Nightwish besuchen München und stellen das neue Album "Human. ://: Nature." vor

"Authentizität und eine Art von Unschuld sind das Geheimnis von Nightwish"

Die Nightwish-Mitglieder Tuomas Holopainen und Troy Donckeley mit HALLO-Chefredakteur Marco Heinrich
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Die Nightwish-Mitglieder Tuomas Holopainen und Troy Donockley mit HALLO-Chefredakteur Marco Heinrich

Tuomas Holopainen ist Gründer und Kopf der finnischen Symphonic Metal Band Nightwish. Nach fünf Jahren präsentierte die Band in München das neue Album "Human. ://: Nature." Im HALLO-Interview sprechen sie über Metallica, den Umgang mit Idolen und die Mona Lisa.

Wer bisher nur die erste Single „Noise“ gehört hat, erwartet ein viel düstereres Album. Eine Abrechnung. Sie waren aber gewissermaßen nett zur Menschheit. 

Holopainen: Es freut mich, dass du das so siehst. Denn viele, die das Album hören oder das Video zu „Noise“ gesehen haben, sagen: „Wow! Das ist so düster. Ihr müsst so pessimistisch sein, was die Zukunft der Menschen angeht." Wir alle in der Band sind das genaue Gegenteil – und ich glaube, das Album reflektiert das auch. Natürlich gibt es das Dunkle, aber der durchdringende Grundton ist Optimismus und Hoffnung.

Das liegt wahrscheinlich am Video. Dort sitzen Sie unter anderem mit einer Gasmaske und einer Gummiente in einer Badewanne voller Öl... 

Holopainen: Ja, aber die letzten zehn Sekunden erinnern die Leute doch daran, dass es andere Dinge gibt. Echte Schönheit. Wir müssen nur aufwachen. 

Donockley: „Noise“ wird oft so interpretiert, dass es sehr negativ ist. Gegen Smartphones. Darum geht es uns nicht. Das Lied handelt von den Menschen, von Verhaltensweisen. Und von einer Sucht. Und das Ende des Videos zeigt einfach: Legt das Ding beiseite und geht raus in die Natur. 

Holopainen: Ich bin sehr für Technologie – und wahrscheinlich sogar sehr für Social Media. Zumindest hinter der Idee dahinter: Informationen zu teilen. 

Donockley: Das Problem ist, dass Technologie zu einer so majestätischen Sache geworden ist. Zu etwas Magischem. Und je weiter die Technologie voranschreitet, desto dümmer und auch hässlicher scheinen die Menschen zu werden. Es geht nur noch darum, im Cyberspace umherzuschreien. Dinge, die man im wirklichen Leben niemals sagen würde. 

Holpainen: Und die Aufmerksamkeitsspanne hat sich so dramatisch verkürzt! Die Leute hören sich keine Alben mehr vom Anfang bis zum Ende an. Nur noch einzelne Songs oder kleine Teile davon. Sie lesen keine kompletten Bücher mehr.

Donockley: Und sie hören einander nicht mehr zu. Trotzdem glauben wir als Band, dass die Menschheit massiv unterschätzt wird. Unser Potenzial ist so unglaublich. 

Holpainen: Wir haben einen Roboter auf den Mars geschickt! Das ist eine Sache, die ich bis heute nicht wirklich fassen kann. Und wir haben das Internet geschaffen.

Aber wofür benutzen wir es denn hauptsächlich? 

Donockley: Das stimmt. Aber wer wissen will, worum es im Kampf von Waterloo ging, kriegt die Informationen eben auch innerhalb von Sekunden. 

Holpainen: Wenn du mir jetzt etwas sagst, kann ich ganz schnell mehrere Quellen checken, ob das wahr ist. Früher musste man in die Bibliothek und hatte die Antwort eine Woche später.

Trotzdem waren die meisten Menschen früher vermutlich besser informiert... 

Donockley: Das stimmt, weil sie einen eigenen Aufwand leisten mussten. 

Holopainen: Das ist mein Punkt: Technologie ist ein wunderbares Werkzeug mit unglaublichem Potenzial.

Machen wir einen Sprung zurück. Am Ende von „Song of Myself“ gibt es eine Reihe von kleinen Erzählungen. Der letzte Satz ist „And there forever remains that change from G to E minor“ [frei übersetzt: „Und was am Ende bleibt, ist der ewige Wechsel von G-Dur zu E-Moll]. Was bedeutet dieser Satz für Sie? 

Holopainen (beide lachen): Ich kann es nicht verraten. 

Donockley: Aber es ist etwas sehr Schönes. 

Holopainen: Wenn es um Kunst geht, um zeitlose Kunst, muss man mehrdeutig bleiben. Ich will nicht pompös wirken, aber schauen wir uns die Mona Lisa an. Wenn wir eine Zeitreise machen könnten, um da Vinci zu fragen, was genau er mit ihrem Lächeln ausdrücken wollte – und dann gibt er uns eine sehr einfache und naheliegende Antwort, dann wäre das Besondere, Mysteriöse auf einen Schlag vorbei. Stattdessen befassen sich Menschen seit Jahrhunderten mit diesem Kunstwerk. Das ist das Besondere an Kunst. Man sollte sich als Künstler nie zu sehr erklären.

Donockley: Die beste Art, auf Kunst zu reagieren, ist vollkommen persönlich. Wer Kunst erklärt, macht sie nur kleiner.

Interessiert einen von euch, was ich aus dem Wechsel von G-Dur zu E-Moll mache? 

Donockley: Auf jeden Fall.

In vielen Nightwish-Stücken geht es um den großen Wert von Erinnerungen. Wer etwas besonders Schönes erlebt, würde diesen Moment in einer triumphalen Tonart wie G-Dur komponieren. Mit der Zeit mischt sich in solche Erinnerungen oft Melancholie. Obwohl die Erinnerung die gleiche ist, die Noten also die selben, ändert sich die Atmosphäre. Wie in der parallelen Tonart E-Moll. Glücklich ist, wer weiter das Schöne in dem Traurigen entdeckt. 

Holpainen: Das ist sehr schön. 

Donockley: Das ist genau, was wir vorhin gemeint haben. Das Lächeln der Mona Lisa. 

Holpainen: Danke, dass du uns das erzählt hast. 

Donockley (lacht): Auch wenn es nicht das ist, was wir hinter dem Satz verstehen.

Die Geschichte von Nightwish begann, als Tuomas als Austauchschüler in Kansas City von seinen Gasteltern zu Metallica und Guns‘n‘Roses mitgenommen wurde. Was war das Besondere an diesem Konzert?

Holopainen: Es war die Stimmung dieses Lärms, der mich komplett in seinen Bann zog. Am 25. September 1992. Ich war damals überhaupt nicht an dieser Art von Musik interessiert. Ich hörte klassische Musik, finnischen Pop und vielleicht Gary Moore. Das war schon das härteste. Ich war 15 und wir hatten gute Sitze. Metallica fing an zu spielen – und meine Welt, zumindest meine musikalische Welt, veränderte sich komplett. Diese zwei Stunden. Ich war komplett weg. Und betrunken. Dann kaufte ich alles, was sie jemals veröffentlicht haben. Kassetten. So wurde ich zum Metalhead. Die Reise begann. 

Donockley: Als ich 15 war, sah ich Pink Floyd. Es stellte mein Leben auf den Kopf. Ich wusste: Das ist es.

Gab es je einen direkten Kontakt zu Metallica – es wäre ja spannend, die Idole von einst persönlich zu treffen? 

Holopainen: Das ist eine interessante Sache: Ich will meine großen Helden unter keinen Umständen kennenlernen! Ich war bei einem Konzert von Hans Zimmer und wurde backstage eingeladen, um ihn zu treffen. Ich wollte nicht gehen. Es gibt eine mystische Aura um die Künstler, zu denen ich wirklich aufschaue. Hans Zimmer. Vangelis. Die Jungs von Metallica. Man stelle sich vor, ich treffe James Hetfield, er guckt mich kurz an und sagt: „Hau ab!“. Alles würde in sich zusammenfallen. 

Donockley: Wenn man seine Helden trifft und sie sind nicht sehr nett, dann fällt das auch auf die Art zurück, wie man ihre Musik findet. Denn sie ist ja ihr direkter Ausdruck. Ich würde meine Helden auch nicht treffen wollen. Die meisten sind eh schon tot.

Was Metallica anzutreiben scheint, ist der dauerhafte Kampf zwischen James Hetfield und Lars Ulrich. Nightwish scheint da das genaue Gegenteil zu sein. 

Holopainen: Ich kenne in meinem persönlichen Umfeld Menschen, die Konflikt als Motor brauchen. Ich habe oft mit ihnen darüber gesprochen und es trotzdem nie verstanden. Ich reagiere allergisch auf Konflikte. 

Donockley: Das geht mir auch so. Ich verschwinde meist, wenn es einen Konflikt gibt. Das Schöne ist, dass wir bei Nightwish die Zeit miteinander wirklich genießen. Viele Bands genießen auf eine perverse Art Spannungen. Wir könnten so nicht leben. 

Holopainen: Eine perfekte Harmonie gibt es unter sechs Individuen nie. Aber wir alle ziehen aus Nightwish mehr als wir hineinstecken. Und das wissen wir sehr zu schätzen.

Warum hat es fünf Jahre bis zu diesem neuen Album gedauert? 

Holpainen: Es gab die Nostalgie-Tour und eine DVD. Aber wir haben die Pause einfach gebraucht. Ich fühlte mich nicht danach, Musik zu schreiben. Man sollte sich nie dazu zwingen, Kunst zu machen. Nichts Gutes entsteht so. Irgendwann öffnen sich dann die Fluttore – ein wunderbares Gefühl. 

Donockley: Ich kenne das Gefühl. Ich wache immer noch nachts auf und denke über die Musik nach. Was ginge noch besser? Wo können wir damit hin? Es hört nie auf. Das ist das Schöne und Spannende. Ein Traum. 

Holopainen: Manchmal ist es auch ein Fluch, weil man den Lärm nicht aus seinem Kopf bekommt. 

Donockley: Die Frage ist, ob man den Hahn zudrehen kann. Zum Glück kann ich das. 

Holpainen: Mir gelingt das nur ganz selten. Aber es ist ein tolles Gefühl, in diese Welt hineingezogen zu werden.

Wann war Ihnen klar, dass Sie ein Album mit zwei vollkommen verschiedenen Teilen machen werden? 

Holopainen: Am Ende der Demos, Ende Mai 2019. Wir hatten über 80 Minuten Material. Es war nicht der Plan von Anfang an, sondern schlicht physisch notwendig, alles auf zwei CDs zu packen.

Es ist mutig, als Metalband eine Doppel-CD zu veröffentlichen, auf dessen zweiter Hälfte gar kein Metal ist.

Donockley: Ich liebe das. 

Holopainen: Das hören wir oft. Ich finde nicht, dass es mutig ist. 

Donockley: Es steckt keine Ambition dahinter. Es musste einfach so gemacht werden. Im zweiten Teil des Albums fließen die vergangenen 20 Jahre zusammen. Es ist pur Nightwish. Wenn die Leute das nicht mögen, ist das okay. Und wenn sie es mögen, auch okay. 

Holopainen: Es ist für viele schwer zu verstehen, dass wir die Dinge bei Nightwish nicht kalkulieren und komplett durchdenken, bevor wir sie machen. Wir machen das, was die Lieder verlangen. 

Donockley: Es ist spannend, sich von der Muse leiten zu lassen. Dann muss man nur noch machen, was getan werden muss.

Wie definiert ihr Erfolg in Bezug auf eure Musik? 

Donockley (lacht): Überleben. 

Holopainen: Wenn jeder in der Band beim ersten Hören des fertigen Albums lächelt, ist es ein großer Erfolg. Es ist so ein Klischee, aber es interessiert mich wirklich nicht, was die Menschen außerhalb der Band über unsere Musik denken. Aber was die Bandmitglieder denken, ist mir sehr wichtig. Deswegen ist es immer ein bisschen nervenaufreibend, wenn sie es zum ersten Mal hören.

Wie lange dauert es, bis ihr Abstand zu den Liedern gewinnt. 

Holpainen: Unsere Decades-Tour war ein nostalgischer Trip in die Vergangenheit. Wir haben gemerkt, wie sehr wir uns entwickelt haben. Aber kein Lied war uns aus heutiger Sicht peinlich. Es hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, "Elvenpath" oder "The Carpenter" zu spielen. Auch wenn ich solche Lieder nie wieder schreiben werde. 

Donockley: Wir alle entwickeln uns. Dinge, die ich vor 20 Jahren gespielt habe, wirken heute naiv auf mich. Was nicht heißt, dass ich sie nicht mehr mag.

Einige Fans fürchten, dass die alten Songs nach der Decades-Tour nie mehr live gespielt werden. 

Holpainen: Auf einen großen Teil trifft das sicher zu, aber einige Stücke werden wir auch weiter live spielen. Just for fun. "The Carpenter" ist aber beerdigt. 

Donockley: Ghost Love Score gehört weiter in die Setlist. Wer zu den Rolling Stones geht, will ja auch "Brown Sugar" hören.

Nightwish berührt und bewegt so viele Menschen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was ist das Geheimnis?

Holopainen: Authentizität ist in der Kunst so wichtig. Mann kann naiv und unbeholfen sein, aber ohne Authentizität und eine Art von Unschuld geht es nicht. Das war immer schon die große Stärke von Nightwish. Und die Leite spüren es – zumindest unterbewusst. 

Dinockley: Die Idee hinter Nighwish ist eine der Fantasie und Poesie. Es ist nicht „Die Welt geht unter! Lasst uns noch einen draufmachen!“ Nicht in einer Herr der Ringe-Art, sondern irgendwie kosmisch. Schwer zu beschreiben. Deswegen hab ich auch keine Angst, dass die Fans die zweite Hälfte des Albums nicht hören wollen. Und wenn es nur einen gibt, der die CD im Dunkeln hört und sagt: „Das ist genau, was ich jetzt hören musste“, dann ist das schon genug.

Aber wie kann man so ein Album auf die Bühne bringen?

Holopainen: Naja, ich spiele die Harfe, er die Tuba. Floor singt im Hintergrund. 

Donockley: Du hast mir versprochen, dass ich das Saxophon spielen darf. 

Holopainen: Wir haben noch einen Monat für die Proben. 

Donockley. Brauchen wir gar nicht. Wir gehen einfach auf die Bühne und schauen, was passiert.

Und ernsthaft? 

Holopainen: Ich glaube nicht, dass wir den orchestralen Teil live spielen werden. Zumindest nicht auf dieser Tour. Obwohl es schon verlockend ist, auf die Hauptbühne des Wacken Festivals zu gehen und nur diesen orchestralen Teil zu spielen. (lacht)

Wie weit gehen die Pläne mit Nightwish? Gibt es ein Ablaufdatum für Symphonic Metal Bands? 

Donockley (lacht): Ablaufdatum? Den muss ich mir merken!

Holopainen: Man muss es Tag für Tag nehmen. So eine Band ist eine sehr komplizierte Maschine. Wir reiten sie so lange wie sie funktioniert.

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