Startschuss bei Inzidenz 35?

München schafft kritische Corona-Marke: OB und Handel drängen auf Öffnungen

Seit zehn Wochen ist München im Lockdown, jetzt werden Lockerungen gefordert.
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Seit zehn Wochen ist München im Lockdown, jetzt werden Lockerungen gefordert.
  • Marie-Julie Hlawica
    vonMarie-Julie Hlawica
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Zum aktuellen Stand von Gastro, Handel und Co. im Corona-Lockdown in München. Jetzt werden Öffnungs-Forderungen mehr denn je gestellt.

  • München erreichte am 16. Februar eine Inzidenz von 34,4.
  • Nun fordern OB Dieter Reiter und der Münchner Handel Lockerungen.
  • Der aktuelle Stand von Gastro, Handel und Co in München.

München - Endlich wieder durch die Innenstadt bummeln, shoppen und Kaffee trinken – nicht nur die Münchner sehnen sich danach. Jetzt, da die Inzidenzzahlen sinken, sind Lockerungen möglich: Die Friseure dürfen wieder öffnen, Handel und Gastronomie sollen folgen.

München verzeichnet sogar geringere Inzidenzzahlen als Bayern im Schnitt – Stand 16. Februar verzeichnete unsere Stadt einen Wert von 34,4. Deshalb fordern nun nicht nur die lokalen Einzelhändler und Gastronomen (siehe unten) weitere Lockerungen, auch Oberbürgermeister Dieter Reiter drückt aufs Tempo:

Sollte sich der Trend weiter fortsetzen und die Zahl der Neuinfektionen stabil niedrig bleiben, muss man über weitere Lockerungen nachdenken.

OB Dieter Reiter

Seit Mitte Dezember ist München im verordneten Tiefschlaf. Bernd Ohlmann, Sprecher vom Handelsverband Bayern, klagt: „Die Öffnung der Geschäfte ist längst überfällig. In Bayern haben wir mit FFP2-Maske, Impfung und Hygienekonzepten alles erfolgreich umgesetzt. Eine Handels-Öffnung bei stabil niedriger 7-Tage-Inzidenzzahl von unter 35 wäre aus meiner Sicht verhältnismäßig.“

Auch der OB hat sich schon für die Rückkehr zur Normalität eingesetzt: „Ich hatte bereits letzte Woche, im Vorfeld der Ministerpräsidentenkonferenz, mit dem bayerischen Ministerpräsidenten über Themen wie etwa die Erhöhung der zulässigen persönlichen Kontakte oder die teilweise Öffnung, beispielsweise des Einzelhandels, der Gastronomie oder von Kultureinrichtungen und im Breitensport, gesprochen.“

Die münchenweite Ausgangssperre ist bereits aufgehoben. Reiter ist auch für Öffnungen in Gastronomie und Handel in der Landeshauptstadt: „Wenn die Zahl der Neuinfektionen weiter zurückgeht, wie derzeit in München, müssen Lockerungen dringend auf die Tagesordnung der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz Anfang März.“

Aufatmen bei Friseuren

„Die Friseure machen sich für ihre Kunden bereit“, freut sich der Münchner Landesinnungsmeister Christian Kaiser, denn Salons dürfen unter strengen Auflagen am 1. März wieder öffnen. Kaiser vertritt rund 2000 gelernte Friseure in 400 Münchner Betrieben:

„Wir waren zehn Wochen geschlossen, es wird Zeit, dass wir öffnen.“ „Geschnitten wird mit besonderen Hygienemaßnahmen und nur mit Termin.“ Aktuell gilt dann auch folgende Verordnung: „Der Kunde ist verpflichtet, eine FFP2-Maske zu tragen, der Friseur benötigt eine medizinische Mund-Nasen-Bedeckung.“

Münchner Landesinnungsmeister: Christian Kaiser.

Gastro fordert klaren Kurs

Gregor Lemke, Sprecher der Innenstadtwirte: „Wir wollen verlässliche Strategien und klare Vorgaben der Politik.“ Hygienekonzepte, Wegeführung, Mindestabstand – alles wurde von der Gastronomie umgesetzt: „Trotzdem mussten wir wieder schließen.“

Noch einmal Auf-und-Zu kommt für Lemke nicht in Frage: „Das ist betriebswirtschaftlich nicht stemmbar, viele warten noch auf die Überbrückungshilfe.“ Lemke hofft auf eine Öffnung Anfang April: „Das bayerische Lebensgefühl mit Wirtshausbesuchen und Biergärten liegt in unserer DNA.“

Gregor Lemke, Sprecher der Innenstadtwirte.

Handel in den Startlöchern

„Schon jetzt leben die meisten Einzelhändler in der Fußgängerzone nur von ihren Krediten, die Liquidität wird knapp, die staatlichen Hilfen reichen nicht. Es muss wieder Geld eingenommen werden“, sagt Wolfgang Fischer vom Händlerverband City Partner.

„Fällt der Lockdown, kann sich der Handel innerhalb von drei bis fünf Tagen auf die Kunden vorbereiten.“ Da die Fußgängerfrequenz schon vor dem zweiten Lockdown stark gesunken ist, glaubt Fischer nicht an überfüllte Gassen: „Touristen, Messebesucher oder Tagesgäste von außen fehlen.“ 

Wolfgang Fischer vom Händlerverband City Partner.

Brandbrief eines Einzelhändlers - Kurzversion

Vor einer „Pleitewelle des Einzelhandels“ warnt Manfred Herz, Einzelhändler und Immobilieninvestor in München und im Landkreis Starnberg – und hat sich in einem Brandbrief an Markus Söder und die Medien gewandt.

Seine konkrete Forderung an den Ministerpräsidenten: „Erlauben Sie bis spätestens Mitte März der Gastronomie, kulturellen Einrichtungen und dem Einzelhandel mit bewährtem Hygienekonzept wieder zu öffnen!“ Andernfalls drohe eine dauerhafte Verödung der Innenstädte und eine „beispiellose Pleitewelle in weiten Teilen unserer mittelständischen Wirtschaft“.

Herz kritisiert vor allem eine Ungleichbehandlung. Seine Heimwerkermärkte müssten beispielsweise geschlossen bleiben, obwohl dort üblicherweise 40 bis 80 Quadratmeter auf jeden Kunden kämen, während in großen Supermärkten, deren Sortiment weit über Lebensmittel hinausreiche, zehn Quadratmeter je Kunde ausreichend seien.

Der originale Brandbrief des Einzelhändlers (Langversion):

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Söder,

große Teile unseres Einzelhandels stehen vor einer existenzbedrohenden Situation. Selbst Unternehmen, die vor Beginn der Pandemie solide und nachhaltig aufgestellt waren, geraten in der Zwischenzeit in Schieflage. Sollte es nicht bald zu einer grundlegenden Änderung der Schließungsanordnung von allen Einzelhändlern, außer Lebensmittel SB Märkten und Drogeriemärkten kommen, droht der Verlust an einer Kulturlandschaft aus Einzelhandel, Restaurants, Cafès etc.

Mehrere hunderttausend Unternehmen und deren Millionen Mitarbeiter, die zufällig das falsche Segment im Einzelhandel bedienen (Mode, Schuhe, Baumärkte, Facheinzelhandel, etc.), dürfen auf unbestimmte Zeit ihren Beruf nicht mehr ausüben.

Kein verantwortungsvoller Unternehmer stellt infrage, dass überzeugende Hygienemaßnahmen nötig sind. Die Beschlüsse zur erneuten Verlängerung des Lockdowns sind eine bedenkliche Resignation der Politik. Als Krönung wurde jetzt zudem noch der monatelang angestrebte Inzidenzwert von 50, bei dem es endlich Lockerungen geben soll, auf 35 herabgesetzt. Damit hat die Politik ohne Rücksicht auf breite Berufsgruppen ein Versprechen gebrochen.

Wann in Bayern ein Inzidenzwert von 35 erreicht wird, ist nebulös. Dies ist das Gegenteil einer echten Öffnungsstrategie und zeigt nicht die Spur von Verlässlichkeit.

Wirtschaft braucht Perspektiven und unser Land braucht den Mittelstand, um auch in Zukunft in Wohlstand zu leben. Nach einem Jahr Corona ist es Zeit, über das Leben mit der Pandemie zu sprechen und neue Lösungen zu erarbeiten, da wir vermutlich auf Dauer mit dem Virus leben müssen. Das Argument der Alternativlosigkeit zu den momentanen Maßnahmen ist ein Eingeständnis der Resignation unserer Politiker.

Ich als Unternehmer verstehe, dass man umsichtig sein muss, aber Sie können doch nicht zehntausenden von Einzelhändlern, Gastwirten und anderen Selbständigen ihre Existenzgrundlage und Perspektive nehmen.

Viele Mitbürger glauben, dass die Unternehmer alle Ausfälle ersetzt bekommen. Diese Behauptung trifft nicht zu. Im besten Fall wird ein Teil der festen Kosten ersetzt (Miete, Nebenkosten etc.), niemals jedoch der Gewinn des Unternehmens.

Politiker, Beamte und ein Großteil aller Arbeitnehmer erhalten unverändert ihr volles Gehalt. Aus dieser komfortablen Situation kann man die Verlängerung des Lockdowns entspannt diskutieren. Hunderttausende Mitarbeiter im Nonfood-Einzelhandel erhalten Kurzarbeitergeld. Dies entspricht jedoch nur 60 bzw. 67 % ihres eigentlichen Nettogehaltes. Darüber hinaus werden die betroffenen Mitarbeiter monatelang zu einem deprimierenden und erniedrigenden Nichtstun verurteilt.

Natürlich sollen soziale Kontakte reduziert werden, aber das muss doch alles nach den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und Gleichbehandlung geschehen.

In meinen Heimwerkermärkten befinden sich üblicherweise zehn bis zwanzig Kunden gleichzeitig auf ca. 800 Quadratmetern Fläche. Das macht 40 bis 80 Quadratmeter pro Kunde.

Im Supermarkt nebenan reicht es aus, wenn ein Kunde zehn Quadratmeter zur Verfügung hat. 80 Kunden auf 800 Quadratmeter sind erlaubt – 10 - 20 Kunden auf 800 Quadratmeter sind verboten - wo bleibt da die Gleichbehandlung?

Meine Heimwerkermärkte müssen schließen, im Gegensatz dazu darf der Drogeriemarkt im selben Einkaufszentrum, der nicht nur die Grundversorgung der Bevölkerung bedient, öffnen. Und dies obwohl er im großen Stil die gleichen Sortimente wie viele Facheinzelhändler und meine Heimwerkermärkte führt (Spielwaren, Schreibwaren, Haushaltswaren, etc.).

Die Drogeriemärkte dürfen sich über enorme Umsatz- und Gewinnzuwächse freuen, während bei tausenden Facheinzelhändlern und meinen Märkten der Umsatz auf null zurückgegangen ist.

Nun werden die Friseurläden aufgesperrt. Erfreulich.

Aber warum erlauben Sie, dass jemand 2 Stunden lang mit engstem Körperkontakt eine Dauerwelle gelegt bekommt, während ein 5-Minuten-Besuch eines einzelnen Kunden in einem Blumenladen, Bücherladen etc. mit geöffneten Fenstern strengstens verboten ist?

Das ergibt doch keinen Sinn!

Für all das haben große Teile der Bevölkerung - und auch ich - kein Verständnis mehr. Erlauben Sie spätestens ab Mitte März der Gastronomie, kulturellen Einrichtungen und dem Einzelhandel mit bewährtem Hygienekonzept wieder zu öffnen!

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Söder,

Verhindern Sie eine dauerhafte Verödung der Innenstädte und eine beispiellose Pleitewelle in weiten Teilen unserer mittelständischen Wirtschaft.

Ihr Manfred Herz

Einzelhändler und Immobilieninvestor im Landkreis Starnberg und München

Marie-Julie Hlawica

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