Leben in der Stille

Der Alltag im geräuschlosen München

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Diese Gebärde heißt „München“ – die Wahl-Heimat von Julia Ratzlaff. Die Hand am Kopf symbolisiert einerseits die Türme der Frauenkirche, andererseits die Krone von König Ludwig II.

München – Am 30. September findet der „Tag der Gehörlosen“ statt – Hallo hat nachgehakt wie Betroffene den Alltag in München erleben

Rund 80 000 Gehörlose leben in Deutschland, etwa 2000 in München – eine von ihnen ist Julia Ratzlaff. Die 33-Jährige ist Initiatorin der ersten bilingualen Kinderkrippe in Deutschland: „Mondlicht“, eine Einrichtung des Kinderschutz München in Milbertshofen. Dort werden Kinder zwischen sechs Monaten und drei Jahren betreut – hörende und gehörlose sowie hörende Kinder von gehörlosen Eltern. In drei Gruppen – à zwölf Kinder – können je zwei Gehörlose betreut werden.

Aber auch für ältere Gehörlose wird etwas getan: Anlässlich des „Tags der Gehörlosen“ am 30. September findet gerade die „Woche der Senioren mit Hörberhinderung“ statt. Wie es den Gehörlosen in München ergeht, lesen Sie hier. Ines Weinzierl

Verständigung bei Ämtern:

Die Gebärdensprache ist eine dreidimensionale Sprache: Julia Ratzlaff zeigt „Apfel“.

Behörden stellen für Gehörlose die Hauptbarriere dar: „Die Hörenden vor Ort können keine Gebärdensprache“, klagt Ratzlaff, die als pädagogische Mitarbeiterin und Dozentin für Gebärdensprache in der Kinderkrippe „Mondlicht“ arbeitet. Das stimmt so nicht, sagt Johannes Mayer vom Kreisverwaltungsreferat (KVR): „Ein Mitarbeiter im KVR ist der deutschen Gebärdensprache mächtig.“ Für verpflichtende Behördengänge, wie die Beantragung eines Personalausweises, müssen Dolmetscher gestellt werden. Das Angebot für Gehörlose soll jetzt aber ausgebaut werden: „Für die Zukunft ist angedacht, im Reservierungssystem die Möglichkeit zu bieten, für Termine einen Dolmetsch-Service in die deutsche Gebärdensprache anzufordern.“

Müssen Gehörlose privat zum Amt, wenn es beispielsweise um das Aufgebot für die Hochzeit geht, müssen sie den Dolmetscher selbst zahlen: rund 100 Euro kostet es die Stunde, so Ratzlaff. Beim Arbeitsamt gibt es feste Zeiten in denen Dolmetscher vor Ort sind – jeden zweiten Dienstag im Monat.

U-/S-Bahnhöfe: 

Julia Ratzlaff (33) ist Initiatorin der ersten bilingualen Kinderkrippe in Deutschland.

Notrufsäulen beispielsweise am Hauptbahnhof sind nicht für Gehörlose geeignet. „Sie müssten visuell ausgestattet sein“, so Ratzlaff.

Freizeit:

Die Pinakotheken und das Literaturhaus bieten explizit Führungen in Gebärdensprache. „Einige Häuser haben Gebärdendolmetscher bei hörenden Führungen dabei. Zum Beispiel das Stadtmuseum oder die Galerie im Bezirk Oberbayern“, sagt Gehörlosenpädagogin Helen Wollstein-Gouba vom „Gehörlosenverband München und Umland“.

Ausbildung für Gehörlose: 

Die Gebärdensprache ist eine dreidimensionale Sprache: Julia Ratzlaff zeigt „Hallo“.

In München gibt es zwei Schulen für Gehörlose: Zum einen das Förderzentrum Hören in Johanneskirchen. Dort arbeiten hörende und gehörlose Lehrer. Die gehörlosen Kinder können nach der Grundschule fünf Jahre an der Mittelschule des Förderzentrums Hören bleiben oder auf andere Schulen wechseln. Das bringt allerdings Hürden mit sich: „Ein Dolmetscher muss immer beim Schüler sein. Obendrein muss er sich in allen Fächern auskennen, um zu übersetzen. Dass Gehörlose an Schulen für Hörende wechseln ist die absolute Ausnahme“, sagt Wollstein-Gouba. Außerdem gibt es die Samuel-Heinicke-Schule in Moosach. Die private Realschule ist auf sonderpädagogische Förderung, mit Schwerpunkt Hören, spezialisiert. Ratzlaff fordert: gehörlose Kinder neben hörenden Kindern mit Gebärdensprache zu unterrichten – „wie in der Kinderkrippe“.

Gebärdensprache: Sprechen mit dem ganzen Körper

Die Gebärdensprache ist eine dreidimensionale Sprache: Julia Ratzlaff zeigt „trinken“.

Die Gebärdensprache ist die natürliche Sprache aller Gehörlosen. Jede weitere Sprache, auch Schriftdeutsch, müssen sie lernen, wie Deutschsprechende Französisch. In jedem Land wird eine andere Gebärdensprache gesprochen. Nur maximal bis zu 30 Prozent kann man von den Lippen ablesen, oder aus dem Kontext erschließen. Ein Beispiel: Mutter und Butter sind visuell nicht zu unterscheiden. Als vollwertige Sprache verfügt die deutsche Gebärdensprache über Satzbau, eine eigenständige Grammatik und Redewendungen. Das Besondere: „Ein Gehörloser kommuniziert eineinhalb Mal schneller als ein Hörender. Deshalb ist es für Dolmetscher anstrengend zu übersetzen. Dauert ein Gespräch über eine Stunde, muss ein zweiter Dolmetscher dabei sein. Da Gebärdensprachen dreidimensionale Sprachen sind und den gesamten Gebärdenraum nutzen, etwa Oberkörper, Hände und Kopf“, sagt Gehörlosenpädagogin Helen Wollstein-Gouba vom „Gehörlosenverband München und Umland“. Um eine Gebärdensprache zu erlernen, benötigt man etwa die gleiche Zeit, wie bei anderen Fremdsprachen.

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