Haidbräu: Lokale Zutaten und ein Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung

Hier braut sich was zusammen

Beherzt genießen – das Haidbräu-Team (von links): Stefan Herla, Braumeister Jens Tischler, Alois Czernoch, Martina Haas, Simon Uselmann und Geschäftsführerin Karin Häringer.
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Beherzt genießen – das Haidbräu-Team (von links): Stefan Herla, Braumeister Jens Tischer, Alois Czernoch, Martina Haas und Geschäftsführerin Karin Häringer.

Freimann – „Den Menschen dort abzuholen, wo er gerade steht“: Das Haidbräu bietet Personen mit seelischer Behinderung mit besonderen Arbeitsplätzen eine Chance

„Hier kann ich frei sagen, was nicht geht und dann mache ich dafür etwas anderes.“ Sofort fällt das starke Untergewicht des jungen Mannes im Arbeitsoverall und Gummi­stiefeln auf. „An manchen Tagen kann ich die schweren Fässer nicht heben“, erzählt der 30-Jährige Arbeiter.

Seit ein paar Wochen assistiert der 30-Jährige dem Braumeister Jens Tischer im Haidbräu. Es ist eine von insgesamt sieben anerkannten Betriebsstätten für behinderte Menschen (WfbM) der AWO München ConceptLiving GmbH. Dazu gehören neben der kleinen Brauerei noch ein Café und eine Druckerei in Freimann sowie weitere Betriebe.

Erstmals ausgeschenkt wurde das Bier beim Inselfest. Dennoch lässt man es bewusst langsam angehen. Bisher sind erst fünf der geplanten neun Stellen vergeben. Auch der Betrieb läuft noch auf Sparflamme. Immerhin: Ein konkreter Termin steht zwar noch nicht fest, doch in den kommenden Wochen soll es endlich eine offizielle Eröffnung geben.

Der 30-Jährige ist eigentlich Mediendesigner. Doch seine Depression, die sich auch auf sein Gewicht auswirkt, ist auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht tragbar: „Ich habe mich immer unter Druck gesetzt, bis ich gemerkt habe, dass ich eine Pause brauche.“ Im Haidbräu arbeitet er nun 35 Stunden pro Woche: „Jeder achtet hier aufeinander und es fühlt sich nicht wie der zweite Arbeitsmarkt an.“ Seine Kollegin Martina Haas stimmt zu: „Ich arbeite hier sehr gerne, hab einen tollen Chef und nette Kollegen, ich bin glücklich“.

Martina Haas füllt mit Begeisterung jede Flasche „Roter Märzen“, „Goldener Weizen“ und „Helle Freude“ einzeln ab.

Das war nicht immer so. Die 37-Jährige machte ursprünglich eine hauswirtschaftliche Lehre in einer Großküche: „Ich konnte mit dem Stress nicht umgehen.“ Jetzt füllt sie mit Begeisterung jede Flasche „Roter Märzen“, „Goldener Weizen“ und „Helle Freude“ einzeln ab: „Inzwischen schaffe ich drei Fässer pro Tag, das sind 90 Liter“, berichtet sie stolz.

„Wir versuchen Angebote für Menschen mit seelischen Behinderungen innerhalb der Gesellschaft umzusetzen – nicht irgendwo abgeschottet“, erklärt Geschäftsführerin Karin Häringer. „Ihre seelische Beeinträchtigung ist attestiert, nur so können wir diese Maßnahme anbieten“. In allen Werkstätten gelte vor allem ein Leitfaden: „Den Menschen dort abzuholen, wo er gerade steht. Und das anzunehmen, was er gerade leisten kann“, lächelt die Werkstattleiterin und nickt: „Ja, das klingt pathetisch, aber genau so gehen wir vor.“

Fünf Mitarbeiter sind derzeit in der Brauerei tätig, vier weitere sollen folgen. Das finanziert unter anderem die Arbeitsagentur, der Bezirk Oberbayern und die Rentenversicherung. „Gruppenleiter unterstützen unsere Mitarbeiter. Sie kümmern sich nicht nur um Arbeitsinhalte, sondern auch um die psychosoziale Situation“, verdeutlicht Häringer das Konzept. „Es ist natürlich entschleunigter als auf dem ersten Arbeitsmarkt, aber ich habe noch mit zusätzlichen Aufgaben zu tun“, bestätigt Braumeister Tischer. Ansonsten sei alles wie in anderen Brauereien, nur deutlich kleiner: „Wir brauen nach dem Reinheitsgebot, unsere Rohstoffe kommen aus der Region und die Verkaufsleistung liegt bei etwa 900 Litern pro Monat.“

Schon bald wolle er aber mit seinem Team die doppelte Menge erzielen. Denn das Bier kommt an: „Auf dem Isarinselfest im vergangenem Jahr haben wir erstmalig ausgeschenkt und die Kunden waren sehr angetan“, betont der Bierbrauer. Ansonsten sei das Bier im HaidCafé zu kaufen.

Das Projekt scheint für alle Beteiligten aufzugehen. Der 30-Jährige Mitarbeiter bringt es auf den Punkt: „Für mich ist es wichtig, am Ende des Tages sagen zu können: Ja ich hab heute einfachere Arbeiten gemacht, aber dennoch etwas geschafft. Das macht mich zufrieden.“

Manuela Praxl-Langer

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