Glücklich ohne „Superdaddy“

Freidenker im EineWeltHaus: Münchner Ortsverband des „Bund für Geistesfreiheit“ wird 150 Jahre alt

Für ein friedliches Miteinander: Früher war er „Krawall-Atheist“, heute beschreibt er sich als praktischer Humanist – Michael Wladarsch, Vorsitzender des „Bund für Geistesfreiheit München“.
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Für ein friedliches Miteinander: Früher war er „Krawall-Atheist“, heute beschreibt er sich als praktischer Humanist – Michael Wladarsch, Vorsitzender des „Bund für Geistesfreiheit München“.

Heute wird der „Bund für Geistesfreiheit“ 150 Jahren alt. Hallo hat mit dem Vorsitzenden des Münchner Ortsverbands, Michael Wladarsch, über die größten Erfolge des Bunds gesprochen.

  • Am 28. Oktober wird der Münchner Ortsverband 150 Jahre alt.
  • Hallo hat mit dem Vorsitzenden des Bunds für Geistesfreiheit gesprochen.
  • Das waren die bisher größten Erfolge des Ortsverbands...

München – Michael Wladarsch hat sich schon lange von Gott verabschiedet: „Ich brauche keinen Superdaddy, der in mein Herz oder mein Hirn schaut. Das ist eine gruselige Vorstellung.“

Vor etwa zehn Jahren hat sich der heute 59-jährige Grafikdesigner dem „Bund für Geistesfreiheit“ (bfg) angeschlossen und ist heute Vorsitzender des Münchner Ortsverbands (s. unten). „Wir verstehen uns als Sprachrohr für Konfessionsfreie, Agnostiker aber auch Atheisten“, erklärt der Schwabinger.

Am Mittwoch, 28. Oktober, wird der Münchner Ortsverband 150 Jahre alt. Gefeiert wird Samstag, 31. Oktober, im EineWeltHaus (s. unten).

Die Jubiläumsfeier kann aufgrund von Corona nur eingeschränkt stattfinden

„Aufgrund der Situation finden die Feierlichkeiten reduziert statt“, sagt Wladarsch. „Eigentlich wollten wir ein großes Galafeuerwerk machen, einen Tanz um Mitternacht und Angela Merkel hätte Grußworte gesprochen.“ Naja, das mit der Bundeskanzlerin sei vielleicht etwas weit hergeholt – eine Party trotz Tanzverbot an Allerheiligen hingegen nicht.

Denn der wahrscheinlich größte Erfolg des Bunds bisher: „2016 hat das Bundesverfassungsgericht auf unseren Antrag hin das totale Tanzverbot in Bayern am Karfreitag für verfassungswidrig erklärt“, sagt Wladarsch. Zwar gilt dies bislang eingeschränkt und nicht für andere „Stille Tage“, doch daran arbeite man.

„Ohne den Status als Körperschaft hätten wir das vermutlich nicht geschafft“, so Wladarsch. Denn als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist der „bfg“ den Religionsgemeinschaften rechtlich gleichgestellt.

Mittlerweile werden Vertreter des „bfg“ auch in den Landtag eingeladen, um zu religiösen Themen Stellung zu nehmen. Das Problem: „Wir brauchen dringend mehr Mitglieder“, sagt Wladarsch. Der bayerische Dachverband umfasst etwa 8000 Mitglieder, in München sind es ungefähr 2000.

Die Politik sieht in uns kein Wählerpotenzial. Dabei gibt es immer weniger Religionszugehörigkeit, die Kirchenaustritte werden immer mehr.

Michael Wladarsch 

Wer überlegt, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun, der kann beim monatlichen „Gottlosenstammtisch“ vorbeischauen (s. unten). „Wir stehen für Toleranz und Menschlichkeit, für eine bessere Welt. Ideologien stehen dem fürchterlich im Weg. Diese müssen kritisiert und entlarvt werden“, sagt Wladarsch.

Der „bfg“ fordert eine strikte Trennung von Kirche und Staat

Ihr aktueller Kampf: „Wir klagen gegen das Söder-Kreuz“, sagt Assunta Tammelleo, stellvertretende Vorsitzende des Münchner Ortsverbands. „Durch die Anbringung von Kreuzen im Eingangsbereich staatlicher Dienststellen fühlen wir uns in unseren Grundrechten verletzt.“

Sie pocht auf die Einhaltung der staatlichen, religiösen und weltanschaulichen Neutralität – „notfalls wieder durch alle Instanzen.“

150 Jahre feiert der Bund für Geistesfreiheit München am Samstag, 31. Oktober, im EineWeltHaus, Schwanthalerstraße 80. Beginn ist um 19 Uhr, Eintritt frei. Aufgrund der Corona-Auflagen sind alle Plätze bereits vergeben. Anmeldung für die Warteliste unter presse@bfg-muenchen.de. Die Veranstaltung wird aufgezeichnet und Interessierten im Nachgang zur Verfügung gestellt.

Stammtisch der Gottlosen

Der Gottlosenstammtisch ist der Treffpunkt für Religionsfreie, Agnostiker, Atheisten, Skeptiker und Humanisten in München und der Umgebung. Er findet regelmäßig jeden vierten Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr im Hotel & Café Mariandl, Goethestraße 51, statt – natürlich unter Beachtung der aktuellen Hygieneschutzbestimmungen. 

Jeden vierten Donnerstag im Monat findet der Gottlosenstammtisch im Hotel & Café Mariandl statt.

150-jähriges Bestehen des Ortsverbands auch „unrühmlicher“ Vergangenheit geschuldet

„Die Wurzeln der Freigeister liegen in der Revolution von 1848“, sagt Dietmar Freitsmiedl vom bfg. „Auslöser war der Bischof von Trier, der den Heiligen Rock von Jesus im Dom ausstellen wollte. Ein Kaplan hat einen Protestbrief geschrieben, in dem er die herrschaftlichen Zustände kritisierte – es war ein Frontalangriff gegen die Monarchen.“

Durch den Aufruhr bildeten sich freie Gemeinden, die die Opposition zu den Monarchien darstellten. „Mit dem Scheitern der Revolution wurden diese wieder verboten.“ 1870 wurde dann die freireligiöse Gemeinde in München gegründet.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im 20. Jahrhundert wurden die meisten Gemeinden erneut verboten. „München bildet leider eine wenig ruhmreiche Ausnahme – man passte sich an“, so Freitsmiedl. „In diesem Punkt werden wir künftig noch Aufarbeitungsarbeit leisten.“ 

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Daniela Borsutzky

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