Eine Gymnasiastin aus Kirchheim erzählt von ihrem Abitur 2020

„Uns fehlt dieses Hochgefühl“

Abi unter besonderen Auflagen - das demonstrieren Abiturienten auf diesem Bild.
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Abi unter besonderen Auflagen - das demonstrieren Abiturienten auf diesem Bild.

Die letzten mündlichen Abiturprüfungen, die Kolloquien, fanden jetzt am Freitag in Bayern statt. Doch anstatt ganz unbeschwert gemeinsam mit Feiern die Schulzeit ausklingen zu lassen, müssen Abiturienten die aktuellen Corona-Regeln im Kopf haben. Und die lauten derzeit, dass sich nur bis zu zehn Personen in der Öffentlichkeit treffen dürfen. Gut 140 Schüler gehören allein zum Abitur-Jahrgang am Gymnasium Kirchheim. Im Alltag mag sich mittlerweile einiges gelockert haben, als lockere Zeit stufen Abiturienten ihre Abi-Zeit heuer gewiss nicht ein.

Kirchheim - Lernen, Prüfungen und Feiern. So sieht für gewöhnlich der Ablauf der letzten Schulwochen von Abschlussklassen aus. Doch Corona hat die Pläne von gut 35.000 bayerischen Gymna­siasten heuer durcheinandergewirbelt. Die Prüfungen starteten nicht nur mit Verspätung erst am 20. Mai anstatt am 30. April. Es gab in den Wochen zuvor keine gemeinsame Vorbereitungszeit, nach den einzelnen Prüfungen war ein Durchschnaufen in der Gruppe nicht erlaubt. Und auch die Bräuche um das Abitur macht en diese Schulwochen nicht zu etwas Besonderem: Motto-Wochen fielen aus, es darf keine Abi-Streiche oder Partys geben und die feierlichen Bälle mit Eltern und Lehrern sind abgesagt. „Anstatt gemeinsam erst zu lernen und dann zu feiern, saßen wir jeweils in unseren Zimmern“, so Katja Gutknecht, die in diesem Jahr am Gymnasium Kirchheim Abitur gemacht hat. Die 17-jährige Abiturientin des Kirchheimer Gymnasiums hatte für ihre letzten Schulwochen einen genauen Lern-Plan. „Fünf Klausuren hätten noch vor den Osterferien stattfinden sollen“, erzählt die Schülerin. Am Tag bevor bekannt wurde, dass die Schulen in Bayern von Montag, 16. März, an für drei Wochen komplett schließen, um die Verbreitung des Corona- virus zu verhindern, saßen die Kirchheimer Schüler gerade daheim, um für eine Klausur in Geschichte und Sozialkunde zu lernen. „Wir steckten alle mittendrin im Lernen“, erzählt Katja Gutknecht. Mitte März allerdings ahnten die Abiturienten noch nicht, dass nicht nur Klausuren ausfallen, sondern sogar ihr Abitur verschoben werden muss. „Wir hatten eine WhatsApp-Gruppe und in dieser informierten wir uns gegenseitig, wenn wir bei den Pressekonferenzen und in Artikeln Neues erfuhren“, erzählt die Abiturientin. Und klar, anstatt immer konzentriert weiterlernen zu können, hätte sie oft erst mit Freunden telefoniert, um sich gegenseitig zu beruhigen und die Veränderungen gemeinsam zu verdauen.

Mehr Zeit zum Lernen

So belastend die verschobenen Abitur-Prüfungen für die Schüler jedoch gewesen sein mögen, Katja Gutknecht sieht auch einen Vorteil: Sie hätten schon auch mehr Zeit zum Lernen gehabt. „Ich persönlich habe viel gelernt“, so die Kirchheimerin. „Ich hätte mir das im Nachhinein sonst auch vorgeworfen, wenn ich all die Zeit nicht dafür genutzt hätte.“ Auch wenn sie sich, wie zum Beispiel in Mathe, noch selbst neue Kapitel hätten erarbeiten müssen. Allerdings teilten sie dieses Schicksal ja mit wesentlich jüngeren Schülern, die sich in der Corona-Zeit ebenso neuen Stoff beibringen mussten. Und auch sie profitierten wie andere Jahrgangsstufen von Lehrern, die sich bemühten, von heute auf morgen digital Wissen zu vermitteln. Jetzt, Ende Juni, hätte der Abi-Ball der Kirchheimer Gymnasiasten stattgefunden. „Nun hat unsere Schulleitung als Ersatz vorgeschlagen, dass wir kursweise unsere Zeugnisse ausgehändigt bekommen. Zusammenkünfte mit bis zu 50 Personen sind ja wieder erlaubt. Und wer will, könne sein Abi-Kleid anziehen“, erzählt die 17-Jährige. Diese Woche hat sich Landrat Christoph Göbel trotz der Lockerungen gegen größere Abschlussfeiern ausgesprochen, auch wenn diese draußen stattfinden. Das bedeute ja nicht, dass Schüler ihre Abschlusszeugnisse nun per Post zugestellt bekommen müssten, so der Landrat. Gegen kleine Vergaben, so wie die Kirchheimer es planen, sei nichts einzuwenden. Ebenso hätte die Kirchheimer Schule ihrer diesjährigen Q12 angetragen, sich im nächsten Jahr noch einmal für eine Nach-Feier zu treffen. Katja Gutknecht allerdings bezweifelt, dass es dazu kommt. „Das ist mit viel zu viel Aufwand verbunden“, sagt sie. Einige von ihnen hätten so viel Zeit in die Vorbereitungen des eigentlichen Abi-Balls gesteckt, und all die Mühe sei ja umsonst gewesen. Zudem beginnt schon bald ein neuer Lebensabschnitt für die 17-Jährige und ihre Mitschüler. „Manche beginnen bereits im August mit einer Ausbildung. Und ich zum Beispiel beginne zu studieren: Politikwissenschaft.“ So werden sich die Wege der Kirchheimer Abiturienten trennen, ohne dass sie ihre gemeinsame Schulzeit zusammen feierlich beenden konnten. „Es gibt Mitschüler und auch Lehrer, von denen hab ich mich gar nicht verabschieden können“, so die Schulabgängerin. Zumindest sei es ihrem Jahrgang auch in der Corona-Zeit gelungen, eine Abi-Zeitung als Erinnerung zu erstellen. „Ich hab mich mittlerweile mit unserer Situation abgefunden“, sagt Katja Gutknecht. Doch wenn sie erwähnt, dass sie Anfang Juli mit Freunden aus ihrem Jahrgang eigentlich nach Italien gereist wäre und diese Abi-Fahrt wegen Corona und der noch angesetzten Ersatz-Prüfungen nun auch abgesagt ist, macht sich doch Enttäuschung bemerkbar. „Es ist ja nicht nur das Abi, das so anders war. Uns fehlt einfach dieses Hochgefühl, das man sonst nach den Prüfungen hat“, sagt Katja Gutknecht. Und irgendwie geht es ja auch noch weiter: Wer plante, nach dem Abi ins Ausland zu gehen, weiß nicht, ob es klappt. Es wird schwer sein, Studentenjobs zu finden, um Geld für künftige Erlebnisse zu verdienen. Und derzeit wissen die Abiturienten auch nicht, inwiefern das Wintersemester an den Universitäten noch von Corona beeinflusst sein wird.

Verena Rudolf

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