachvollziehen kann, wie sich die 51-jährige zweifache Mutter immer wieder aufs Neue bemüht, das Lebensende eines Menschen zu bereichern. „Keiner weiß, wie Sterben geht“, sagt sie. Als Hospizhelferin kennt sie zwar körperliche Anzeichen. Aber jeder geht auf seine ganz eigene Art und Weise seinen allerletzten Weg, gibt das Tempo vor und hat individuelle Wünsche. Als Sterbebegleiterin „ergänzt sie ein Leben“ — ohne sich selbst aufzuopfern und vor allem immer ohne über den Sterbenden und seine Angehörigen zu urteilen. Thoma-Adofo spricht davon, wie sie ihre Berufung, andere Menschen bis zum Ende zu begleiten, entdeckte. 1994 stellte sie fest, dass sie mit ihrer Zeit mehr anfangen wollte, als Dinge zu tun und Werte anzuhäufen, die ausschließlich ihr und ihrem Konto guttaten. Ihr ehemaliger Mann, Dieter Thoma, holte als Skispringer gerade bei den Olympischen Spielen zwei Medaillen. Sie selbst spürte daheim in Hinterzarten, dass sie die Zeit, den Willen und die Energie hatte, für jemanden da zu sein. Aus einem spontanen Besuch in einem nahegelegenen Seniorenheim wurde mehr: Es folgte eine Ausbildung zur Hospizhelferin und ein jahrelanges ehrenamtliches Engagement. Dieses übt sie, seit sie mit ihren beiden Kindern in Kirchheim lebt, dort aus. Abgebrüht sei sie nach all den Jahren dennoch nicht. „Der Tod eines Menschen nimmt mich jedes mal mit, mal stärker, mal weniger“, erzählt sie. Dennoch gebe ihr das Ehrenamt mehr, als dass es ihr nehme. Alle paar Wochen gibt es eine Supervision, Hospizhelfer tauschen sich untereinander aus. Sie erzählen von Begegnungen, verarbeiten und besprechen Erlebnisse. Sich mitteilen zu können und Erfahrungen, die man gemacht hat, mit anderen zu teilen, das sei sehr wichtig, betont Thoma-Adofo. Und von dieser Offenheit profitiert sie auch bei der Sterbebegleitung.

Zusammen weinen und zusammen lachen „Das Sterben ist leider oft ein extremes Tabu, viele Familien vermeiden es, über dieses Thema zu sprechen“, weiß sie. Sogar dann noch, wenn die Lebenskräfte beim Angehörigen zusehends schwinden. „Wenn eine Familie sich dann aber den nahenden Tod eingestehen kann, spürt sie auch Erleichterung. Endlich ist es raus, man darf zusammen weinen, aber auch zusammen lachen.“ Der Tod sei ein extremer Moment, das möchte Thoma-Adofo nicht verleugnen. Aber wenn der Patient und seine Angehörigen akzeptieren können, dass einer von ihnen Abschied für immer nehmen wird, dann wird es leichter. „Man kann den Weg miteinander gehen und einander helfen, auch in solchen Situationen“, so Thoma-Adofo. „Man meint immer, wie so oft im Leben, alleine zu sein. Wie gut tut es da, über den Tod sprechen zu können.“ Der Tod sei ein Zustand, so die Hospizhelferin. Das Sterben allerdings ein Prozess, der gewiss extrem sei, aber man könne auf diesen Prozess Einfluss nehmen — als Sterbender, als Angehöriger und als Sterbebegleiter. Und egal, wie sich der Mensch, dessen Leben zu Ende geht, verhält, weiß Thoma-Adofo, dass man ihn zu nichts nötigen dürfe. „Manche haben eine gewisse Kontrolle über ihr Sterben“, sagt sie. Das Sterben sei individuell, so wie das Leben auch. Sie erinnert sich an die fürsorgliche Familie eines ihrer Patienten, die rund um die Uhr bei ihm waren und einen richtigen Betreuungsplan ausgetüftelt hatte, damit der Sterbende ja nie alleine ist. Doch dieser hatte wohl nur einen Wunsch. Er wollte alleine sterben und so geschah es, dass er genau dann starb, als sein Enkel ihn nur einen kurzen Moment alleingelassen hatte, um auf die Toilette zu gehen. Thoma-Adofos Berufung ist es, sich um Menschen zu kümmern, die im Sterben liegen. Für sich selbst weiß sie, dass sie nur älteren Menschen zur Seite stehen will. „Ich habe großen Respekt vor Kollegen, die in einem Kinder-Hospiz tätig sind“, sagt sie und fügt hinzu, dass sie persönlich diese Aufgabe nicht übernehmen könnte. So haben Thoma-Adofos Patienten eine Vergangenheit, doch diese spielt für sie als Hospizhelferin keine Rolle. „Ich begleite meine Patienten meist sehr kurz. Ich schaue da weder zurück, noch urteile ich über mögliche Verfehlungen in deren Leben“, sagt sie. „Ich sehe mich wie eine Hebamme, die unterstützt, nur eben auf der anderen Seite des Lebens.“
Verena Rudolf

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