Die Römer brachten Soßen, Gänse und Pfauen nach Bayern

Archäologinnen im Interview über Ernährung im Mittelalter

Der Bajuwarenhof ist ein Freilichtmuseum in Kirchheim, das das Leben im Mittelalter experimentell darstellt.
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Der Bajuwarenhof ist ein Freilichtmuseum in Kirchheim, das das Leben im Mittelalter experimentell darstellt.

Am Bajuwarenhof in Kirchheim versuchen Archäologen seit 2003, das bäuerliche Leben in 6. und 7. Jahrhundert darzustellen. Im Interview erzählen Dr. Jennifer Bagley, Leiterin des Freilichtmuseums Bajuwarenhof (1. Bild) und Dr. Anja Pütz, Leiterin des AschheiMuseums, wieso sich dieses Jahr alles um das Thema Ernährung drehte und was man im frühen Mittelalter zu sich nahm.

HALLO: Die Veranstaltungsreihe am Bajuwarenhof in diesem Jahr beschäftigt sich mit Essen und Trinken in der europäischen Vor- und Frühgeschichte. Wieso fiel die Entscheidung auf dieses Thema? 

Dr. Bagley: Wir haben ein Thema gesucht, das leicht zugänglich ist. Jeder isst und trinkt täglich, es ist ein Thema, das alle betrifft und so den Zugang erleichtert. Außerdem hoffen wir, dass wir dadurch auch eine größere Gruppe an Interessierten ansprechen, die wir dann auf unsere Museen aufmerksam machen und hoffentlich im übernächsten Jahr auch für weitere Themen begeistern können.

Beim Vortrag am 29. August im AschheiMuseum geht es um die Ernährung von Kelten, Römern und Bajuwaren. Kann man diese drei Gruppen beim Thema Ernährung zusammenfassen? 

Dr. Anja Pütz (links), Leiterin des AschheiMuseums und Dr. Jennifer Bagley, Leiterin des Freilichtmuseums Bajuwarenhof sprachen mit HALLO über Ernährung im Mittelalter.

Dr. Bagley: Bajuwaren, Römer und Kelten sind auf keinen Fall dasselbe, sondern repräsentieren eine lange zeitliche Entwicklung, in der man Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzeigen kann. In unserem Vortrag werden wir den Bogen von den frühen Kelten um 800 vor Christus bis zum Ende der Bajuwaren etwa 800 nach Christus und damit über einen Zeitraum von etwa 1600 Jahren spannen. Die Römer bringen dabei viel Neues mit in unsere Region. 

Dr. Pütz: Bei den Kelten können wir auch das erste Mal eine ausgeprägte Esskultur nachvollziehen, weil wir neben archäologischen Funden auch ein paar Schriftzeugnisse haben.

Sie haben gesagt, die Römer brachten Neues mit. Was hatten sie für einen Einfluss auf die frühgeschichtliche Esskultur? Dr. Pütz: Sie brachten viele neue Gewürze mit, zum Beispiel Rosmarin, Thymian und Salbei. Auch Haustiere wie Gänse, Enten oder Pfauen, so etwas gab es hier vorher gar nicht. Andere Tischsitten und Zubereitungsweisen. Die Römer hier arbeiteten sehr viel mit sogenannten Reibschalen, mit denen man etwa Brei, Käse oder Fleisch vermörserte, auch um Soßen zuzubereiten. 

Dr. Bagley: Der Wein gewann an Bedeutung. Mit den Römern gab es eine straffere Organisation, wie etwa beim Handel mit dem Mittelmeerraum.

Bei dem Sommerfest auf dem Bajuwarenhof dreht es sich um das Festmahl. Warum nicht um die tägliche Ernährung? Dr. Pütz: Am Sommerfest wollen wir das Festessen zeigen, weil es ja auch ein festlicher Rahmen ist. Obwohl man einschränkend dazu sagen muss: Über das Festmahl im Bajuwarischen wissen wir nicht wirklich etwas. Wir haben Beschreibungen von ausgelassenen Festessen aus dem Römischen. Aber auch da ist fraglich, ob sowas für die Provinzen hier überhaupt übertragbar ist. 

Dr. Bagley: Das gemeinsame Feiern wird auch in unserem Vortrag vor dem Fest eine Rolle spielen. Es geht auch um den sozialen Aspekt des Essens. Daher wollten wir im Anschluss gerne zu einem gemeinsamen Fest einladen. Dieses wird vor allem durch den Förderverein des Bajuwarenhofs Kirchheim organisiert und getragen.

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass das Essen auch mehr Funktionen über die reine Nahrungsaufnahme hinaus hatte? Dr. Pütz: Unbedingt. Wir haben auch Belege dafür. Die Tatsache, dass das Ess- und Kochgeschirr mit in das Grab kamen, zeigt eine hohe Bedeutung. In einigen römischen Kulten gehörte es dazu, zusammen am Grab zu speisen. Das zeigt auch eine starke Komponente der Gruppe. Das haben wir mehrfach in römischen Schriftquellen belegt. Im Bajuwarischen ist es ein bisschen schwieriger, weil da die Schriftquellen leider weniger das gesellschaftliche Leben beschreiben. Das sind eher formellere Texte, wie Gesetzestexte. Aber es gibt wahrscheinlich keine Zeit, in der gemeinsames Essen keine Rolle gespielt hat. Es war immer ein Punkt, bei dem man sich zusammenfindet.

Weiß man etwas darüber, welche Tischsitten es gab? 

Dr. Pütz: Bei den Römern wissen wir viel, allerdings über den stadtrömischen Bereich. Zum Beispiel, dass es durchaus üblich war, eine Feder neben sich liegen zu haben, mit der man sich erleichtern durfte, wenn man zu viel gegessen hatte. Oder dass man im gehobenerem römischen Haushalt gelegen hat beim Essen.

Wo hat man gegessen? 

Dr. Pütz: Für das Bajuwarische weiß man leider nichts darüber. Wir wissen leider auch nicht, wie die Häuser innen aufgeteilt waren. Wir haben meistens ja nur die Fundamente der Häuser. Auch dass man hier im Langhaus an dieser Stelle die Kochstelle konstruiert hat, ist nur eine Überlegung. Neben den archäologischen Funden gibt es keine bildlichen Quellen, in denen so etwas mal dargestellt wird. Wir versuchen aus dem, was wir haben, etwas zu rekonstruieren.

Dr. Bagley: Wir wollen zeigen, was es für Möglichkeiten, aber auch für Grenzen in der Archäologie gibt. Dabei werden immer wieder neue Methoden entwickelt, mit denen wir Informationen sammeln können. Dass wir heute in manchen der gefundenen Gefäße eingebrannte Essensreste nachweisen können, die man analysieren und daraus Rückschlüsse auf die gekochten Speisen ziehen kann: Vor einigen Jahrzehnten hätte man sich das noch gar nicht vorstellen können.

Was wird hier am Bajuwarenhof für Getreide angebaut? 

Dr. Bagley: Dieses Jahr haben wir Dinkel, Emmer und Einkorn angebaut. Wir bauen Getreidesorten an, die durch archäologische Funde für das frühe Mittelalter nachgewiesen sind. Darüber hinaus versuchen wir, alte Sorten zu finden, die hoch wachsen und keinen so großen Ertrag bringen wie unsere Sorten heute. Man hat aber im Frühmittelalter eine große Bandbreite an unterschiedlichen Getreidegattungen wie Gerste, Dinkel, Emmer, Einkorn, Hafer oder Roggen angebaut.

Welche Rolle spielte Getreide in der Ernährung damals? 

Dr. Pütz: Eine große. Es gab keine Kartoffeln und keinen Reis. Als Kohlenhydratlieferant war Getreide das Wichtigste. Aber nicht nur in Form von Brot, das war in Form von Weizenbrot eher ein Luxusprodukt. Meistens hat man Getreidebreie oder Eintöpfe gegessen.

Was waren außer Getreide noch typische Lebensmittel, die damals oft gegessen wurden? 

Dr. Pütz: Pastinaken, Petersilienwurzel, Sellerie, Kohl, Rüben, Mangold, Beeten, Lauch, Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen, Linsen...

Dr. Bagley: Hirse ist ebenfalls nachgewiesen. Also Gemüse, das man heute von der Oma vielleicht noch kennt, das aber auch wieder an Bedeutung gewinnt. Und es gab noch eine Menge Obst. Klassiker wie Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen. Himbeeren, Brombeeren und Walderdbeeren haben wir immer wieder auch archäologisch durch die Kerne nachgewiesen. Die wurden wahrscheinlich oft wild gesammelt. Honig gab es zum Süßen.

Dr. Pütz: Es gab auch auch Import: Trauben und Feigen. In Aschheim haben wir etwa einen Nachweis eines Feigenkerns im Brunnen.

Wie sah denn so eine Mahlzeit, etwa ein Getreidebrei, dann genau aus? 

Dr. Pütz: Leider haben wir aus dem Frühmittelalter kein Rezept überliefert und auch noch zu wenige archäologische Funde, aus denen man eine komplette Zusammensetzung nachvollziehen könnte. Möglich wäre leicht gequetschte Gerste mit Linsen oder Bohnen, Sellerie, Lauch, Zwiebeln, Petersilienwurzel, Karotten und Gewürzen.

Dr. Bagley: Ein bisschen Salz und wenn man mag, ein bisschen Speck.

Dr. Pütz: Wir bräuchten eben einen Topf mit verkohlten Resten. Am Marienhof in München hat man einen Topf gefunden, in dem ein verbranntes Mus drin war. Das bestand aus Äpfeln, Pflaumen, Getreide, Bindemittel, Honig und auch gesammelten Erdbeeren. Der Fund zwar aus dem Spätmittelalter, aber solche Funde wären für das Frühmittelalter denkbar.

Hier im Langhaus hängt ja schon eine Pfanne: Was gab es noch für Utensilien zur Zubereitung und zum Essen? 

Dr. Pütz: Auf jeden Fall Töpfe, die man an das Feuer oder in Glutnester gestellt hat. Wir haben Reste von Pfannen aus Eisen gefunden. Es wurde auch Bronzegeschirr benutzt, womöglich aber nicht zum Kochen, sondern als Handwaschbecken. Bronze und Eisen wurde aber immer wieder umgeschmiedet, weil es wertvolle Materialien waren. Trinkhörner gab es, sie waren aber eher selten. Übliches Geschirr zum Essen waren eher Daubenbecher aus Holz, geschnitzte oder gedrechselte Teller, kleine Becher aus Keramik oder Glas. Man hat mit Messern und Löffeln gegessen. Fleischspieße gab es in verschiedenen Größen, etwa zum Braten über dem Feuer oder zum Aufspießen aus dem Kessel. Gabeln gab es erst ab dem Spätmittelalter.

Was erwartet die Besucher am Sommerfest am Bajuwarenhof, das am 8. September stattfindet? 

Dr. Bagley: Wir haben gedacht, dass es zum Abschluss der ersten Vortrags- und Führungsreihe schön wäre, die Gäste zum gemeinsamen Feiern hier auf dem Bajuwarenhof einzuladen. Wir werden etwas kochen, was dann in kleinen Portionen probiert werden kann. Im Zen­trum steht das Gesellige, das zu einem Festmahl dazugehört. Darüber hinaus werden alte Handwerkstechniken vorgeführt und erklärt.

Dr. Pütz: Und die ein oder andere Überraschung für die Besucher wird es sicherlich auch geben.

Interview: Pia Getzin

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