Süchtig nach dem nächsten Bissen

Volksleiden „Essstörung“: Wenn Essen zur Droge wird finden Münchner hier Hilfe

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Wenn die Waage das Leben bestimmt, möchten die Food Addicts Anonymous Hilfe bieten.

Egal ob im Job, in der Familie oder im weiteren persönlichem Umfeld: Wenn der Stress Betroffene übermannt scheint ununterbrochenes Essen der einzige Ausweg zu sein...

München – „Hallo, mein Name ist Johanna und ich bin esssüchtig“ – mit diesem Geständnis beginnt jeder Mittwochabend für die 46-Jährige Johanna S. (Namen von der Redaktion geändert). 

Mit sieben begann ihre Leidensgeschichte: „Damals begann ich zuzunehmen, später war ich jahrelang übergewichtig, darauf hungerte ich mich mit extremen Diäten wieder runter“. Wochenlang aß sie nur Grapefruits und Eier. Dann begann der Teufelskreis von vorne. „Ich hatte Kleider in fünf Größen in meinem Schrank. Ich war am Boden zerstört, deprimiert und körperlich angeschlagen.“ Schließlich trat sie den „Anonymen Esssüchtigen in Genesung“ bei.

Vorbild sind die Anonymen Alkoholiker

Die Idee dieser Selbsthilfegruppe basiert auf den zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker. Die Mitglieder sind Menschen, die mehr als 175 Kilo wogen, magersüchtig sind oder Normalgewicht hielten, dabei aber krankhaft auf Essen und Diäten fixiert waren. 

„Unser Suchtmittel ist das Essen“, sagt die Münchnerin, die nun seit sechs Jahren erfolgreich ihr Gewicht hält. Zuerst nahm sie in Augsburg an den Treffen teil, seit fast genau einem Jahr trifft sie andere Esssüchtige in der Maxvorstadt. An ihrer Seite: ein sogenannter Sponsor – ein anderer Teilnehmer des Programms, der Hilfe und Rat bietet. Sowie ein strikter, mit Ärzten abgestimmter Essensplan, der Mehl und Zucker ausschließt.

„Wäre es nur eine Diät, würde ich es nicht schaffen“, sagt Johanna. Der Austausch mit anderen bringe den Erfolg. Angst, Zweifel und Unsicherheit sind passé. „Vor ein paar Jahren hätte ich niemals Präsentationen vor anderen gehalten.“ 

Heute wiegt sie sich einmal pro Monat – um sicherzugehen, dass der Ernährungsplan wirkt. Und auch ihr Familienleben änderte sich: „Früher habe ich mich hinterm Kühlschrank versteckt, damit meine Kinder nicht sehen, wie ich das Essen in mich hinein stopfe. Heute ist Ernährung der Bereich, wo ich das Gefühl habe, meinen Kindern das beste Vorbild zu sein.“

Tatsächlich Anzahl Betroffener ist kaum zu ermitteln

Wie viele Münchner von Essstörungen betroffen sind, lässt sich kaum einschätzen. „Nicht alle holen sich Hilfe und man sieht auch nicht jedem an, dass er essgestört ist“, sagt Stefanie R., eine andere Gruppenteilnehmerin. Mittlerweile ihr auch nicht mehr: In einem Jahr verlor die 37-Jährige rund 30 Kilo. 

„Wie oft ich gehört habe: Reiß dich doch einfach zusammen. Aber Esssucht ist eine Krankheit, die sich meiner Kontrolle entzieht.“ Jetzt vertraut sie auf ihr Sicherheitsnetz: „Ich stopfe mir keine Schokolade mehr rein, wenn mir Streit oder Stress im Job zu schaffen machen, sondern rufe meinen Sponsor an.“ 

Nicht rückfällig zu werden ist aber nicht die einzige Herausforderung. „Nur weil ich jetzt dünn bin, bin ich nicht glücklich“, sagt Stefanie. „Das wahre Glück kommt von innen.“ Daran arbeite sie noch – Tag für Tag, Mittwoch für Mittwoch.

Sebastian Obermeir

Hilfe bei Essstörungen

Erfahrungen teilen, Hoffnung schenken und sich gegenseitig unterstützen: Jeden Mittwoch von 19.30 bis 21 Uhr finden Treffen von „Food Addicts – Anonyme Esssüchtige in Genesung“ im Alten- und Service-Zentrum Maxvorstadt, Gabelsbergerstraße 55, statt. Mitglieder sind Frauen und Männer aus allen Altersgruppen. 

Wer an den kostenfreien Sitzungen teilnehmen möchte, kann sich jetzt informieren: Am Samstag, 19. Oktober, laden die Initiatoren in den Räumen des Alten- und Servicezentrums Maxvorstadt zu einer Informationsveranstaltung von 10.30 bis 12 Uhr.

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