Der große Hallo-Selbstversuch

Undercover im Kälteschutz: So nächtigen Obdachlose in München

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6.30 Uhr morgens bei der Bayernkaserne: Gemeinsam mit den Obdachlosen verlassen Hanni Kinadeter und Romy Ebert-Adeikis das Kälteschutzprogramm wieder.

München – Nächtliche Temperaturen unter dem Gefrierpunkt: Hochbetrieb im Kälteschutzprogramm, oder? Zwei Redakteurinnen haben eine Nacht in der Bayernkaserne verbracht – und berichten von ihren Erfahrungen 

Was der Mann mit der Alkoholfahne sagt, verstehen wir nicht. Sein anzügliches Schnalzen mit der Zungen ist hingegen eindeutig. Jetzt, wo wir kurz nach Mitternacht vor der Bayernkaserne stehen, kommen uns Zweifel. Sollen wir heute Nacht wirklich im Kälteschutz schlafen, in dem Programm, das die Stadt ab Mai ausweitet?

Mit einem Selfie von uns – die Haare mit Öl gefettet, die Nägel mit Erde verdreckt – kichern wir überdreht die Nervosität weg. Ein Security-Mitarbeiter schickt uns zur Pforte, ein aufgeheiztes weißes Zelt. Jetzt gibt es kein Zurück.

Pistole, Spritzen und Feilen sind verboten. Alkohol auch. Eine junge Frau mit weißen Handschuhen tastet uns ab. Das Taschenmesser wird weggesperrt. Sie drückt uns einen Zettel mit der Zimmernummer 92 in die Hand und schickt uns quer über das Kasernengelände zu Haus 12, wo die Frauen schlafen. Dort angekommen überreichen uns die Betreuerinnen im Haus dünne Einmaldecken und -laken, auch Klopapier und Shampoo wird uns angeboten. Eine Flasche Wasser – oder sogar etwas zu essen – gibt es für uns hingegen nicht.

Nur 80 von 400 Betten sind belegt

Als sich die Tür von Zimmer 92 öffnet, schlägt uns ein muffiger Geruch von nasser Wäsche und Schweiß entgegen. Acht Frauen könnten hier schlafen, belegt ist nur eine Matratze. Anna (Name von der Redaktion geändert) – ihren Namen erfahren wir am nächsten Tag – dreht sich um, das Bett knarzt, und schnarcht weiter. Wie Anna schlafen die meisten Gäste um diese Uhrzeit schon. Einlass ist ab 17 Uhr. In dieser Nacht sind trotz klirrender Kälte nur wenige Betten belegt, etwa 80 von 400.

Im Badezimmer sieht es indes danach aus, als hätten weit mehr Frauen geduscht: Haare, aufgerissene Shampoo-Tütchen und benutzte Binden liegen am Boden – trotz täglicher Reinigung. Es stinkt nach Urin. Mehr als einmal wollen wir den Raum nicht betreten – da lassen wir lieber das Waschen ausfallen.

An Tiefschlaf ist für uns aber nicht zu denken: Die Stockbetten ächzen unter jeder Bewegung, die Einwegdecken wärmen kaum. Stattdessen schlafen wir mit Jacke und Kapuze überm Kopf und wachen ständig auf, auch als Anna bei Sonnenaufgang hochschreckt und eilig ihre wenigen Sachen zusammenklaubt – mit Zimmergenossen hatte sie wohl nicht gerechnet. Denkt sie, wir wollen ihr Hab und Gut stehlen? 

Dass das im Kälteschutz durchaus vorkommt, haben uns Obdachlose erzählt, ebenso Schlägereien und Unruhen. Einen kleinen Vorgeschmack davon bekommen wir am Morgen. Lautes Gebrüll gellt durch den Flur, Türen knallen. Angespannt bleiben wir im Bett liegen. Die Sprache verstehen wir wieder einmal nicht, nur ein Mann ist aus dem Stimmengewirr deutlich herauszuhören.

Von der Betreuerin, die uns kurz darauf aufweckt, erfahren wir, dass es ums Putzen ging. So richtig glauben können wir das nicht. Nett sind die Betreuer mit den blauen Jacken trotzdem alle. Jeder erkundigt sich nach unserem Wohlergehen und sucht das Gespräch. Dauergäste wie anscheinend Anna werden sogar mit dem Namen begrüßt.

06.30 Morgens – Zeit zu gehen

Nichtsdestotrotz müssen um kurz nach sechs alle gehen. Der Einweisungsschein für den Kälteschutz gilt auch als Busticket zurück in die Stadt. An der Haltestelle „Grusonstraße“ versammeln sich alle: Arbeiter im Blaumann, ärmliche Omas mit Trolley, Schlappen und Mantel, und ein grell geschminkter Mann.

Manche Gesichter kennt man von den Straßen in der Stadt: etwa jenes des älteren Mannes im Rollstuhl, jenes des Jugendlichen mit Krücken oder jene der Frauen mit langen Röcken und bunt gemusterten Kopftüchern. Wenn es sogenannte osteuropäische Bettlerbanden gibt, entsprechen sie jedenfalls dem Klischee.

Die meisten der Schlafgäste in der Bayernkaserne kommen aus Rumänien, gefolgt von Bulgarien. Auch unsere Zimmergenossin Anna kommt aus Rumänien. Völlig verdutzt fragt sie uns morgens nur: „Germania?“ Für sie wie auch für die Betreuer sind Deutsche hier eine Seltenheit.

Unser überdrehtes Lachen ist längst einer tiefen Beklommenheit gewichen. Elend, Armut und ein gewisses Maß an Verwahrlosung – für manche ist das bittere Realität, selbst im reichen München. Diese Erfahrung lässt uns betroffen in unser Auto steigen. Mit einer heißen Dusche ist das nicht heruntergewaschen – der schale Nachgeschmack bleibt.

Romy Ebert-Adeikis und Hanni Kinadeter

Diesen Sommer offen

Ab 1. Mai läuft eine Testphase, bei der die Stadt auch während der Sommermonate 300 Notschlafplätze bietet.

Seit seiner Gründung 2012 hat das Kälteschutzprogramm in der Bayernkaserne immer Ende April geschlossen – heuer ist das zum ersten Mal anders. Ab 1. Mai läuft eine Testphase, bei der die Stadt auch während der Sommermonate 300 Notschlafplätze bietet. Zum Vergleich: Im Winter stehen 850 Betten bereit, die laut Sozialreferat aber noch nie komplett belegt waren, weil Plätze als Reserve für Notlagen dienen (Hallo berichtete). 

Gründe für die Ausweitung des Programms – für das die Stadt etwa 1,4 Millionen Euro zusätzlich zu den drei Millionen Euro jährlich ausgibt – gibt es laut Stadtratsbeschluss etliche: die Menschen vor prekären, ausbeuterischen Wohnverhältnissen zu schützen, das „wilde Campieren“ zu unterbinden, oder obdachlose Mütter mit Kind zu unterstützen. 

Maximal vier Wochen am Stück dürfen die Obdachlosen im Sommer in der Kaserne bleiben. In dieser Zeit sollen die Sozialpädagogen der Einrichtung „Schiller 25“, die die Einweisungsscheine aushändigt, prüfen, ob die Betroffenen Perspektiven in München haben – oder ob es sinnvoller wäre, den Menschen eine Rückkehr ins Heimatland nahezulegen.

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