Sechs Fäuste für kein Halleluja

Drei Moosacher Soldaten im Boxer-Aufstand in China

Horst Rückert gehört seit einigen Monaten dem Geschichtsverein Moosach an.
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Horst Rückert gehört seit einigen Monaten dem Geschichtsverein Moosach an.

Moosach: Ein pensionierter Lehrer zeigt, wie drei Moosacher den Boxer-Aufstand in China bekämpfen wollten.

Horst Rückert lebt noch nicht lange in Moosach. Umso mehr interessiert sich der pensionierte Lehrer für die Geschichte seiner neuen Heimat. In mühevoller Kleinarbeit rekonstruierte er das Schicksal von den drei Moosacher Soldaten, die einst zur Bekämpfung des Boxer-Aufstands nach China geschickt wurden.

22 Offiziere und 794 Unteroffiziere wurden am 2. August 1900 in München mit großem Bahnhof verabschiedet. Die halbe Stadt schien auf den Straßen zu sein, um die Soldaten auf den langen Weg um die halbe Welt zu bringen. Unter ihnen waren auch die Moosacher Georg Beck, Jakob Hagenbucher und Jakob Peter. Was sie dazu trieb, am anderen Ende der Erde zu kämpfen? „Der höhere Sold spielte natürlich eine Rolle. Aber hauptsächlich war es doch einfach Reiselust. Im Jahr 1900 war München für Moosacher bereits ein Abenteuer. Was versprach dann erst China?“, erzählt Horst Rückert.

Um an Informationen über die Moosacher zu kommen, durchstöberte er mehrere Archive, wälzte alte Zeitungen und las in Tagebüchern aus dieser Zeit. Rückert zeigt auf seinen Bildschirm, wo ein altes Plakat der Jahrhundertwende zu sehen ist. „Der Krieg in China – wir hau’n ihn fest und treu zusammen, hipp, hipp, hurrah“, ist dort zu lesen. Im Deutschen Reich lief die Propaganda-Maschine damals auf vollen Touren, um Stimmung für eine Niederschlagung des Boxer-Aufstands zu machen. Vor allem, nachdem der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler im Juni 1900 in China erschossen wurde. „Führt eure Waffen so, dass auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen“, sagte Kaiser Wilhelm II. zum Abschied seiner Truppen.

Trotz aller Recherche: Es gibt kein persönliches Zeugnis von einem der drei Moosacher über das, was sie während ihres Einsatzes in China erlebten. Doch die Aufzeichnungen anderer Soldaten zeigen ein klares Bild: Die Anreise auf der „Phönicia“ ähnelte eher einer Urlaubsfahrt. Und als China dann endlich erreicht wurde, war Peking schon seit einem Monat befreit. Die aufständischen chinesischen Boxer waren zwar keineswegs geschlagen, zogen sich aber in kleinen Gruppen in die Berge zurück. Das erhoffte „Kriegs-Abenteuer“ fiel auch für die drei Moosacher deshalb weitgehend aus.

Von den über 800 Mann des Bayerischen Bataillons fiel während der gesamten Expedition nur einer, fünf starben am Typhus, einer ertrank beim verbotenen Baden. Dass die drei Moosacher gesund wieder nach Hause zurückkehrten, war also der Normalfall dieses Krieges. Zu Hause war die Begeisterung über den extrem teuren Feldzug längst eingeschlafen. Sechs Fäuste für kein Halleluja, könnte die Moosacher Bilanz der Geschichte überschrieben werden. Die Spuren von Georg Beck und Jakob Peter verschwinden anschließend. Jakob Hagenbucher aber fand nie wieder Anschluss an das bürgerliche Leben. Erst kam er wegen Betrugs ins Gefängnis, später wurde er in die Psychiatrische Klinik eingewiesen. Er sollte sich bis zu seinem Tod nicht mehr erholen.

Die größte Freude blieb also Horst Rückert vorbehalten, der über 100 Jahre später ein spannendes Stück der Moosacher Geschichte wieder zum Leben erweckte.
Marco Heinrich

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