Die zweite Karriere des Münchner Christbaums

Als Christbaum hat die Garmischer Fichte ausgedient ...

Fichte vom Marienplatz wird Hochzeitsstangerl in Feldmoching

München Nach 160 Jahren an der Flanke des Wanks kam die Kettensäge: Mitte November wurde die alte Fichte von Garmisch-Partenkirchen nach München gebracht, als Geschenk der Gemeinde für den Weihnachtsmarkt. Acht Wochen lang stand das 25 Meter hohe Riesentrumm auf dem Marienplatz vor dem Rathaus und erhellte den Christkindlmarkt – mit 3000 Kerzen. Im neuen Jahr hat die Fichte eigentlich ausgedient. Doch jetzt startet der Christbaum vom Marienplatz eine neue Karriere – zehn Kilometer weiter nördlich, in Feldmoching. Dort hat sich ein ansässiger Verein das Gewächs gesichert. Und will damit im Frühjahr ein Hochzeitspaar überraschen! Hans Streidl von der zuständigen Protokollabteilung der Stadt bestätigt: „Ein Verein hat den Christbaum beantragt.“ Die Berufsfeuerwehr legte nach Heiligdreikönig die Fichte flach und sägte ihr die Äste ab, Vereinsmitglieder brachten sie in den Münchner Norden. Dort wartet sie nun auf ihre neue Bestimmung. Schon in wenigen Monaten soll es soweit sein: „Mitglieder eines Feldmochinger Vereins wollen den Baum bei einem Freund als Hochzeitsstangerl aufstellen“, sagt Robert Ratzisberger, Vorsitzender des Gesamtvereins Feldmoching. Nähere Details zu dem beliebten Brauch (siehe unten) will er aber nicht verraten: „Sonst ist doch die ganze schöne Überraschung ruiniert.“ Solche Anfragen wie die des Feldmochinger Vereins gebe es immer wieder, sagt Hans Streidl zu Hallo München. „Das kommt aber nur alle drei, vier Jahre vor.“ Jeder Münchner Verein habe das Recht, den Christbaum nach der Weihnachtszeit zu nutzen. In den übrigen Jahren schnappt sich die Münchner Berufsfeuerwehr den Baum – für Übungszwecke. An der Feuerwache 2 in der Aidenbachstraße werden angehende Feuerwehrmänner mit Hilfe des Baums in der Höhenrettung ausgebildet. Im Hof der Schule üben sie die Rettung von Drachenfliegern, die in den Tannen oder Fichten hängengeblieben sind. Den Waldriesen droht an manchen Jahren aber auch ein grausames Schicksal – nämlich dann, wenn die Schüler mit ihren Kettensägen üben… Übrigens: Heuer an Weihnachten kommt der Christbaum nicht aus Garmisch-Partenkirchen, sondern aus Österreich. Laut Hans Streidl stiftet ihn die Gemeinde Aschau im Zillertal. Fragt sich nur, was aus dem dann mal wird. T. Gautier, T. Bitterer Sternsinger und Schäfflertanz – Heimatexperte erklärt bayerische Bräuche München Aus all den tausenden und abertausenden bayerischen Bräuchen die schönsten herauszusuchen, falle ihm unendlich schwer, sagt Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. Schließlich sei das Geschmackssache, „und Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden“. Für Hallo München hat er dennoch ein paar Bräuche herausgepickt, die in Bayern nach wie vor mit Leben gefüllt werden. Schäfflertanz: Der Zunft-Tanz der Schäffler, also der Fasshersteller, wurde ursprünglich nur in München aufgeführt. „Von dort aus hat sich der Brauch durch wandernde Schäfflergesellen verbreitet“, sagt Ritter. Der Legende nach wurde in der Stadt erstmals 1517 während einer Pestepidemie getanzt, um die Bevölkerung, die sich kaum mehr auf die Straße traute, zu beruhigen. Das Schauspiel findet seit 1760 alle sieben Jahre statt – das nächste Mal zur Faschingszeit 2012. Sternsinger: Die Sternsinger haben sich etwa 1950 entwickelt. Der Brauch ist aus den so genannten Heischebräuchen des 18./19. Jahrhunderts hervorgegangen. „Damals zogen Bedürftige von Haus zu Haus, um eine kleine Gabe zu erbitten“, sagt der Experte. Und auch heute noch sammeln die Sternsinger für Bedürftige. Hochzeitsbaum: „Hochzeitsbäume sind stark im Kommen“, meint der Experte. Der Brauch stammt aus Oberösterreich – aus ländlichen Gegenden, wo für das Fortbestehen der Höfe Nachwuchs unabdingbar war. Von dort hat er sich seinen Weg nach Bayern gebahnt. Und so geht’s: Freunde stellen vor dem Haus des zukünftigen Ehepaares einen langen Fichtenstamm auf, an den sie Dinge hängen, die auf Nachwuchs anspielen. Zum Beispiel Babywäsche, Puppen, Kinderwagen, Kuscheltiere. Bedingung dafür, dass der Baum wieder umgelegt werden darf, ist: „Innerhalb eines Jahres muss Nachwuchs kommen“, sagt Michael Ritter. Falls das nicht der Fall ist, wollen die Aufsteller mit Bier und Brotzeit verköstigt werden. Oarscheim: „Beim so genannten Eierschieben handelt es sich um ein Spiel, das aus einer Zeit stammt, in der es Eier im Überfluss gab“, erklärt der Münchner. Damals durften Eier während der Fastenzeit nicht gegessen werden – also bewahrte man sie auf. An Ostern baute beziehungsweise baut man mit Latten eine schiefe Ebene auf. Dort rollen die Eier herunter. Um die Punkte zu zählen, wird auf jedes Ei, das auf dem Boden liegt, ein Centstück gelegt. Wessen Ei das Centstück von einem anderen Ei schubst, der darf das fremde Centstück behalten. Geldbeutel waschen: Am Aschermittwoch werden im Fischbrunnen am Marienplatz die Geldbeutel gewaschen. Hintergrund: Wer an Fasching gefeiert hat, hat jetzt einen leeren Geldbeutel. Durchs Waschen soll sich das Portemonnaie schon bald wieder füllen. Der Brauch geht ins 19. Jahrhundert zurück. Mit dem Waschen wollten Mägde und Knechte verdeutlichen, dass das Sackel leer ist und es die Dienstherren wieder füllen sollten. In München wurde zum ersten Mal in den 50er-Jahren das Geldbeutelwaschen am Fischbrunnen zelebriert. Bettelhochzeit: Früher feierten Dienstboten und andere einfache Leute, die sich keinen Besuch der Faschingsbälle leisten konnten, eine Bettelhochzeit. „Heute ist der Brauch, der aus Bayern stammt, nur noch auf dem Land zu finden“, sagt Michael Ritter. Üblicherweise werden zwei möglichst kurios aussehende Männer auf dem Misthaufen für die restliche Dauer der Faschingszeit verheiratet. Natürlich dürfen der Pfarrer, der Hochzeitslader, der Bürgermeister und andere Narren nicht fehlen. „Je verrückter und lustiger, desto besser.“ bit

Auch interessant:

Meistgelesen

Erwähnung im neuen Koalitionsvertrag: Soll die SEM doch in Feldmoching angewendet werden?
Erwähnung im neuen Koalitionsvertrag: Soll die SEM doch in Feldmoching angewendet werden?
Am Fasaneriesee: Wurden Corona-Regeln missachtet? Stadt und Polizei reagieren auf Anwohner-Beschwerde
Am Fasaneriesee: Wurden Corona-Regeln missachtet? Stadt und Polizei reagieren auf Anwohner-Beschwerde
Am späten Abend: Brand auf Balkon in der Kristallstraße verursacht hohen Sachschaden
Am späten Abend: Brand auf Balkon in der Kristallstraße verursacht hohen Sachschaden

Kommentare