Überwacht und fasziniert in China

Vier Monate im Reich der Mitte: Bericht einer Studentin

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Viktoria Hufnagel mit einer ihrer chinesischen Stundentinnen – Land und Leute hinterließen bei der 25-jährigen Milbertshofener einen großen Eindruck.

Milbertshofen: Für Viktoria Hufnagel (25) was es ein Abenteuer mit vielen Einblicken.

Das größte Problem war für Viktoria Hufnagel nicht die Reise nach China oder die vier Monate, die sie dort verbrachte – sondern die Rückkehr ins heimische München. „Alles wirkte auf einmal so normal und langweilig. Ich habe eine Zeit gebraucht, um mich wieder an Deutschland zu gewöhnen“, erzählt die 25-Jährige aus Milbertshofen.

Es war kein Urlaub für sie in Asien. Die FOM, die Hochschule für Ökonomie und Management, schickte sie mit fünf weiteren Tutoren nach China. Was für Hufnagel nicht nur regelmäßige Kurse im Kampfsport Tai Chi und in Kalligraphie bedeutete, sondern eben auch acht Stunden Arbeit als Tutor an der chinesischen Universität. Mit Einblicken in ein System, das nur wenigen in Europa bekannt ist.

„Es ist eine andere Welt und eben auch eine andere Mentalität“, erzählt Hufnagel. „Chinesen wissen viel, aber nicht viel von der Welt.“ Über allem schwebt eben auch eine an das Militär angelehnte Organisation. So ist auf dem Campus strikt geregelt, wann welcher Wohnblock die knappen Duschanlagen benutzen darf. Mädchen schlafen zu sechst in einem Zimmer, Jungs sogar zu acht. Und während Freiheit im deutschen Studentenleben mit das größte Gut ist, erzählte ihr eine Studentin freimütig: „Ich habe gar keine Träume oder Ziele, weil das eh alles meine Eltern entscheiden werden.“

Es ist dieses Fehlen an Individualismus, das China noch immer bestimmt. Was allerdings nicht nur Nachteile hat, glaubt Hufnagel: „Niemand wird dort richtig ausgeschlossen, es gibt keine Außenseiter. Chinesen würden mit unserer Vorstellung von Freiheit nicht zurecht kommen. Da stellt man sich dann schon die Frage, ob unser System wirklich für alle das beste ist?“

Zum System gehört aber auch die Überwachung – nicht nur durch Kameras, die in der gesamten Stadt hängen. „Als einer aus unserer deutschen Tutorengruppe einmal ins Auto eines Chinesen einstieg, wurde er sofort angerufen und gefragt, was er denn vorhabe. Die wussten immer genau, was wir gerade machen“, erzählt Hufnagel. Und das stundenlange Üben des richtigen Marschierens und Fahnenschwenkens vor einem Besuch hoher Offizieller wurde auch nicht gerade zu ihrem neuen Hobby.

Am Ende flog sie mit dem Gefühl nach Hause, dass China vielleicht doch mehr war als ein großes Abenteuer. „Ich will unbedingt noch einmal zurück. Alles in allem hat mich China total begeistert.“ Marco Heinrich

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