Kampf um jeden Hausarzt im Norden

Dr. Christoph Grassl, KVB-Regionalvorstand und Hausarzt, von A bis Z

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Hasenbergl, Moosach, Milbertshofen: Wie man die Situation in den unterversorgten Bezirken ändern könnte, erklärt Dr. Christoph Grassl von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns.

Volle Praxen, weite Wege, lange Wartezeiten: In vielen Vierteln Münchens gibt es immer weniger Haus­ärzte. 1700 Einwohner sollten eigentlich auf einen Arzt kommen – in Hadern, dem Viertel mit den wenigsten Hausärzten, sind es laut den jüngst veröffentlichten Zahlen des städtischen Gesundheitsreferats 2284! Paradox: In der Stadt München, die zusammen mit dem Umland als ein einziger Versorgungsbereich betrachtet wird, herrscht eigentlich eine Überversorgung – unter anderem weil in der Innenstadt überdurchschnittlich viele Allgemeinmediziner praktizieren. Wie man dieses strukturelle Problem ändern könnte, erklärt Dr. Christoph Grassl, regionaler Vorstandsbeauftragter von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) und selbst Hausarzt, auf dieser Seite. ist

Aerzte: Die Situation in München ist paradox: Hier gibt es zwar genug Ärzte, wir sind sogar leicht überversorgt. Aber in manchen Vierteln herrscht eine Unterversorgung, weil Praxen schließen und Ärzte sich in anderen Stadtteilen niederlassen.

Beliebt ist der Bezirk Altstadt-Lehel. Dort gibt es über 100 Hausärzte. Gleichzeitig ist es das Viertel mit den wenigsten Einwohnern.

Check-up: Routine-Termine sind nicht mehr so leicht zu bekommen, als Patient muss man länger warten oder gleich einen weiteren Fahrweg zu einem weniger ausgelasteten Arzt in Kauf nehmen.

DAK, AOK & Co.: In den Ausschüssen, die über die Verteilung der Hausarzt-Niederlassungen entscheiden, sitzen auch die Krankenkassen. Will man an der Sitzverteilung etwas ändern, müssen die Kassen zustimmen.

Entspannter ist die Lage für Hausärzte in der Innenstadt auch deshalb, weil es so viele Fachärzte gibt. Dann geht der Schnupfenpatient gleich zum HNO-Arzt.

Förderung: Damit sich Ärzte in unbeliebten Vierteln niederlassen, bräuchten sie mehr Anreize. Doch die Stadt kann einzelne Ärzte nicht finanziell fördern, wegen Wettbewerbsverzerrung.

Grippewelle: Ich bin Hausarzt in Obersendling, unsere Praxis hat 365 Tage im Jahr offen. Die Grippewelle haben wir stark gespürt: An einem Vormittag waren um 10.30 Uhr schon 130 Leute ohne Termin da – wegen der Grippe.

Hadern: Dort ist die Situation ganz schlimm, genauso wie in Milbertshofen und im Hasenbergl. Ein Hausarzt kommt dort auf über 2000 Bürger.

Idee: Wir brauchen kleinere Bereiche, in denen die Hausarzt-Zulassungen vergeben werden. Wenn ein Arzt eine Praxis im Hasenbergl übernimmt, muss er im Norden bleiben. Derzeit kann er aber auch nach Solln umziehen.

Junge Ärzte legen Wert auf Work-Life-Balance, Teamwork und gutes Arbeitsklima. Viele ziehen ein Angestelltenverhältnis vor und wollen sich nicht mit eigenen Praxen selbstständig machen. Das trägt auch dazu bei, dass in unattraktiven Vierteln Praxen immer seltener übernommen werden.

Kinderarzt: Auch da ist die Lage angespannt. In Milbertshofen gab es einige Sitze, die die KVB ein halbes Jahr und länger versucht hat, vor Ort zu besetzen – sie gingen aber einfach nicht weg. Dann wurden sie für ganz München freigegeben. Mit der Folge, dass sich in Milbertshofen kein neuer Kinderarzt niedergelassen hat.

Lösungen: Wir brauchen größere Praxisverbünde, denn ein einzelner Arzt kann es sich in München immer weniger leisten, eine Praxis zu führen. Dazu kommt, dass wie gesagt viele junge Ärzte flexibler in ihrer Arbeit sein möchten.

Mittelbereich: So heißen die Bereiche, in denen erhoben wird, wie viele Hausärzte es pro Einwohner gibt. Bei uns ist München und das Umland bis nach Unterschleißheim, Aying und Wörthsee ein einziger Bereich.

Notaufnahme: Wenn die Leute keinen Arzt finden, gehen sie auch mal in die Notaufnahme. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen, wie problematisch das wirklich ist. Wir versuchen gerade, den Bedarf zu ermitteln.

Optimal wären 1700 Bürger pro Hausarzt. In Altstadt-Lehel sind es laut städtischem Gesundheitsreferat 201, in Feldmoching-Hasenbergl 2051 und in Hadern 2284.

Politik: Die wird sich momentan in den Städten nicht stark einbringen. Die hat vielmehr die Situation auf dem Land im Blick, wo manche Regionen überhaupt keinen Arzt haben. Dort gibt es staatliche Förderungen zur Anschubfinanzierung.

Quantität: Im Mittelbereich München gibt es 1529 Hausärzte. Das ergibt einen Versorgungsgrad von 116 Prozent und gilt als Überversorgung. Deshalb darf man nicht einfach neue Praxen eröffnen, auch wenn sie in manchen Vierteln dringend notwendig wären.

Risiko: Wenn man die Mittelbereiche verkleinert, besteht das Risiko, dass sich gar kein Arzt findet, der sich dort niederlassen will. Dann verfallen die Sitze ganz. Ich plädiere trotzdem dafür.

Stadt: Sie kann zwar die Ärzte nicht finanziell fördern, aber sie könnte günstige Räume zur Verfügung stellen, um gewisse Viertel attraktiver zu machen.

Teuer: Eröffnet man eine Praxis, muss man in Vorleistung gehen – für Räume, Geräte, Angestellte. 100 000 Euro Minimum, schätze ich.

Unternehmerische Überlegungen: In den weniger attraktiven Stadtteilen gibt es viele alte Praxen, die einfach nicht mehr dem Standard entsprechen. Statt die herzurichten, ziehen viele gleich in ein anderes Viertel.

Veto: Wenn ein Hausarzt eine Praxis in Milbertshofen übernimmt und mit diesem Sitz aber nach Grünwald zieht, kann man gesetzlich nichts machen. Die KVB kann ihn nur bitten zu bleiben.

Wir von der KVB sind dabei, in allen Kliniken Bereitschaftspraxen einzurichten. In Schwabing, Pasing, Neuperlach und im Rechts der Isar gibt es das schon. Ziel ist, dass wirklich nur Notfälle in der Notaufnahme landen. Wer sich sonntags grippig fühlt, soll dann direkt in die Bereitschafts­praxis.

Xundheit: Ob ein kranker Kassen- oder Privatpatient zum Hausarzt kommt, macht keinen großen Unterschied. Da rechnet man fast das Gleiche ab.

Y-Chromosom: Männer machen heute nur noch 25 Prozent der Medizin-Studenten aus.

Zukunft: Ich bezweifle, dass wir das derzeitige System auf Dauer so halten können. Es gibt einfach zu große Lücken.

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