An Hindernissen klettern, schwingen, hangeln —und viel Spaß haben

Der „OCR Munich“ trainiert in Kirchheim für Extremhindernisläufe auf der ganzen Welt

Der "High Rig" auf dem Gelände des Vereins "OCR Munich" lässt die Muskeln brennen.
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Der "High Rig" auf dem Gelände des Vereins "OCR Munich" lässt die Muskeln brennen.

Kirchheim – Da stehe ich nun. Vor mir ein gewaltiges Gerüst, das es zu überwinden gilt. Doch die Frage lautet: „Wie?“ Soll ich mich anhand der großen Metallringe von einem zum anderen schwingen? Oder mich entlang des Metallrohrs über die spiral- förmig angeordneten, ringförmigen Griffe hangeln, die sich nach unten neigen, sobald man einen Griff dranhängt? Oder hangel ich mich mit zwei Ringen in den Händen von Sprosse zu Sprosse? Das würde gewiss viel Kraft und Körperspannung erfordern. Fest steht, der „High Rig“ auf dem Gelände des Kirchheimer Vereins „OCR Munich“ soll mir eine einzigartige Erfahrung bieten, die mich an meine körperlichen Grenzen stoßen lässt. 

Mit großer Vorfreude, aber auch mit Ehrfurcht laufe ich die wenigen Gehminuten vom Parkplatz des SV Heimstetten zum Trainingsgelände des Vereins „OCR Munich“. Ich möchte ein Probetraining bei dem Verein absolvieren, bei dem Mitglieder für Extremhindernisläufe trainieren: im Englischen „Obstacle Course Races“, abgekürzt OCR. Auf dem Weg male ich mir aus, was das wohl für Typen sein müssen, die verrückt genug sind, bei so etwas mitzumachen.Am Gelände angekommen fällt mein Blick dann sofort auf das erste beeindruckende Holz- gestell — das „A-Frame“. Dabei handelt es sich um eine Art Pyramide, an deren Innenseite sich der Athlet an Querbrettern mehrere Stufen bis zur Pyramidenspitze hochziehen muss, dort umgreift und auf der anderen Seite kontrolliert hinunter hangelt. 

Das alles geschieht nur aus der Griffkraft und ohne den Einsatz der Beine. Nicht umsonst wird dieses Hindernis auch als Albtraum vieler WM-Teilnehmer gehandelt. „Oh je, da habe ich mich ja auf was eingelassen“, denke ich mir, ehe ich mich den Trainern Mike und Claudia vorstelle.Die anderen Trainingsteilnehmer trudeln nach und nach ein: eine bunt gemischte Gruppe von Männern und Frauen von Jung bis Alt, von durchtrainierten Athleten bis Leuten normaler Statur. Aufgrund der derzeitigen Corona-Situation werden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe bleibt bei Trainerin Claudia, die ein herausforderndes funktionelles Training vorbereitet hat. Die zweite Gruppe kann sich unter der Aufsicht von Mike bereits an den Hindernissen versuchen.

Auf besondere Art, sich körperlich fit halten

Der Verein „OCR Munich“ wurde im Jahr 2016 gegründet. Die Anzahl der Vereinsmitglieder stieg schnell an. Mittlerweile besteht der OCR aus rund 200 Mitgliedern — Tendenz steigend. Dabei sind die Mitglieder des Vereins genauso bunt gemischt wie es in unserer Trainingsrunde der Fall ist. Und jeder von ihnen hat ein eigenes Ziel. Während die einen sich intensiv auf internationale Veranstaltungen vorbereiten, um sich mit den besten Hindernisläufern der Welt zu messen, haben andere einfach nur Spaß daran, sich auf besondere Art körperlich fit zu halten. Und für diejenigen, denen das Weltreisen für die Events eine Nummer zu hoch ist, trägt der Verein wie am heutigen Samstag interne Vereinsmeisterschaften aus. Doch bevor es bei mir mit den Hindernissen soweit ist, erfahre ich, dass es beim funktionellen Training vor allem darum geht, den Körper zu stabilisieren sowie Muskelapparat, Muskelansätze, Sehnen und Gelenke fit zu machen. 

Dabei werden komplexe Bewegungsabläufe wie Liegestütze, Plank-Variationen und Ausfallschritte, die mehrere Gelenke und Muskelgruppen gleichzeitig beanspruchen, trainiert. Dadurch gewinnt der Athlet in erster Linie an Kraft und Ausdauer. Auf dem Plan stehen sieben verschiedene Übungen. Jede davon muss eine Minute lang absolviert werden, bevor es nach wenigen Sekunden Pause zur nächsten Übung weitergeht. Dabei kann jeder das Tempo der Ausführung der Übungen für sich selbst bestimmen, sodass die Intensität des Trainings für jeden individuell angepasst ist. Doch eine Minute kann ziemlich lang sein. Und auch die kurzen Pausen zwischen den Übungen dienen nicht wirklich der Erholung. 

Der Puls ist durchweg sehr hoch. Dadurch, dass aber ständig neue Muskelgruppen beansprucht werden, hat man trotzdem noch genügend Kraft, es bis zum Ende durchzuziehen. Das Gefühl, die sieben Übungen überstanden zu haben, ist eine Mischung aus Erleichterung und Stolz. Nun wird gewechselt, unsere Gruppe soll sich an den verschiedenen Hindernissen versuchen. Von Balancebalken, verschieden hohen Walls, Monkey Bars, Rope Swings, High und Low Rigs ist alles dabei. Und auch wenn man bei all den vielen englischen Begriffen nicht unbedingt immer weiß, was das alles bedeutet, ist eines sicher: Es gibt viel zu klettern, zu schwingen und zu hangeln und es ist anstrengend!

Aber es macht riesigen Spaß! Zunächst taste ich mich an das Seil heran, das es hochzuklettern gilt. Ich erinnere mich daran, wie sehr ich dies bereits in der Grundschule mochte. Aber ob das jetzt immer noch so gut klappt? Die Antwort lautet: Ja! Stolz grinse ich Trainer Mike an, der mich an den Hindernissen größtenteils begleitet und mir wichtige Tipps zum sicheren Hochsteigen gibt. Danach geht es für mich zur Wall. Zunächst an die kleine Wand mit einer Höhe von 1,80 Metern. Diese überwinde ich problemlos. Dann kommt die Schrägwand. Bei dieser sind, anders als bei den geraden Wänden, Querbretter zum Festhalten angebracht, da man diese halb überkopf erklimmen muss. Während die ersten Querbretter noch gut mit Hand und Fuß erreichbar sind, erfordert die letzte Stufe der Schrägwand ein wenig Mut und Überwindung. 

Um das Ende der Wall zu erklimmen, muss ich, während ich wie ein Äffchen an den Brettern hänge, das letzte Stück durch einen kleinen Sprung erreichen. Eine durchaus merkwürdige Situation, wenn man zum ersten Mal fast kopfüber an einer Wand hängt. Aber auch dies glückt mir. Dennoch: An die große Vier-Meter-Wall will ich mich nicht wagen. Also übe ich weiter an den etwas leichteren Hindernissen, bevor eine zweite Runde Functional Training folgt.Dieses Mal mit sieben anderen Übungen, die aber genauso intensiv ausfallen. Doch mein Probetraining ist noch nicht beendet. Trainer Mike schlägt vor, dass ich mich am „High Rig“ versuche. Eifrig probiere ich die verschiedenen Möglichkeiten aus. Ich lerne schnell, wie ich am besten genügend Schwung aufbauen kann, um die Entfernungen in der Luft zu überbrücken. 

Gleichzeitig stelle ich aber fest, wie kräftezehrend es ist, sein eigenes Gewicht über längere Zeit allein mit seiner Griffkraft zu tragen. Was ich anfangs mangels vorhandener Technik noch mit meiner übrig gebliebenen Kraft ausgleichen kann, lässt mich im späteren Verlauf dann doch versagen. Aber für mein erstes Mal schlage ich mich wohl ganz wacker, lobt mich Mike. Und auch wenn ich in den darauffolgenden Tagen den Muskelkater meines Lebens gehabt habe, an Stellen, wo ich nicht mal wusste, dass dort Muskeln existieren, war das Training eine sehr lohnende Erfahrung, die ich mit viel Spaß erleben durfte. Mein Interesse an einer Teilnahme an einem Extremhindernislauf ist jedenfalls mehr denn je geweckt.

Jens Verhey

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