Mit der Angst im Einsatz?

 „Sogar das soziale Umfeld und die Familie wird bedroht“ – Wie Polizeischüler auf den Einsatz vorbereitet werden

Bei Großveranstaltungen wie der Demo auf der Theresienwiese sind Polizisten zu ihrem Schutz nicht alleine im Einsatz.
+
Bei Großveranstaltungen wie der Demo auf der Theresienwiese sind Polizisten zu ihrem Schutz nicht alleine im Einsatz.

Die Gewaltbereitschaft gegen Beamte steigt. Der Chefausbilder der Polizei klärt auf, was Polizeischüler in Anbetracht der steigenden Gewalt lernen.

  • Anstieg von Gewalt gegen die Polizei.
  • Ein Chefausbilder erklärt, wie Polizeischüler darauf vorbereitet werden.
  • So werden Polizisten in Bayern ausgebildet.

Nicht erst seit Stuttgart zeigt sich: Die Gewaltbereitschaft gegen Beamte steigt. Auch in München. Beleidigungen, Widerstand, tätliche Angriffe. 1409 Fälle gab es hier im letzten Jahr. Neu ist ihre Aggressivität. „Sogar das soziale Umfeld und die Familie wird bedroht“, sagt Gerd Enkling, Chefausbilder bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei. „So etwas gab es früher nur im schwerkriminellen Bereich.“ 

Wie ergeht es in Anbetracht dieser Entwicklungen Beamten, die frisch von der Polizeischule kommen? „Angst ist kein guter Begleiter“, weiß Enkling. „Die Ausbildung gibt Selbstsicherheit und Vertrauen in die eigenen Kompetenzen.“ Vorsichtiger seien die Beamten aber geworden. 

„Man weiß nicht, ob man mit einem unbescholtenen Bürger oder einem, der ein Messer zückt, spricht.“ Deshalb werde Distanz gewahrt. Aber: „Die Polizisten dürfen nicht davon ausgehen, dass jeder, den sie vor sich haben, ein Verbrecher ist.“ Ziel ist es, für Verständnis zu sorgen. 

„Aufgrund der steigenden Gewalt gegen die Polizei sind die Beamten vorsichtiger geworden.“ Gerd Enkling, Chefausbilder der Bayerischen Bereitschaftspolizei

Ein wichtiger Aspekt der Ausbildung sei daher die Kommunikation

Wie kommt man ins Gespräch, wie deeskaliert man eine Situation, welche Fragetechniken gibt es. „Wir schulen, wie man mit Konflikten umgeht, wir zeigen Videos, in Beispielen erleben die Polizeischüler diese Situationen.“ 

Und wie sollen sie reagieren, wenn es im Einsatz brenzlig wird? „So sanft wie möglich, so robust wie nötig.“ Lebenswichtige Punkte wie Kopf oder Hals seien aber tabu. „Wir lehren, die Körperachse unter Kontrolle zu kriegen. Ein Beamter greift die Hüfte, ein anderer die Schultern. Die angewandte Gewalt muss der Gefahr angemessen sein.“ 

Es sind aber nicht nur körperliche Auseinandersetzungen, die die Polizei meistern muss. Auch Beleidigungen seien alles andere als harmlos. Immer einen kühlen Kopf zu bewahren, sei nicht einfach, räumt Enkling ein. „Wir wollen Menschen ausbilden, keine Automaten“. 

Belastet eine Situation im Nachhinein zu sehr, stehen Polizeiseelsorger für Gespräche zur Verfügung.

Speziell am Anfang der Karriere wirke zudem oft der Kollegenschutz – niemand gehe alleine auf Streife. „Die Polizisten wissen, dass sie nicht allein sind. Wenn sich einer angegriffen fühlt, kann der andere übernehmen.“ 

Bei strittigen Einsätzen helfen Bodycams, die Seite der Polizei zu zeigen. „Twitter-Videos beginnen oft erst, wenn der Schlagstock zum Einsatz kommt. Was davor war, zeigen sie nicht.“ Außerdem würden sich viele Angreifer defensiver verhalten, wenn sie wissen, dass sie gefilmt werden. Und dann kann die Polizei wieder auf das setzen, was das Wichtigste für sie sei: die Kommunikation.

So werden bayerische Polizisten ausgebildet

Nicht nur Schusstraining und Selbstverteidigung, auch Kommunikationstraining, Menschenrechte und Berufsethik sind wichtige Themen der zweieinhalbjährigen Ausbildung. „Im internationalen Vergleich zeigt sich, wie aufwendig unsere Polizeiausbildung ist“, sagt Gerd Enkling. Geschult werden die Anwärter an Standorten der bayerischen Bereitschaftspolizei.

so

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

„Ich bin vorsichtiger geworden" – Rabbi aus München versteckt nach antisemitischem Attacke seine Kippa
„Ich bin vorsichtiger geworden" – Rabbi aus München versteckt nach antisemitischem Attacke seine Kippa
Buntes „Gefängnis“ am Luise-Kiesselbach-Platz – Künstler gestaltet  SWM-Häuschen 
Buntes „Gefängnis“ am Luise-Kiesselbach-Platz – Künstler gestaltet  SWM-Häuschen 

Kommentare