106 105 getötete Tiere im Jahr 2016

Tierversuchs-Forscher: „Unsere Arbeit ist unverzichtbar“

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106 105 Versuchstiere sterben pro Jahr in München - damit ist die Stadt Tierversuchs-Hochburg.

München: „Ärzte gegen Tierversuche“ schlägt Alarm: 106 105 Versuchstiere wurden 2016 in München getötet - das ist bundesweiter Rekord. Hier spricht ein Forscher über seine Experimente.

Über 71 000 Unterschriften haben die drei bundesweit aktiven Vereine „Ärzte gegen Tierversuche“, „Bund gegen Missbrauch der Tiere“ und „TASSO“ dieser Tage für ein gesetzliches Verbot von besonders leidvollen Tierversuchen an den Bundestag übergeben. Was viele überraschen dürfte: Betrachtet man alle Tierversuche, ist München bundesweit ganz vorne. 

2016: 106 105 Versuchstiere in München getötet

Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ bezeichnet München als „Tierversuchs-Hochburg“. „Basierend auf unserer Datenbank mit rund 700 Tierversuchs­einrichtungen in 95 Städten ist München auf Platz eins“, sagt Tierärztin Gaby Neumann. 106 105 Versuchs­tiere wurden 2016 in München getötet, 2015 waren es 100 422, teilt das Kreisverwaltungsreferat (KVR) auf Hallo-Nachfrage mit. Hauptsächlich habe es sich dabei um Mäuse und Ratten gehandelt. 

Johannes Beckers führt am Helmholtz Zentrum in Neuherberg Tierversuche durch und spricht in der Hallo über seine Arbeit.

Mit erstgenannten forscht auch Johannes Beckers, stellvertretender Insitutsleiter für Genregulation und Epigenetik am Helmholtz Zentrum in Neuherberg. Vor zwei Jahren konnten er und sein Team mittels Tests an Mäusen beispielsweise nachweisen, dass durch Ernährung verursachte Fettleibigkeit und Diabetes sowohl über Eizellen als auch über Spermien epigenetisch an die Nachkommen vererbt werden können. „Wir haben in der Bevölkerung sehr viele Menschen, die fettleibig sind, die Diabetes haben – und natürlich trotzdem den Wunsch haben, gesunde Kinder zu bekommen. Dabei helfen unsere Versuche.“

Maus als beliebtes Versuchstier

Die Maus ist laut Beckers ein so beliebtes Versuchs­tier, weil sie dem Menschen nicht unähnlich sei: Beide haben 20 000 Gene. Bei den Tieren werde untersucht, welche Krankheit entsteht, wenn ein bestimmtes Gen verändert wurde. „Dann werden metabolische Tests, Röntgenaufnahmen oder Bluttests gemacht – das sind dieselben Techniken, die wir in Kliniken anwenden um Diagnosen beim Menschen zu machen.“ 

„Tiere leben wie in einem Luxushotel"

Schlecht gehe es den Tieren im Labor laut Beckers nicht – im Gegenteil: „Die leben hier wie in einem Luxushotel“, sagt er. Die Mäuse hätten jederzeit freien Zugang zu Nahrung und Wasser, die Temperatur und der Tag-Nacht-Zyklus werde reguliert, außerdem hätten sie keine Fressfeinde. Doch eines natürlichen Todes stirbt dort trotzdem so gut wie keine Maus (siehe Kasten). 

„Leiden des Menschen hat einen größeren Wert als Leiden eines Tieres"

Auf die Frage, ob ein Tierleben weniger als das eines Menschen wert sei, hat Beckers eine klare Antwort: „Für mich hat das Leiden des Menschen einen größeren Wert als das Leiden eines Tieres. Ich bin froh, wenn wir durch die Tierversuche so wichtige Ergebnisse finden, wie jetzt in der epigenetischen Vererbung von Diabetes.“

Gegner von Tierversuchen fordern Paradigmenwechsel

Gegner von Tierversuchen wie Gaby Neumann sind anderer Meinung: „Immer mehr Übersichtsstudien belegen die mangelhafte Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen. Wir fordern deshalb einen Paradigmenwechsel zu den zukunftsorientierten humanrelevanten Forschungsmethoden, die leider aber bisher nur mit einem Bruchteil der Summe gefördert werden, die in Tierversuche fließt.“

Sind Tierversuche noch unverzichtbar?

Auch Beckers hofft indes auf eine Zukunft ohne Tierversuche. Seine Traumvorstellung wäre, dass es von jedem Menschen einen digitalen Klon gäbe, an dem man vorab testen könne, welche Auswirkungen ein Medikament habe. Doch bis es soweit ist, seien Tierversuche unverzichtbar. Die neuen München-Zahlen zu Tierversuchen für 2017 veröffentlicht das KVR voraussichtlich Ende April. Neumann fürchtet, dass die Zahlen „mindestens genauso hoch bleiben, wenn nicht sogar steigen“.

110 Einrichtungen in München führen Tierversuche durch

Aktuell gibt es laut KVR 110 Einrichtungen in München, die Tierversuche durchführen dürfen. Dabei handle es sich hauptsächlich um universitäre Einrichtungen, aber auch Pharmafirmen. Die Tiere werden überwiegend für Grundlagenforschung, Vorbeugung von Krankheiten bei Mensch und Tier, Entwicklung und Herstellung von Arzneimitteln sowie toxikologische Untersuchungen – ebenfalls zur Arzneimittelprüfung – eingesetzt. Ein Großteil der Tiere, schätzungsweise 99 Prozent, wird am Versuchsende getötet. Dies erfolge tierschutzkonform, in der Regel durch Überdosierung eines Narkosemittels.

Daniela Borsutzky

Auch bundesweit ist die Zahl der Tierversuche gestiegen

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