Zum Abschied gibt’s kein Servus

Nach 30 Jahren verlässt Bürgermeisterin Christine Strobl das Rathaus – Ein Abschiedsinterview

Nach 30 Jahren im Einsatz für die Stadt und ihre Menschen verlässt Bürgermeisterin Christine Strobl das Rathaus
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Nach 30 Jahren im Einsatz für die Stadt und ihre Menschen verlässt Bürgermeisterin Christine Strobl das Rathaus.

Nach 14 Jahre hört Christine Strobl als Bürgermeisterin auf. Ihre Verabschiedung wurde abgesagt – wegen Corona. Worüber sie sich mehr Sorgen macht, lesen Sie im Abschiedsinterview.

  • Christine Strobl verlässt das Münchner Rathaus.
  • Die Bürgermeisterin beschloss im Oktober nicht mehr zu kandidieren.
  • Hallo hat sie zum Abschied noch einmal interviewt.

Nahbar, hartnäckig, verbindlich, fleißig, echt, normal – diese Worte fallen, wenn Münchner Christine Strobl beschreiben. Die 59-Jährige hat ihr halbes Leben im Rathaus gewirkt, 1990 bis 2005 für die SPD im Stadtrat, seitdem als Bürgermeisterin. „Ich musste lernen, dass sich München verändert – nicht nur so, wie ich mir das vorstellen würde“, erzählt die gebürtige Münchnerin, die in der Olympia-Pressestadt lebt. „Die Kunst besteht darin, dort mitzugestalten, auch wo man Dinge anders sieht.“ 

Bürgermeisterin Christine Strobl im Interview zu ihrem Abschied aus dem Münchner Rathaus

Dieser Pragmatismus, aber auch die Liebe zu ihrer Stadt machten sie so beliebt, dass sie 2006 zweite Bürgermeisterin wurde – als Mutter zweier Kinder (damals 7 und 12), die sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes 2003 alleine erziehen musste. Trotzdem kämpfte sie unermüdlich für die Münchner, auch als sie 2009 an Brustkrebs erkrankte. 

Im Oktober beschloss sie, 2020 nicht mehr zu kandidieren. Zum Abschied traf sie Hallo München ein letztes Mal im Rathaus. 

Frau Strobl, die Stadt ist im Krisenmodus und sie verlassen nach 14 Jahren als Bürgermeisterin das Rathaus. Denken Sie nicht, Sie würden gerade noch gebraucht?

Es ist generell schade, dass viele langjährige Kollegen jetzt aufhören. Fast 50 Prozent des Stadtrats sind neu. Und ich glaube, Erfahrung ist gerade in solchen Zeiten nicht schlecht. Klar hätte ich gerne versucht, Dinge durch die schweren Zeiten zu manövrieren. Auf der anderen Seite hatte ich gute Gründe aufzuhören: Mein Körper spürt die 30 Jahre in der Politik. Außerdem wollte ich mehr Zeit für die Familie - meine 88-jährige Mutter wohnt jetzt bei mir.


Den Ausblick auf den Alten Peter aus ihrem Büro im Rathaus wird Bürgermeisterin Christine Strobl sehr vermissen.

Wie geht es Ihnen persönlich in dieser Situation?

Es ist schon sehr merkwürdig. Ich mache mir gesundheitlich weniger Sorgen um mich als um meine Mutter und meine Kinder. Aber hauptsächlich denke ich an unsere Gesellschaft. Wie geht es weiter? Was macht es mit dem Zusammenleben an sich? Mit der Wirtschaft?

Hätten Sie eine Lösung parat?

Nein. Es müssen viele individuelle Dinge berücksichtigt werden. Man muss schauen, dass man gerade Menschen, die wenig verdienen, zum Beispiel in der Gastro oder im Einzelhandel, und die jetzt noch in Kurzarbeit sind, entlastet.

Der Kämmerer hat jetzt einen Plan aufgestellt, in welchen Bereichen die Stadt jetzt sparen muss. Machen Sie sich Sorgen um das von Ihnen angestoßene Schulbauprogramm über 6,8 Milliarden Euro?

Das, was auf den Weg gebracht worden ist, muss weitergeführt werden. Man muss vielleicht noch stärker darüber nachdenken, was zwingend erforderlich ist. Und ob man Vorhaben um ein, zwei Jahre schieben kann. Das muss der neue Stadtrat und die Stadtspitze abwägen. Ich denke aber, Schulen und Kindergärten werden weiterhin eine gewisse Priorität haben. Da muss man vielleicht nicht unbedingt an anderen Dingen festhalten.


Zum Beispiel?

Eine Gasteig-Sanierung in dem Umfang muss man in Frage stellen.


Ihr letzter Arbeitstag ist der 30. April. Wie verbringen Sie denn ihre letzte Woche im Amt?

Als Aufsichtsratsvorsitzende von Tierpark, Volkshochschule, Olympiapark und der MünchenStift bin ich in engem Austausch mit den Geschäftsführern. Sonst gibt es noch einen Feriensenat. Ansonsten räume ich mein Büro aus.


Wie wird Ihr Abschied aussehen?

Es hätte noch eine Verabschiedung der ausscheidenden Stadträte geben sollen nach der letzten Plenumssitzung. Aber beides musste abgesagt werden. Jetzt ist es halt ein bisschen ohne richtigen Schlusspunkt. Ein merkwürdiges Gefühl. Man sieht die Kollegen gar nicht mehr, obwohl man so viel Jahre miteinander verbracht hat. Ich hoffe, es wird nachgeholt.


Wo sehen Sie Ihre Spuren in den 14 Jahren als Bürgermeisterin?

Das Schulbauprogramm ist jetzt im Fokus, aber es ging vorher los im Bereich Kinderbetreuung. Dass da soviel Geld reinfließt, auch im freiwilligen Bereich der Stadt, habe ich mit zu verantworten. Und wenn ich in der Stadt rumfahre, gibt es Sachen, wo ich weiß, dieses Projekt gäbe es ohne mein ständiges Anschieben nicht. Grundstücke, die in städtischer Hand geblieben sind – Deisenhofener Straße, Belgradstraße, Müllerstraße. Das letzte war das so genannte MK 6 in Sendling, das jetzt endlich bebaut wird.


Was hätten Sie noch gerne angestoßen?

Ein Informationszentrum zu den Olympischen Spielen 1972 am ehemaligen Busbahnhof, Olympiazentrum, das gesellschaftliche Auswirkungen und Hintergründe dieser Spiele beleuchtet hätte. Kulturprogramm um die Spiele herum, Auswirkungen auf die Stadt, aber auch auf die Bundesrepublik. Da hätte man viel über Stadtentwicklung und gesellschaftliche Entwicklung vermitteln können. Dafür habe ich im Stadtrat im Dezember 2018 keine Mehrheit gefunden. Am ehemaligen Busbahnhof.


Sie und Ihr Büro haben in der Zeit 40 000 Bürgeranfragen beantwortet. Was sind die größten Sorgen der Münchner?

Als ich angefangen habe, war das Thema Kinderbetreuung sehr stark. Mittlerweile ist das Thema Wohnen und Mieten immer mehr geworden. Aber es kommen Anfragen zu allen möglichen Sachen - manche schreiben, weil ihre Heizung kaputt ist oder sie Gebühren für ihren VHS-Kurs zurückwollen. Manche sind verzweifelt, weil es um ihre Existenz geht. Aber wir haben gemerkt, es schreiben nicht unbedingt die, die am meisten Unterstützung benötigen.

Was haben Sie aus Ihrer Zeit in der Politik gelernt?

Für mich als gebürtige Münchnerin war viel aus der Kindheit und Jugend prägend. Ich musste lernen, dass sich München verändert - nicht nur so, wie ich mir das vorstellen würde. Die Kunst besteht darin, dort mitzugestalten, auch wo man Dinge anders sieht. Neue Entwicklungen zu akzeptieren und sie so positiv wie möglich zu gestalten für die, die nicht die Möglichkeiten haben, aktiv am Veränderungsprozess teilzunehmen.

Interview von Maren Kowitz

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