Experten schlagen Alarm

Vergessener Movember? Münchner versäumen wegen Corona ihre Krebs-Vorsorge

Einer der prominentesten Münchner Teilnehmer am Movember: Red-Bulls-
Eishockey-Spieler Konrad Abeltshauser engagiert sich seit langem. Einer seiner Freunde erkrankte mit 20 an Hodenkrebs.
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Einer der prominentesten Münchner Teilnehmer am Movember: Red-Bulls- Eishockey-Spieler Konrad Abeltshauser engagiert sich seit langem. Einer seiner Freunde erkrankte mit 20 an Hodenkrebs.

Der „Movember“ will auf die Vorsorge bei Prostata- und Hodenkrebs aufmerksam machen - mit dem Markenzeichen Schnurrbart. Wegen Corona ist unklar welche Aktionen stattfinden können.

  • Der „Movember“ will auf Vorsorge bei Prostata- und Hodenkrebs aufmerksam machen.
  • Wegen Corona ist unklar welche Aktionen stattfinden können.
  • Experten schlagen bei Krebs-Vorsorge bei Männern Alarm...

Männergesundheit ist wichtig: Dafür wirbt der „Movember“ – ein Kofferwort aus dem Aktionsmonat November und Movement. Markenzeichen, um auf Vorsorge bei Prostata- und Hodenkrebs sowie mentale Gesundheit aufmerksam zu machen, ist der Schnurrbart, den sich auch Nicht-Bartträger dann stehen lassen.

Wegen Corona ist aber unklar, welche Aktionen heuer stattfinden können. Auch stehen prominente Teilnehmer wie Koni Abeltshauser von den Red Bulls aufgrund der Corona-Pause nicht so sehr im Fokus wie sonst.

Die Aktion „Movember“ will auf die Prostata und Hodenkrebs-Vorsorge Aufmerksam machen

Doch das Thema ist wichtiger denn je. „Vorsorge­untersuchungen wurden aufgeschoben.“ Diese Erfahrung haben die Ärzte der Urologischen Klinik und Poliklinik der LMU in den vergangenen Monaten gemacht, berichtet Oberarzt Dr. Alexander Kretschmer. Markus Besseler von der Bayerischen Krebsgesellschaft (BKG) erklärt: „Eine Chirurgin hat mir berichtet, dass es Tumore gibt, die man im Frühjahr hätte operieren können, nun ist diese Behandlungsmethode nicht mehr möglich.“

Das liege an aufgeschobenen OPs, aber auch an zurückhaltenden Patienten, die aus Sorge, sich anzustecken, Termine nicht wahrnehmen.

Priv. Doz. Dr. Alexander Kretschmer

Welche Folgen das langfristig hat, klären derzeit mehrere Studien – mit Ergebnissen rechnet man 2021. Die Sorge: „Es könnte zu einer Stadien-Verschiebung kommen, bei dem weniger Menschen in frühen, mehr in späteren Krebsstadien diagnostiziert werden“, warnt Priv. Doz. Kretschmer. Bisher erkranken in Bayern pro Jahr 7500 an Prostata-, 600 an Hodenkrebs.

Im zweiten Quartal 2020 war gegenüber dem vergleichbaren Vorjahresquartal in Bayern ein Rückgang um 17 Prozent bei der Untersuchung zur Früherkennung von Krebserkrankungen beim Mann zu verzeichnen. Zahlen für das dritte Quartal liegen noch nicht vor.

Risiko für Männer - Krebs-Vorsorge wird durch Corona seltener in Anspruch genommen

Schon vor der Pandemie nutzten nur 40 Prozent der Männer ab 35 Jahren das Vorsorgeangebot (Infos siehe unten). Auch Hilfsangebote nehmen Männer seltener in Anspruch: Nur ein Drittel der Hilfesuchenden bei der Beratung der BKG ist männlich. „Eine Krebserkrankung ist ein einschneidendes Ereignis. Prostata- und Hodenkrebs greifen die Identität des Mannes an“, erklärt Besseler.

Um die Patienten- sowie Ärztesicht geht es beim Krebs-Informationstag, der am Samstag, 24. Oktober, digital stattfindet. Kostenlose, auch kurzfristige Anmeldung unter www.krebsinfotag-muenchen.de.

Priv.-Doz. Dr. Alexander Kretschmer, 34 Jahre, Oberarzt Urologische Klinik und Poliklinik

Krebsvorsorge – wann schlägt dieses Thema bei Männern auf?
In der Regel eher spät, bei manchen Männern nie. Frauen gehen regelmäßiger zum Arzt und somit zur Vorsorge. Für die Vorsorge bei Männern können auch Frauen ein wichtiger Faktor sein. Wir stellen auch fest, dass Männer mitunter mehr vom Arztgespräch behalten, wenn die Partnerin dabei ist.
Weswegen sind Männer so Vorsorge-faul?
Das Bewusstsein dafür fehlt. Auch Scham ist ein Faktor. Kein Mann geht gerne zum Urologen. Aber die Scham kann man in einer professionellen Umgebung gut nehmen.
Frauen wird geraten, regelmäßig ihre Brust abzutasten. Was können Männer bei der Früherkennung von Tumoren tun?
Männer können regelmäßig beispielsweise unter der Dusche ihren Hoden abtasten, ob dort Knoten oder ähnliches zu ertasten sind. Wenn sie frühzeitig entdeckt werden, sind diese Tumore häufig sehr gut zu behandeln.
Ab 45 Jahren sollen laut Deutscher Urologischer Fachgesellschaft Männer jedes Jahr zur Vorsorge-Untersuchung beim Urologen. Dabei wird die Prostata abgetastet, um Wucherungen zu erkennen – Experten warnen: Wenn man dabei etwas findet, ist das häufig eher in einem fortgeschrittenen Stadium. Auch der PSA-Wert ist nicht unumstritten und wird derzeit nicht von der Kasse bezahlt. Warum?
Der PSA-Wert ist ein Indikator, keine Diagnose. Er kann erhöht sein durch eine vergrößerte Prostata, Geschlechtsverkehr, Fahrradfahren oder Entzündungen. Daher gibt es in der täglichen Praxis auch falsch positive Befunde. Der Wert hinterlässt Interpretationsspielraum und sollte deswegen von Experten beurteilt werden. Erst durch eine invasive Stanz-Biopsie (über den Enddarm oder den Damm) wird die Diagnose erstellt – ein invasives Verfahren mit Risiken. Die Gefahr bei der Entdeckung von sehr wenig aggressiven Prostatakarzinomen ist, zu Übertherapieren. Wenn es ein weniger aggressiver Tumor ist gilt häufig: Man stirbt mit dem Karzinom, nicht an diesem.
Was empfehlen Sie?
Die Vorsorge-Untersuchung ist sinnvoll – die Ergebnisse müssen aber richtig interpretiert werden. Einen PSA-Test kann für Männer zwischen 45 und 70 Jahren ratsam sein – wenn der Patient über den Test gut informiert wurde oder sich selber schon informiert hat. Wer familiär vorbelastet ist, auch durch Brustkrebs, kann sich schon ab 40 testen lassen. Zudem kann ein MRT von der Prostata erstellt werden – ebenfalls keine Kassenleistung. Das ergänzt die Diagnose, und es werden erwiesenermaßen weniger unnötige Biopsien durchgeführt. In München gibt es viele Radiologische Praxen, daher kommt zu uns in die Klinik kein Patient, bei dem nicht vorher schon ein MRT gemacht wurde.
Wie hat Corona die aktuelle Lage beeinflusst?
Das kann man abschließend noch nicht sagen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass auch Vorsorgeuntersuchungen aufgeschoben wurden. Die Sorge: Es könnte zu einem Stadien-Shift kommen, bei dem weniger Menschen in früheren, mehr in späteren Krebsstadien diagnostiziert werden. Aber hierzu laufen gerade zahlreiche Studien, deren Ergebnisse wir frühestens nächstes Jahr erwarten.

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