Er weiß, wo die Bomben liegen

Luftschutz-Experte Karlheinz Kümmel (79) von A bis Z

Karlheinz Kümmel über seine Kriegserlebnisse und den aktuellen Kampfmittel-Fall in Freimann

Die laufende Kampfmittel-Räumung in Freimann ist der Albtraum vieler Hauseigentümer. Erst lebt man auf alten Bomben, dann muss man für die Bergung auch noch Unsummen zahlen. Abfall aus dem Zweiten Weltkrieg ist wieder brandaktuell. Nach dem Fund von Phosphor musste die Evakuierung dort noch ausgeweitet werden. Experte Karlheinz Kümmel, der ein eigenes Luftschutz-Archiv führt, wurde vor Ort zu Rate gezogen. „Es wird immer von zehn Tonnen Kampfmitteln geredet. Meiner Meinung nach kann es auch deutlich weniger sein. Oder mehr“, sagt Kümmel, der 1958 mit der Bundeswehr nach München kam – und blieb. Kümmel ist Zeitzeuge, Sammler und Archivar für alles, was mit Luftschutz zu tun hat. In seinen Büroräumen stehen 400 Aktenordner, großformatige Karten, mächtige Bombensplitter und alte Schilder längst abgerissener Luftschutzbunker. Kein Wunder, dass sich der 79-Jährige wünscht, alles im Rahmen eines Museums gut aufgehoben zu wissen. Wie er schon als Kind mit Kampfmitteln in Kontakt kam, ob Münchner Angst vor Blindgängern haben müssen und warum Privatleute seiner Meinung nach nicht für die Beseitigung von Kampfmitteln zahlen müssen, verrät er in Hallo München.

Marco Heinrich

Anfänge: Es gibt in Deutschland keine Institution, in der Daten und Informationen zum Luftschutz zentral abrufbar sind. Ich beschäftige mich seit 30 Jahren damit und sammele seit den 60er-Jahren alles dazu.

Blindgänger sind bis heute ein großes Thema. 15 bis 20 Prozent der Abwürfe während des Krieges zündeten nicht. Ich schätze, dass heute noch 10 000 Bomben im Münchner Boden liegen.

Chaos: Das Hauptproblem ist, dass vieles nicht dokumentiert wurde: wo welche Kampfmittel nach dem Krieg in Löschwasserbecken entsorgt wurden. Oder auch welche Bomben entschärft und abtransportiert wurden.

Daten: Ich habe mittlerweile 40 Terabyte an Daten, Informationen und Bildern zum Thema Luftschutz gesammelt. Bunker, Munition, Trefferkarten, Berichte nach Flugangriffen und vieles mehr.

Entschärft wurden die Blindgänger während des Krieges von freiwilligen KZ-Häftlingen, die dafür eine bevorzugte Stellung genossen. Die Arbeit war lebensgefährlich, aber viele kamen so durch den Krieg.

Freimann: Der jüngste Fund im Zwergackerweg ist eine besondere Herausforderung. Kampfmittel sind auf beiden Seiten der Hauswand – eine Granate steckt sogar in der Betonwand. Die Statik des Hauses muss während der Räumung gewahrt bleiben – schwierig.

Gefahr: 20 bis 30 unterirdische Löschwasserbecken gibt es wohl noch in München. Niemand weiß, was drin ist. Eines befindet sich unter dem Luitpoldpark – mit einem Spielplatz obendrauf.

Hilfe: Viele wenden sich vor Projekten an mich. Zum Beispiel vor dem Bau der Container für die Grandlschule. Ich wusste, dass dort alte Munition liegt.

Irrationale Angst- und Panikmache ist nicht angebracht und soll auf keinen Fall Ziel meiner Arbeit sein. Aber wenn es irgendwo tickende Zeitbomben gibt, dann sollte dagegen etwas getan werden.

Jugenderinnerungen habe ich viele. Ich war sieben, als der Krieg endete. Die Luftangriffe, vor denen wir flohen. Oder wie wir nach dem Krieg Karussell auf den Flak-Geschützen spielten. Das werde ich nie vergessen.

Kampfmittelbeseitigungsdienst: Es sind absolute Profis, die da arbeiten. Sie erkennen sofort, welche Kampfmittel sie vor sich haben, wie viel jedes einzelne Stück wiegt, in welchem Zustand die Kampfmittel sind und wie viel Gefahr von ihnen ausgeht.

Luftbilder sind für meine Auswertungen von großer Bedeutung. Man erkennt, wo die Krater der Einschläge waren und weiß so, wo auch mit Blindgängern zu rechnen ist. An die Karten der Alliierten kommen nur Registrierte – und es gibt sie auch nicht umsonst. Eine kostet ungefähr 30 Euro.

Museum: Mein großer Wunsch ist ein Luftschutz-Museum, wo die komplette Dokumentation und alle von mir zusammengetragenen Gegenstände eine Heimat finden. Am liebsten in einem der Luftschutzbunker. Schon heute biete ich Führungen durch einige von ihnen an.

Neubauten: Vor jedem Neubau sollte es eine Analyse auf Kampfmittel geben. Allerdings ist juristisch nicht genau geklärt, für welchen Bereich eine Kampfmittel­untersuchung vorgeschrieben ist.

Originelles Geschenk: Zum 78. Geburtstag bekam ich den Kopf eines 250-Kilo-Blindgängers geschenkt. Wenn man draufschlägt, klingt es auch nicht anders als bei einer Glocke.

Publikation: Mein nächstes Buch zum Thema Luftschutz in München ist bereits in Arbeit.

Quelle der Gefahr: Splitter von Bomben oder funktionsfähige Zünder können sogar in Bäumen stecken. Eine große Gefahr bei Fällungen mit der Kettensäge.

Recht: Die Zuständigkeiten sind in der Luftschutzordnung geregelt. Dass Privatleute die Kosten der Beseitigung tragen müssen, ist eigentlich falsch.

Sicherheit: Wenn Kampfmittel beseitigt werden, muss das Gelände rund um die Uhr bewacht werden, damit nicht irgendwelche Idioten auf dumme Gedanken kommen und sich selbst bedienen.

Treffer: Auf München fielen 500 Minenbomben, 61 000 Sprengbomben und 3,35 Millionen Stabbrandbomben.

Umwelt: Nicht nur der Sprengstoff in alten Kampfmitteln ist eine Gefahr. In Löschwasserbecken entsteht unten oft ein richtiger Sumpf, der hoch-kontaminiert ist. Auch der Boden darüber muss meistens speziell entsorgt werden. Beides ist mit hohen Kosten verbunden.

Vorbildung: Schon im Krieg erkannten wir im Kindergartenalter jedes Flugzeug anhand seines Klanges. Jeder von uns bekam auch ein kleines Buch, in dem alles über die Flugzeuge stand – über die deutschen und über die der Alliierten. Ich selbst habe zwei Abschüsse von Flugzeugen mit eigenen Augen gesehen. Das waren schlimme Bilder.

Wehrmacht: Es gab keinen großen Unterschied zwischen Deutschen und Alliierten beim Umgang mit alten Kampfmitteln: aus dem Auge, aus dem Sinn. Was nicht wiederverwendet und eingeschmolzen werden konnte, wurde einfach vergraben.

Xplosion: Vor einigen Jahren explodierte ein Blindgänger in der Nähe der Oberföhringer Basispyramide, südlich des Heizkraftwerks München Nord – wahrscheinlich ausgelöst durch die Vibrationen eines Schwertransports.

Yankees: Weil amerikanische Luftangriffe meist gegen zehn Uhr begannen, wurde unsere Schulzeit in den letzten Kriegsjahren verlegt: Der Unterricht begann um fünf.

Zünder an den Bomben (Foto) waren sehr unterschiedlich. Sie bestimmten zum Beispiel, ob die Bombe zeitversetzt detonieren sollte – und auch wo: über dem Boden oder auf dem Boden.

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