Pandemie, Bürokratie, Fachkräftemangel

Corona-Schutzwall am Limit: Arzthelfer aus München schlagen Alarm

Ein Streik-Plakat wird an das Schild einer Allgemeinarztpraxis gehängt.
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Bei medizinischen Fachangestellten stehen die Zeichen auf Streik - spätestens seit der Corona-Pandemie arbeiten sie am Limit

Es liegt Streik in der Luft: Medizinische Fachangestellte sind längt an ihrer Belastungsgrenze angekommen - auch in München. Wo es hakt und was sie fordern...

  • Medizinische Fachangestellte aus München schlagen Alarm.
  • Zu einer hohen Arbeitsbelastung und Fachkräftemangel kommt jetzt noch die Corona-Pandemie.
  • Im Dezember stehen Tarifverhandlungen für bessere Löhne an.

München - Wo normalerweise ein Foto von Matthias Glasow zu sehen ist, prangt seit einigen Tagen nur noch ein Schriftzug: „MFA am Limit“ heißt es auf dem Facebook-Profilfoto des 33-Jährigen auf knallrotem Hintergrund.

München: Medizinische Fachangestellte sind wegen Corona am Limit

Die Signalfarbe ist Absicht: Medizinische Fachangestellte – umgangssprachlich Arzthelfer­ – wie Glasow wollen Alarm schlagen: „Unsere Arbeitsbelastung ist seit Corona extrem hoch, aber das wird von keiner Seite gewürdigt“, sagt der Angestellte einer dermatologischen Praxis in der Altstadt. „Dabei würde ohne uns die ambulante Versorgung zusammenbrechen.“

Ein Grund für den Frust: Medizinische Fachangestellte verdienen in der Regel weniger als Angehörige anderer Gesundheitsberufe (siehe Infokasten am Ende des Artikels). Seit der Pandemie müssen sie neben ihren normalen Aufgaben Hygienekonzepte und Corona-­Abstriche organisiert, Fieber messen und verunsicherte Patienten beraten. Überstunden sind an der Tagesordnung. „Manchmal bleiben mir von meiner Stunde Mittagspause keine zehn Minuten mehr“, erzählt Glasow.

München: Praxispersonal wird beleidigt oder sogar bedroht

Gleichzeitig nimmt die Ungeduld der Patienten zu, etwa weil Telefonleitungen belegt sind, sie in der Praxis Maske tragen oder auf einen Arzttermin warten müssen. „Wir werden häufig am Telefon beleidigt, Hörer werden aufgeknallt. Ich habe aber auch schon von Kolleginnen gehört, die bedroht wurden, dass man auf sie warten würde, bis sie Feierabend haben“, so der 33-Jährige.

Endlich eine angemessene Würdigung seiner Arbeit wünscht sich Matthias Glasow. Er ist medizinischer Fachangestellter in einer dermatologischen Praxis in München.

Im Gegensatz zu Pflegekräften und Krankenhauspersonal haben Glasow und seine Berufskollegen aber bisher weder einen Corona-­Bonus noch andere Zuwendungen erhalten. „Wir werden von der Politik überhaupt nicht erwähnt. Als wären wir Heilberufler zweiter Klasse.“

19 von 20 Corona-Patienten werden ambulant versorgt

Um auf den Missstand aufmerksam zu machen, hat der Verband medizinischer Fachberufe darum nun die Aktion „MFA am Limit“ ins Leben gerufen. „Die medizinischen Fachangestellten sind der Schutzwall, der einen Großteil der Covid19-­Patienten vor den Kliniken zurückhält“, macht die Verbandsvorsitzende für Bayern und Baden-Württemberg, Stefanie Teifel, die Dringlichkeit deutlich. 19 von 20 Corona-­Patienten werden ambulant und nicht stationär versorgt.

Stefanie Teifel ist Vorsitzende des Verbands für medizinische Fachberufe in Bayern und Baden-Württemberg.

Dabei ist die Corona-­Krise nur das i-Tüpfelchen der Probleme. Claudia G. weiß das aus eigener Erfahrung: Seit 35 Jahren ist sie als medizinische Fachangestellte tätig, aktuell in einer Allgemein- und Frauenarztpraxis im Münchner Westen. „Seit Jahren wird die Belastung in unserem Beruf immer größer. Vor allem die Verwaltungsarbeit ist wesentlich mehr geworden.“

MFA in München: Vor allem Verwaltungsarbeit nimmt immer mehr zu

Beispiel Corona-Tests: Für Abstriche beim Hausarzt gibt es mehr als fünf verschiedene Abrechnungsformulare. „Und die Vorgaben ändern sich wöchentlich“, so G.

Außerdem sind in den Praxen verschärfte Datenschutzvorgaben einzuhalten. Gleichzeitig werden die Dokumentationspflichten immer mehr. „Untersuchungen der Krebsvorsorge müssen wir mittlerweile dreifach dokumentieren: auf Karteikarten, auf Überweisungsscheinen und seit dem 1. November auch online. Das wird in keinster Weise honoriert.“

2000 Praxisangestellte pro Jahr wandern in Kliniken ab

Die Konsequenz: Weil die Kliniken zumindest nach öffentlichem Tarif bezahlen, wandern immer mehr ausgebildete MFA dorthin ab, aktuell sind es bundesweit 2000 pro Jahr. Damit steigt der Druck in den ambulanten Praxen, qualifiziertes Personal zu finden weiter.

Am 8. Dezember geht der Verband medizinischer Fachberufe jetzt in Tarifverhandlungen. Ziel ist, die Gehälter an die Bezahlung im öffentlichen Dienst anzugleichen, um die Abwanderung an die Kliniken zu stoppen. Je nach Ausgang könnten weitere Aktionen folgen – Streiks nicht ausgeschlossen. Immerhin: Kürzlich hat die Bayerische Landesärztekammer beschlossen, dass auch Arzthelfer eine Corona­-Prämie bekommen sollen.

Doch nur mehr Geld reicht den Betroffenen nicht aus: „Wirkliche Wertschätzung geht darüber hinaus“, findet Matthias Glasow. „Sie kommt vor allem aus der Gesellschaft.“ rea

Weniger Gehalt - weniger Fachpersonal?

Etwa 72 000 medizinische Fachangestellte gibt es in Bayern. 2019 verdienten Vollzeitbeschäftigte nach Angaben der Agentur für Arbeit im Schnitt 2558 Euro brutto – und damit deutlich weniger als Altenpfleger (3217 Euro brutto).

In München verdienen viele Arzthelfer zwar übertariflich. Dafür sind die Lebenshaltungskosten – allein beim Wohnen – wesentlich höher. Das verschärft den Personalmangel in der Stadt.

Bundesweit erfüllt die Berufsgruppe MFA zwei von drei Kriterien für einen nachgewiesenen Fachkräfte-Engpass. Erstens: Auf 100 freie Stellen kommen weniger als 200 Arbeitslose. 2019 kamen laut Bundesagentur für Arbeit 132 arbeitslose Arzthelfer auf 200 freie Stellen. Zweitens: Die berufsspezifische Arbeitslosenquote liegt unter drei Prozent. Bundesweit ist diese bei MFA bei 1,8 Prozent – in Bayern sogar nur bei 0,9 Prozent.

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