Schulden in München sinken

Münchens Schulden-Viertel: Trotz Pandemie ist Lage relativ gut – warum sich das jedoch bald ändern könnte

Nur 5,1 Prozent der Obermenzinger sind überschuldet. Damit hat der Stadtteil die niedrigste Quote in München. Schlusslicht ist die Altstadt mit 14,8 Prozent.
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Nur 5,1 Prozent der Obermenzinger sind überschuldet. Damit hat der Stadtteil die niedrigste Quote in München. Schlusslicht ist die Altstadt mit 14,8 Prozent.
  • Andreas Schwarzbauer
    vonAndreas Schwarzbauer
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Trotz Pandemie fällt die Schulden-Bilanz für München leicht besser aus als im Vorjahr. Warum es jedoch gleich mehrere Alarmsignale für eine kommende Verschlechterung gibt.

München - Obwohl die Corona-Pandemie 2020 für einen Wirtschaftseinbruch sorgte, waren weniger Münchner als im Vorjahr überschuldet. Das zeigt der Schuldneratlas des Auskunfts- und Inkassounternehmens Creditreform.

Dennoch bestehe Grund zur Sorge. „Die Zahlen können nicht die komplette Realität abbilden“, sagt Geschäftsführer Philipp Ganzmüller.

108 200 Privatpersonen waren im vergangenen Jahr in München überschuldet. Das bedeutet, dass sie dauerhaft mehr Geld ausgeben als einnehmen. Ihre Zahl ist 2020 um 1,7 Prozent gesunken. Damit sind 8,2 Prozent der Münchner überschuldet. Deutschlandweit sind es 9,9 Prozent.

Dennoch warnen Ganzmüller und sein Kollege Patrik-Ludwig Hantzsch vor der weiteren Entwicklung. Eine Verbraucherbefragung habe gezeigt, dass vier von zehn Haushalten wegen der Pandemie Einkommenseinbußen hätten.

Jeder Vierte befürchtet zudem, dass er in den nächsten zwölf Monaten Verbindlichkeiten möglicherweise nicht bezahlen kann. „Wir gehen davon aus, dass rund 26 000 Münchner mehr als überschuldet zu betrachten sind, als der Schuldenatlas ausweisen kann.“

Darum kann der Schuldneratlas tatsächliche Lage nicht abbilden

Ein Grund dafür sei, dass die Menschen mehr sparen und es durch den Lockdown weniger Möglichkeiten gibt, Geld auszugeben. „Dieser Effekt ist zeitlich begrenzt, die Verbraucher haben aber langfristig weniger in der Tasche“, so Hantzsch.

Größter Treiber einer Überschuldung sei der Arbeitsplatzverlust. Durch die massiven Schutzmaßnahmen der Bundesregierung hätten die Arbeitsverhältnisse aber bisher weitgehend stabil gehalten werden können. Die Zahl der Insolvenzen sei im Vergleich zum Vorjahr sogar stark gesunken.

Ein Grund ist, dass die Pflicht zum Anzeigen einer Insolvenz noch bis Ende April ausgesetzt ist. „Die Maßnahmen sind aber nur Schmerzmittel und keine Therapie. Wir gehen davon aus, dass es eine lange Welle ansteigender Arbeitslosigkeit geben wird.“

Das befürchtet auch Sozialreferentin Dorothee Schiwy: „Wir sind in der Sozialverwaltung aufgrund der Situation hoch alarmiert und befürchten, dass sich die Folgen noch lange zeigen werden.“ Die städtische Schuldner- und Insolvenzberatungen verzeichneten bereits jetzt einen riesigen Anstieg an Anfragen.

Seien es 2019 noch 2600 gewesen, hätten sie sich vergangenes Jahr auf 5600 mehr als verdoppelt. Die Stadt habe daher drei zusätzliche Stellen geschaffen.

Alter der Verschuldeten gibt weiteren Grund zur Sorge

„Eine ähnliche Explosion gab es bei den Anträgen auf Sozialwohnungen und Wohngeld“, so Schiwy. Für viele Münchner sind zudem die hohen Mieten problematisch. Mehr als ein Drittel befürchtet – auch wegen finanziellen Einbußen durch Corona – die Kosten für die Wohnung bald nicht mehr bezahlen zu können.

Dennoch bleibt München bei der Überschuldung im Vergleich der 16 Landeshauptstädte auf dem zweitbesten Platz.
Die Leiterin der Schuldnerberatung, Erika Schilz, ergänzt, dass vermehrt Beschäftigte mit mittleren Einkommen nicht mehr in der Lage seien, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Zudem habe der Bedarf an psychosozialer Hilfe zugenommen.

Einen weiteren Grund zur Sorge gibt es beim Blick auf das Alter der Schuldner. Bei den Über-70-Jährigen habe die Überschuldung deutlich zugenommen.

„Sie machen zwar mit 4,7 Prozent noch einen niedrigen Anteil aus, aber die Chance, dass sie die Schulden zurückzahlen können, ist begrenzt“, sagt Hantzsch. Hinzu komme, dass ihre Schulden deutlich höher seien als bei Jüngeren.

So überschuldet sind die Stadtteile

Anteil der Bewohner, die überschuldet sind:

  • 1. Obermenzing: 5,1
  • 2. Daglfing: 5,4
  • 3. Solln: 5,4
  • 4. Englschalking 5,4
  • 5. Trudering-Riem 5,6
  • 6. Harlaching 5,6
  • 7. Nymphenburg 5,6
  • 8. Thalkirchen 5,7
  • 9. Schwabing-West 6,1
  • 10. Au 6,2
  • 11. Oberföhring 6,3
  • 12. Bogenhausen 6,5
  • 13. Neuhausen: 6,8
  • 14. Lehel 6,9
  • 15. Johanneskirchen: 7,0
  • 16. Schwabing-Ost: 7,1
  • 16. Allach-Untermenzing: 7,1
  • 16. Haidhausen: 7,1
  • 19. Hadern: 7,2
  • 20. Isarvorstadt: 7,4
  • 20. Maxvorstadt: 7,4
  • 22. Südgiesing: 7,7
  • 23. Fürstenried-West: 7,8
  • 24. Forstenried: 7,9
  • 25. Aubing: 8,0
  • 25. Feldmochnig-Ludwigsfeld: 8,0
  • 27. Sendling-West: 8,1
  • 27. Freimann: 8,1
  • 27. Laim: 8,1
  • 30. Pasing: 8,5
  • 30. Perlach: 8,5
  • 32. Sendling: 8,6
  • 33. Moosach: 8,8
  • 34. Untergiesing: 9,0
  • 35. Am Riesenfeld: 9,1
  • 36. Obersendling: 9,3
  • 37. Schwanthalerhöhe: 9,5
  • 38. Aubing-Süd: 9,5
  • 39. Obergiesing: 10,1
  • 40. Berg am Laim 10,7
  • 41. Hasenbergl-Lerchenau: 10,8
  • 42. Milbertshofen: 11,2
  • 43. Ludwigsvorstadt: 11,3
  • 44. Trudering-Riem 11,9
  • 45. Ramersdorf 12,6
  • 46. Am Hart 13,9
  • 47. Altstadt: 14,8

A. Schwarzbauer

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