Die Vorzeichen haben sich geändert

Feldkirchen erwägt Beitritt zum S-Bahn-Bündnis Ost

Die Karte zeigt mögliche Trassenführungen von der Messe über Feldkirchner Gebiet. Rot ist die favorisierte und flächenschonendste Linie.
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Die Karte zeigt mögliche Trassenführungen von der Messe über Feldkirchner Gebiet. Rot ist die favorisierte und flächenschonendste Linie.
  • vonThomas Fischer
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Für einen Ausbau der S-Bahn und eine Anbindung der Messe macht sich das S-Bahn-Bündnis Ost seit seiner Gründung im November 2015 stark. Die Gemeinde Feldkirchen stand dem Projekt bis jetzt skeptisch gegenüber. Doch nun zeichnet sich eine Kehrtwende ab.

Jüngst hat sich der Feldkirchner Gemeinderat ausführlich mit der aktuellsten Entwicklung befasst. Und die ist für die Gemeinde durchaus positiv. Denn das Bündnis kommt Feldkirchen beim bisherigen Hauptkritikpunkt deutlich entgegen. Dank einer neuen Planungsvariante würde der Flächenverbrauch in der Gemeinde deutlich sinken – von ursprünglich 6,9 Hektar auf nunmehr 2,3 Hektar. Zudem sei nun ein Flächentausch mit einer Begradigung der Gemarkungsgrenze zur Landeshauptstadt München denkbar.

Der Feldkirchner Gemeinderat setzte sich mit den neuen Planungen in einer „langen und sehr engagierten Diskussion“ mit den aktualisierten Plänen des S-Bahn-Bündnis Ost auseinander. Dabei standen den Räten Messechef Klaus Dittrich und der Gutachter Konrad Daxenberger von Lahmeyer International bei der öffentlichen Präsentation Rede und Antwort. Offenbar mit Erfolg. Denn Bürgermeister Andreas Janson habe am Ende signalisiert, „dass er dem Bündnis beitreten und darin aktiv mitarbeiten möchte“, wie es in einer Mitteilung des Bündnisses heißt. Dann könnten die Fragen gemeinsam gelöst werden.

Wichtig ist dem Feldkirchner Gemeinderat neben dem Verschwenk der Bahnlinie zur Messe München auf seinem Gemeindegebiet auch eine mögliche Lärmbelastung. Die Planer hätten sich deshalb genau dieser beiden Kritikpunkte aufgenommen und Veränderungen gegenüber ersten Plänen erarbeitet.

Entwarnung

Und auch da konnten die Vertreter des S-Bahn-Bündnisses neben dem geringeren Flächenverbrauch auch beim Thema Lärm Entwarnung geben. Ein Lärmgutachten komme demnach zu dem Ergebnis, dass sich die Maßnahme kaum auf die Bauleitplanung in Feldkirchen auswirkt, da die dort vorherrschende Lärmbelastung im Wesentlichen durch die A94 im Süden und die Bahnstrecke München – Mühldorf im Norden der Gemeinde dominiert sei. „Im nordwestlichen Teil der Gemeinde ergeben sich sogar geringe Entlastungen, da die Messeanbindung aktive Schallschutzmaßnahmen auslösen wird“, so das Bündnis. „Wir können mit einem überschaubaren Investment eine spürbare Verbesserung erzielen und so gering wie möglich auf Feldkirchner Gelände eingreifen“, erläuterte Klaus Dittrich als einer der drei Bündnissprecher in der Gemeinderatssitzung.

Diese sind auch dringend erforderlich. Schließlich prägen schon heute ein starkes Wirtschaftswachstum, eine stetige Bevölkerungszunahme sowie überlastete Straßen und Bahnverbindungen die Situation im Münchner Osten. Und auf allen Ebenen ist die Tendenz steigend, wobei die S2-Ost schon jetzt in den Hauptverkehrszeiten an ihrer Belastungsgrenze angekommen ist.

Die bestehende zweigleisige Strecke zwischen dem Ostbahnhof und Markt Schwaben bietet jedoch keine Entwicklungsperspektiven mehr. Dies gilt nach Ansicht von Gemeinde und Bündnis sowohl für die S-Bahn wie auch für künftige Express-S-Bahnen sowie den Fern-, Regional- und Güterverkehr. „Für die Strecke München Ost bis Markt Schwaben wird im Bundesverkehrswegeplan (BVWP) 2030 eine Streckenauslastung von 97 Prozent prognostiziert, womit für diesen Abschnitt die Vollauslastung erreicht ist und unvermeidbare Engpässe entstehen“, heißt es dazu im Sachstandbericht der Gemeinde Feldkirchen.

Vorteile erhofft sich der Gemeinderat auch durch eine direkte Anbindung der Messe mit einem Messe-Schwenk. Dieser führe zum einen zu einer Entlastung auf den Straßen. Zum anderen biete er eine direkte Anbindung der Messe an den Flughafen mit dem Erdinger Ringschluss.

Bahnausbau

Der Ausbau der S-Bahn Richtung Markt Schwaben mit der Möglichkeit der Messeanbindung ist bereits ein Bestandteil des vom Freistaat Bayern auf den Weg gebrachten Programms „Bahnausbau Region München“. Der Ausbau der Bahnlinie München-Ost bis Markt Schwaben biete viele Vorteile für Feldkirchen und die Region: Es würden die Chancen der Zweiten S-Bahn-Stammstrecke optimal genutzt. Damit würden ein ganztägiger 15-Minuten-Takt und zusätzlich Express-S-Bahnen möglich. Und mit dem Ausbau seien auch umfangreiche Lärmschutzanlagen an der Bahn zu erwarten, was eine deutliche Entlastung der benachbarten Wohnlagen mit sich bringe.

Die Problematik ist auch an höheren politischer Stelle angekommen. „Wir denken in der Verkehrspolitik vom Fahrgast her“, ist etwa das Credo von Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer. Sie will damit den Fokus weg vom grünen Tisch auf diejenigen lenken, die auch die Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. „Die Fragen sind dann: Wo leben Sie, wo arbeiten Sie, wo könnten Sie in Zukunft wohnen, arbeiten oder ihre Freizeit verbringen? Fahren Sie zum Einkaufen noch in die Städte? Arbeiten Sie auch nach Corona weiter mobil und kommen Sie zurück zu Bussen und Bahnen?“ Dass die Region München wachse, sei für den Münchner Osten seit Jahren bekannt. Dieser „sehr dynamische Zuzug“ geschehe schneller, als die Planer für Straßen und Bahnen vorankäme. Dies dauere Jahre und Jahrzehnte, wie aktuell die Zweite Stammstrecke zeige. „Dieses Dilemma erlebt auch die über Partei- und Gemeindegrenzen hinweg arbeitende Initiative des S-Bahn-Bündnis Ost: Sie will, dass die Bahnlinie vom Münchner Osten bis Markt Schwaben viergleisig ausgebaut wird – mit einer Anbindung der Messe in Riem. Das engagierte Bündnis bekommt Zuwachs: Der Gemeinderat von Feldkirchen hat sich in öffentlicher Sitzung intensiv mit den Plänen auseinandergesetzt. Bürgermeister Andreas Janson zeigte anschließend Interesse, dem Bündnis beizutreten und daran mitzuarbeiten.“

Wie rasant die Entwicklung in der Region voranschreitet, belegt eine aktuelle Statistik des MVV: In nur zehn Jahren ist allein die Zahl der Pendler nach Ebersberg um 167 Prozent gestiegen. Das zeigt, wohin die Reise auch im Münchner Osten geht. Ministerin Schreyer sagte dazu im Gespräch mit Messechef Klaus Dittrich: „Wenn wir unser Verkehrssystem intelligenter aufstellen wollen, dürfen wir ruhig auch über die klassischen Lösungen hinausgehen. Entscheidend ist, dass wir uns jetzt schon Gedanken über den Verkehr der Zukunft machen.“ fit

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