Tagesdienste als Lösung auf Zeit

Wie die Stadt gegen den Ärztemangel vorgehen will

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Das Sprechzimmer beim Hausarzt nebenan soll sich auch für Patienten im Norden Münchens wieder öffnen. Beispielsweise durch ein Filialkonzept, welches in der Messestadt getestet wird.

Milbertshofen-Am Hart – „Wer geht schon in ein Gebiet, in dem quasi nur Kassenpatienten leben?“ Die Hausarzt-Situation im Norden ist fatal – Gesponserte Räume und Filialkonzepte sollen Abhilfe schaffen

Stundenlanges Sitzen im Wartezimmer, genereller Aufnahmestopp, Praxen, die schließen: Die Hausarztversorgung im Münchner Norden ist katastrophal – und das seit Jahren. Christine Frenzel, die Seniorenbeirätin des Viertels, will sich damit nicht mehr länger abfinden – und bekommt Rückenwind von SPD-Stadträtin Simone Burger (Mitglied im Gesundheits- und im Sozial­ausschuss), die sich für ein Konzept stark macht, das noch in diesem Halbjahr im Münchner Osten starten soll.

Christine Frenzel, Seniorenbeirätin des Viertels.

Frenzel weiß, wovon sie spricht: „Ich wohne seit 2014 wieder in meinem Elternhaus. Ich habe versucht, einen Hausarzt zu finden, leider wurde mir erklärt, es herrsche Patienten-Aufnahmestopp.“ Neue Haus­ärzte ziehe es sowieso nicht in den Norden. „Wer geht schon in ein Gebiet, in dem quasi nur Kassenpatienten leben?“ Eine Befürchtung, die sich mit Zahlen belegen lässt: Kommen beispielsweise in der Altstadt 201 Patienten auf einen Hausarzt, sind es in Moosach, Feldmoching und im Hasenbergl über 2000, in Milbertshofen-Am Hart sogar über 2200!

2200 Patienten je Hausarzt

Simone Burger (SPD), Stadträtin.

Im Münchner Osten, wo man mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat, steht aktuell das Pilotprojekt einer Filialpraxis mit Kinderärzten in den Startlöchern. Realisiert wird es von „Startstark“, einem Projekt der Stiftung Kinder- und Jugendhilfe. Das Konzept: Fachärzte, die in einem anderen Stadtteil niedergelassen sind, nutzen die von Startstark bereitgestellten Räume als Gemeinschaftspraxis und bieten dort das gesamte fachmedizinische Leistungsspektrum an. Geschäftsführer Norbert Blesch erklärt: „Die Stiftung übernimmt die Ausstattung und die Miete für die Räume.“ Aktuell stehe man in konkreten Verhandlungen mit fünf Kinderärzten, die jeweils einen Tag übernehmen sollen, wolle schon im zweiten Quartal 2019 öffnen.

„Wenn das Modell funktioniert, ist es eine Option für Milbertshofen und alle anderen unterversorgten Gebiete“, meint Burger. Frenzel ist zwar prinzipiell für die Aussicht auf eine bessere Versorgung, sieht das konkrete Modell aber auch kritisch: „Wenn die Ärzte ständig wechseln, ist das für mich kein Hausarzt. Vertrauen baut sich über Jahre hinweg auf.“ Als dauerhaftes Modell will Blesch die Sache aber ohnehin nicht verstanden wissen: „Es kann keine Lösung auf Dauer sein. Das Projekt ist auf zwei Jahre geplant, bis dahin muss sich etwas ändern!“

Stadt erwägt, Praxen zu kaufen

Bis dahin steht vielleicht zumindest fest, ob die Stadt sich an derartigen Projekten beteiligen wird. Burger stellt jedenfalls in Aussicht: „Wir diskutieren aktuell noch, ob die Stadt einen Arztsitz kauft.“

Manuela Praxl-Langer | Marco Litzlbauer

Ärztemangel könnte sich noch verschärfen

Vorgesehen ist für München eine Quote von 1700 Patienten je Hausarzt. Genau dann spräche man von einer 100-prozentigen Versorgung. 1534 Hausärzte ergeben bezogen auf die Einwohner allerdings eine Versorgungsquote von 114,7 Prozent. Ab 110 Prozent Versorgungsgrad sind keine zusätzlichen Neu-Niederlassungen mehr möglich. Unterversorgten Vierteln innerhalb des sehr unterschiedlich mit Hausärzten versorgten Planungsbereichs München nützt das freilich nichts.

Deshalb wurde mit dem „GKV-Versorgungsstärkungsgesetz“ der Gemeinsame Bundesausschuss damit beauftragt, die erforderlichen Anpassungen für eine bedarfsgerechte Versorgung – nach Prüfung der Verhältniszahlen und unter Berücksichtigung der Möglichkeit zu einer kleinräumigen Planung – zu treffen (Hallo berichtete). Bei der Anpassung der Zahlen soll auch die Sozial- und Morbiditätsstruktur der Bevölkerung berücksichtigt werden. Die Beratungen zur Bedarfsplanung im „Gemeinsamen Bundesausschuss“ dauern allerdings an.

Unterdessen droht sich die Situation sogar noch zu verschärfen: Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns erwartet für die kommenden Jahre eine noch größere Versorgungslücke. „Viele unserer Mitglieder gehen in den Ruhestand. Derzeit sind 35,5 Prozent der niedergelassenen Hausärzte in Bayern älter als 60 Jahre“, teilt Sprecherin Birgit Grain mit.

Marco Litzlbauer

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