Inhaftiert und isoliert?

Nach Aufschrei in Straubing – So streng sind die Regeln in München-Stadelheim

Das Gefängnis Stadtelheim in München von innen.
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In München im Stadelheim haben sich die Regeln seit der Pandemie sogar noch verschärft.

Der Aufschrei in Straubing war groß. Gefangene starteten eine Petition für mehr Telefonzeit. Im Münchner Gefängnis Stadelheim gelten zum Teil noch strengere Regeln. Hallo hat den Chef von Stadelheim, Michael Stumpf, interviewt...

  • In Straubing haben Gefangene eine Petition gestartet.
  • So streng sind die Regeln in München-Stadtelheim.
  • Gefängnis-Chef Michael Stumpf im Interview mit Hallo...

MÜNCHEN – Petition aus dem Knast: In Straubing ist der Aufschrei groß. Gefangene haben sich organisiert und eine Petition gestartet – sie klagen darüber, dass 120 Minuten telefonieren pro Jahr zu Isolation und Entfremdung führen.

Im Münchner Gefängnis Stadelheim gelten zum Teil noch strengere Regeln. Warum die Justiz das für nötig hält, wann Kontakt ganz verboten ist und wie die Pandemie die Regeln dazu auch noch verschärft hat, verrät der Chef von Stadelheim, Michael Stumpf im Interview.

Herr Stumpf, reichen zwei Stunden Telefonieren pro Jahr?

Grundsätzlich habe ich Verständnis für die Straubinger Gefangenen, die damit argumentieren, dass sie soziale Bindungen aufrechterhalten wollen und deswegen mehr Telefonate fordern. In Stadelheim haben wir aber ganz grundlegend andere Rahmenbedingungen. 70 bis 75 Prozent unserer Gefangenen sind in Untersuchungshaft, der Gerichtsprozess steht ihnen also noch bevor.

Michael Stumpf, der Chef von Stadelheim im Interview mit Hallo München.

Warum ist das so grundlegend anders?

Häftlinge könnten versuchen, die Verhandlung zu beeinflussen, indem sie mit Zeugen sprechen oder sich absprechen. Außerdem besteht häufig Flucht- und manchmal Wiederholungsgefahr. Gericht oder Staatsanwaltschaft geben uns deshalb vor, inwiefern Kontakt erlaubt oder verboten ist.

Wir hätten aber allergrößte Schwierigkeiten, mehr Telefonate überhaupt durchzuführen. Denn als U-Haftanstalt müssten wir nicht nur überprüfen, worüber gesprochen wird, sondern auch, wer am anderen Ende der Leitung sitzt. Vermeintlich ganz banal klingende Sätze können der Versuch sein, Verfahrensabsprachen zu treffen oder verbotene Gegenstände in die Anstalt zu schmuggeln.

Was wäre so ein banaler Satz?

Wir haben Häftlinge, die Drogen nehmen oder damit handeln. Man muss aufpassen, wenn einer am Telefon so etwas sagt: „Sag der Oma, sie soll mir nächstes Mal fünf Hemden mitbringen.“ Das kann bedeuten: „Schmuggel’ mir nächstes Mal fünf Tabletten mit rein.“

Es gab schon Inhaftierte, die noch aus dem Gefängnis heraus versucht haben, ihre Opfer zu bedrohen. Stalker, die ihrer Ex das Leben zur Hölle machen wollen.

Michael Stumpf

Also muss alles überwacht werden. Wären mit mehr Personal mehr Telefonate möglich?

Nicht unbedingt. Wir haben während der Corona-Phase gesehen, wie kompliziert das alles ist. Wir bräuchten zum Beispiel zusätzliche Telefonleitungen, die wir wegen des Brandschutzes aber nicht verlegen können. Wir haben Mobiltelefone gekauft. Die Beamten sind damit zu den Gefangenen gegangen. So konnten sie wenigstens 15 Minuten telefonieren, wenn Besuch schon nicht möglich war.

Aber es gibt sicher auch Fälle, bei denen Kontakt positiv ist?

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen wir versuchen, so großzügig wie möglich Kontakt einzuräumen. Etwa, wenn ein Kind Probleme entwickelt, weil der Vater nicht da ist. Oder wenn Angehörige schwer krank sind.

Nicht selten kommen Inhaftierte aus schwierigen sozialen Verhältnissen und brauchen da Unterstützung. Wir hatten schon den Fall, dass der Inhaftierte einen Imbiss betreibt und die Familie von dem Geschäft lebt. Da muss geregelt werden, wie es mit dem Laden weitergeht.

Michael Stumpf

Wie haben die Häftlinge auf die zusätzlichen Einschränkungen wegen Corona reagiert?

Viele haben sich Sorgen um Angehörige gemacht und umgekehrt. Ich bin durch die Stationen gegangen und habe mit Inhaftierten, die ich seit Jahren kenne, gesprochen, um heraus zu finden, wie die Stimmung ist. Die meisten hatten Verständnis für strengere Regeln. Oder sie haben von sich aus gesagt: Ich will gar nicht, dass meine Angehörigen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, um mich zu besuchen.

Schwierig war es nur, als die Gefangenen der Freigängerabteilung außerhalb der Anstalt zur Arbeit gehen, aber am Wochenende nicht bei ihrer Familie übernachten durften. Das war seit Juli wieder möglich – jetzt gerade am Wochenende ist es wegen der höheren Infektionszahlen verboten. Wir hoffen, dass sich die Situation bald wieder bessert.    

Stadelheim: Wer hier inhaftiert ist

Derzeit sind in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim 1158 Menschen inhaftiert – etwa 350 weniger als sonst. Darunter sind 109 Frauen und 14 im Jugendarrest. 70 bis 75 Prozent der Gefangenen befinden sich in Untersuchungshaft.

Nur in zwei Trakten sind Strafgefangene, in den sozial­therapeutischen Haftanstalten für Gewalt- oder Sexual-Straftäter. In Straubing sitzen 800 Männer in Strafhaft.

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Hanni Kinadeter

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