„GEZ? Fernsehen macht krank!“

70-jährige Milbertshoferin klagt gegen die GEZ-Gebühren

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Anna-Maria V. (70) will ein Sandkorn im Getriebe des GEZ-Systems sein.

Seit knapp drei Jahren streitet sich Anna-Marie V. mit dem Bayerischen Rundfunk. Da sie seit 30 Jahren aufs Fernsehen verzichtet und für die Sender v. a. Ablehnung empfindet, will sie die GEZ-Gebühren nicht bezahlen.

Auf hoher See und vor Gericht ist jeder in Gottes Hand. Übernatürliche Hilfe wird Anna-Maria V. (der vollständige Name ist der Redaktion bekannt) wohl auch brauchen, wenn ihr Fall am Freitag, 31. März, vor dem Verwaltungsgericht verhandelt wird. Die 70-Jährige aus Milbertshofen klagt gegen den Bayerischen Rundfunk wegen der Erhebung der „GEZ-Zwangsgebühren“, wie sie es selbst ausdrückt.

Auf die Frage, wie sie ihre Chancen am Freitag einschätzt, muss sie nicht lange überlegen. „Null“, sagt sie. Tatsächlich hat das Bundesverwaltungsgericht erst vor einem Jahr in einem Grundsatzurteil entschieden, dass der Rundfunkbeitrag für Privathaushalte verfassungsgemäß erhoben wird. Was treibt Anna-Maria V. also an? „Es gibt zur GEZ eine ganze Flut von Urteilen. Aber darin wimmelt es nur so von Widersprüchen und falschen Darstellungen. Das will ich zeigen. Auch wenn ich nur ein weiteres Sandkorn im System der GEZ bin, hat sich der Aufwand schon gelohnt“, erzählt die Rentnerin, die als medizinisch-technische Angestellte keinerlei juristische Erfahrung hat und sich trotzdem selbst vor Gericht vertritt.

Viele der Argumente, die sie gegen die GEZ vorbringt, sind nicht neu. Die Bevorzugung des Fernsehens gegenüber der Presse. Die vielen und teuren Unterhaltungs-Sendungen bei den Öffentlich-Rechtlichen, die nichts mit deren Auftrag zu tun haben. Die Rolle des ZDF während der Böhmermann-Affäre. All das treibt Anna-Maria V. um. Doch wer länger mit ihr redet, merkt schnell, dass es ihr um mehr geht. „Fernsehen macht krank“, sagt sie und meint damit nicht nur, dass langer TV-Konsum oft zu Fettleibigkeit, Muskelschwund und Rückenschmerzen führt. Ihr geht es darum, womit wir uns heute befassen. Und womit nicht mehr.

„Ich will mich nicht selbst schädigen mit all dem, was in den Nachrichten gezeigt wird. Gewalt, Kriege, Trump. Das macht mich kaputt. Es gibt doch so viele echte, menschennahe Probleme“, erzählt sie. Realitätsverweigerung? Oder doch die passende Beschreibung einer Zeit, in der viele die TV-Serienfiguren besser kennen als die eigenen Nachbarn. In der Kommunikation oft nur ein Wisch über das Smartphone ist und kein echtes Gespräch.

Anna-Maria V. geht ihren Weg mit aller Konsequenz. Neben dem Fernsehen verschmäht sie auch Kino, Konzerte oder Ausstellungen. „Ich höre den Wind und die Vögel. Das ist wirklich erhebend“, sagt sie. Sie ist für ihre Nichten und Neffen da und für ihre Nachbarn, wenn sie einmal Hilfe benötigen. Daraus soll ihr Leben bestehen. Ein Gerichtsprozess ist das Gegenteil von der Ruhe, die sie sich sonst wünscht. Wahrscheinlich wird sie nicht viel erreichen. Vielleicht bringt sie manche Menschen aber auch zum Nachdenken.
Marco Heinrich

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